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Lehrerin Marie Schwinghammer (l.) im Gespräch mit Schüler Sherwan Amou (m.). Nadine Jaber (r.) übersetzt als Sprachmittlerin.

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Sprachmittler für Schulen: Würzburg nimmt Ausbildung in die Hand

Sprachmittler für Schulen: Würzburg nimmt Ausbildung in die Hand

Was bedeutet Realschule? Wie gut müssen meine Deutschkenntnisse sein? In Bayern angekommen, sehen sich Geflüchtete mit dem komplizierten Schulsystem konfrontiert. Sprachmittler sollen nun den Start in Würzburg erleichtern.

Gut 30 Interessierte sind zum Sprachmittler-Kurs gekommen. Stadt und Landkreis Würzburg nehmen diese Fortbildung selbst in die Hand. Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Unterfranken. Das Ziel: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen am Ende in Schulen Beratungsgespräche mit geflüchteten Eltern und Schülern übersetzen können, um diesen den Start zu vereinfachen. Eine der Teilnehmerinnen: Nadine Jaber. Sie ist vor sechs Jahren selbst aus Syrien hierhergekommen. "Ich hoffe, dass ich mehr Infos über das Schulsystem bekomme, damit ich die Übersetzungen dann besser durchführen kann", erzählt sie. Die Bauingenieurin und Mutter von zwei Söhnen will sich ehrenamtlich als Sprachmittlerin engagieren.

Sprachmittler für Schulen dezentral organisiert

Ein Sprachmittler-Netzwerk auf Landesebene gibt es nicht. Gut so, sagt der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband. Wo welcher Bedarf besteht, könne ohnehin am besten vor Ort festgestellt werden. Das Bayerische Kultusministerium befürwortet die dezentrale Handhabe ebenfalls und antwortet auf Nachfrage von BR24 schriftlich: "Die in manchen Kommunen entwickelte Praxis, dass man neben den vom Kultusministerium ständig weiterentwickelten Beratungs-, Förder- und Integrationsangeboten auch über Vereine und Verbände sowohl Sprachmittler an Schulen vermittelt als auch diese selbst für die Sprachübertragung ausbildet, ist begrüßenswert und selbstverständlich eine weitere Möglichkeit, auf den Bedarf zu reagieren."

Bedarf ist hoch, Tendenz steigend

Und der ist hoch, Tendenz steigend: Allein aus der Ukraine sind seit Kriegsbeginn dort gut 30.000 Kinder und Jugendliche nach Bayern gekommen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg rechnet in den nächsten Monaten mit weiteren flüchtenden Menschen auch aus anderen Ländern. Wieder tausende Kinder – sie alle wollen und sollen zur Schule gehen. Eine Mammutaufgabe wird zum einen sein, alle Kinder an den entsprechenden Schulen zu integrieren. Eine andere, mit den Eltern und jungen Erwachsenen zu kommunizieren, um sie gut beraten zu können. Denn Statistiken, nicht zuletzt die PISA-Studie, zeigen, wie wichtig die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften für den schulischen Erfolg der Kinder ist. "Das System zu verstehen ist ein wichtiger Schritt, um die Menschen zu befähigen, Entscheidungen selbst zu treffen", so Sen.

Kultur und Sprache vermitteln schafft Vertrauen

Umso wichtiger sind Sprachmittler, die sowohl sprachlich als auch kulturell vermitteln können. Denn die Menschen aus anderen Ländern haben viele Fragen zum bayerischen Schulsystem: Gibt es Privatschulen hier? Ist das sehr verbreitet? Kann mein Kind nach der Deutschklasse eine normale Schule besuchen? Ab welchem Niveau ist das möglich? Was bedeutet Realschule? Kann ich danach noch studieren? Bildungskoordinatorin Zeynep Sen vom Sozialreferat der Stadt weiß um die Sorgen der Eltern – und deshalb um die wichtige Aufgabe von Sprachmittlern: "Wenn ich jemanden aus meinem Kulturkreis habe, der das bayerische Bildungssystem kennt, aber auch transferieren kann in das Bildungssystem der Heimat, Parallelen aufzeigen kann, dann können das die Menschen viel besser verstehen." Die Eltern und und Jugendlichen lernen so, dem Bildungssystem und letztlich dem Staat zu vertrauen, betont Sen. Mithilfe der Sprachmittler wollen Sen und ihre Kollegin Jana Hölz vom Landkreis Würzburg genau solche kulturellen Unterschiede sprachlich vermitteln. "Man muss sozusagen eine Transferleistung beim Übersetzen schaffen", so Sen.

Zu wenige Sprachmittler für großen Bedarf

Aktuell sind in Stadt und Landkreis Würzburg nur 30 dieser Sprachmittler, die im Pool des Paritätischen Wohlfahrtsverbands registriert sind, unterwegs – gleichzeitig gibt es mehr als 700 Anfragen jährlich. Am meisten werde arabisch angefragt, erklärt Dadiana Rusu vom Wohlfahrtsverband. Die wenigsten personellen Ressourcen habe sie für somali und amharisch. Sprachmittlerinnen und Sprachmittler wie Nadine Jaber können angefragt werden von Privatpersonen aus Würzburg und dem Landkreis Würzburg, die erst kurze Zeit in Deutschland sind oder wenig Deutschkenntnisse haben. Gebucht werden die Sprachmittler dann für eine kleine Aufwandsentschädigung. Die Kosten übernimmt der Wohlfahrtsverband.

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