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Stadt München befürchtet Schuldner-Welle | BR24

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Kurzarbeit, weniger Aufträge, geschlossene Geschäfte. Die Corona-Pandemie treibt viele in einen finanziellen Engpass. Das merken nun auch die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in München. Die Anfragen nehmen stark zu.

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Stadt München befürchtet Schuldner-Welle

Kurzarbeit, weniger Aufträge, geschlossene Geschäfte. Die Corona-Pandemie treibt viele in einen finanziellen Engpass. Das merken nun auch die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in München. Die Anfragen nehmen stark zu.

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Wenn bei Erika Gehrke das Telefon klingelt, ruft meistens jemand an, der in Schwierigkeiten steckt. Erika Gehrke arbeitet bei der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung in München. Momentan klingelt ihr Telefon öfter als sonst. Schuld ist die Corona-Krise.

In den letzten Wochen haben die Nachfragen stark zugenommen. "Es zeigt sich, dass viele in Schieflage geraten sind, die knapp kalkuliert haben, von Monat zu Monat leben und jetzt merken, es geht einfach nicht mehr."

Alle Branchen betroffen

Erika Gehrke kann keine Branche festmachen, die es besonders schwer getroffen hat. Ihre Klienten kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Aus der Veranstaltungstechnik, viele Kleinselbstständige, Nageldesignstudios, Friseure, zahlreiche Künstler. Momentan betreut sie zwei Musiker und zwei Maler. Viele aus der Gastronomie. Denn eine Lohnfortzahlung ersetzt nicht das Trinkgeld, auf das viele angewiesen sind.

Auch die Kurzarbeit hat viele getroffen. Eine Frau hat sich erst vor wenigen Tagen bei der Schuldnerberatung gemeldet. Laut Gehrke habe die Münchnerin ihren Dispo immer voll ausgenutzt. Das sei lange gut gegangen, bis Corona und die Kurzarbeit kam. Nun hat die Bank ihr das Konto gekündigt und die Frau weiß nicht mehr weiter.

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Beratungsstelle rechnet mit großem Ansturm

Die meisten Menschen, die bei Erika Gehrke anrufen, sind verzweifelt. Die Beraterin will ihnen die Angst nehmen. Es gebe viele Mittel und Wege, z.B. Verträge kündigen, Stundungen und Hilfen beantragen. Sie stellt aber auch fest, dass die meisten erst sehr spät anrufen. "Manche, die jetzt anrufen, hätten lieber schon früher kommen sollen, da war es schon immer knapp", so Erika Gehrke.

Zeitig anrufen lohnt sich auch deshalb, weil die Wartezeiten auf einen Beratungstermin in den nächsten Monaten wohl noch länger werden. Erika Schilz leitet die städtische Schuldner- und Insolvenzberatungstelle in München. Sie geht davon aus, dass eine Welle von Insolvenzen auf uns zukommen wird.

Wartezeit auf Beratungstermine wird steigen

Fast 180 Beratungsstellen für Schulden und Insolvenz gibt es in ganz Bayern, neun sind es allein in München. 6.000 Personen haben dort im letzten Jahr Rat gesucht. Zusätzlichen haben sich 4.000 Münchner am Telefon beraten lassen. Schon jetzt beträgt die Wartezeit auf einen Beratungstermin bis zu drei Monate. Sind die Beratungsstellen auf diesen Ansturm überhaupt vorbereitet?

Erika Schilz wiegelt ab. "Wir sind innerlich gewappnet, weil wir das auf uns zukommen sehen." Doch der Personalstand sei der gleiche wie zuvor. Sie bittet deshalb alle Betroffenen, sich rechtzeitig zu melden, da eine Beratung von heute auf morgen nicht möglich sein wird.

Schuldenfalle kann jeden treffen

In der Praxis beobachtet sie oft, dass viele erstmal versuchen, das Problem allein zu lösen. Schulden seien außerdem oft mit Scham verbunden. Das Thema Schuld werde oft moralisiert, davon sollte man Abstand nehmen. Das sei ein Phänomen unserer Gesellschaft. "Jetzt in der Krise zeigt sich auch, es kann alle treffen." Gerade in München ist das Leben, besonders die Mieten sehr teuer. "Da muss nicht viel passieren, bis die Ressourcen aufgebraucht sind", so Erika Schilz.

Erika Gehrke macht bei ihren Beratungen die gleichen Erfahrungen. Ihre Klienten kommen aus allen Einkommensschichten. Auch Menschen, die vorher sehr gut verdient haben, rutschen in die finanzielle Schieflage. Beide Frauen sind sich aber einige: Wenn jemand bei einer Beratungsstelle anruft, dann hat er schon viel geschafft, nämlich indem er zum Hörer greift und sich Hilfe holt.

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