BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Sperma per Klick: Singlefrauen setzen auf Samenspenden | BR24

© BR24

Als Single-Frau ein Kind bekommen mit Hilfe einer Samenspende. Hanna hat's gemacht. Ein Interview.

30
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Sperma per Klick: Singlefrauen setzen auf Samenspenden

Seit rund zwei Jahren verzeichnen Samenbanken und Mediziner einen Trend in Bayern: Immer mehr alleinstehende Frauen wollen ein Kind. Mit Hilfe einer anonymen Samenspende erfüllen sich viele ihren Kinderwunsch. Aber wie geht es dem Spenderkind damit?

30
Per Mail sharen

Es ist ihr allergrößter Wunsch: ein Baby. Lena – so nennen wir sie, sie will anonym bleiben - ist 39 Jahre alt, lebt in München, ist Vertriebsmanagerin und Single. Sie wollte schon immer Kinder haben, eine Familie gründen. Sie hat aber nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. "Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich nicht jünger werde und der richtige Mann nicht an meiner Seite ist", erzählt Lena. Sie hat sämtlichen Möglichkeiten durchgespielt, lange im Netz recherchiert und ist schließlich auf ein schwules Paar mit Kinderwunsch gestoßen. Sie trafen sich, besprachen das weitere Vorgehen. Aber bald stellte sich heraus, dass die Vorstellungen doch zu unterschiedlich waren.

Anonyme Samenspende: Per Mausklick Vater in den Warenkorb

Für Lena war dann klar: Sie will alleine ein Kind, also eine Solomutter sein. Sie nahm Kontakt zu einem Kinderwunschzentrum in München auf. Hier wird sie aktuell behandelt. Mit Hilfe eines unbekannten Spenders möchte sie sich ihren größten Wunsch erfüllen. Auf einer Online-Spendersamenbank suchte sie den potenziellen Erzeuger ihres geplanten Kindes. "Es ist schon abstrakt. Es ist wie ein Interneteinkauf. Man wählt den Vater des Kindes per Klick aus, setzt das ausgesuchte Sperma in den Warenkorb und lässt es sich zuschicken", berichtet Lena. Es gibt verschiedenen Informationen zum Samenspender: Größe, Gewicht, Haarfarbe, Augenfarbe, Herkunft, Bildungsstand und die Qualität der Spermien. Auch ein Kinderfoto des Spenders ist zu sehen. In der Premiumversion sieht man auch das Erwachsenenfoto. Manchmal ist ein Brief des Spenders hinterlegt, in dem steht, warum der Mann seinen Samen spendet.

Singlefrau Lena: "Ein Leben ohne Kind bedeutet Stillstand"

Lena ist vor allem nach Gesundheit und Bildungsgrad gegangen. "Ich möchte schon jemanden haben, der nach etwas strebt, dass der was im Kopf hat." Viermal hat die 39-Jährige es schon probiert, bisher ohne Erfolg. Sie ist nicht schwanger geworden. Für jeden Versuch hat die Vertriebsmanagerin mehr als 1.200 Euro bezahlt, nur für das Sperma. Dazu kommen noch 400 bis 800 Euro pro Behandlung. Die Krankenkasse übernimmt davon nichts. Sie zahlt nur für verheiratete Paare. Dabei wünschen sich immer mehr Singlefrauen ein Kind. Allein in der Münchner Praxis von Reproduktionsarzt Jörg Puchta waren im vergangenen Jahr mehr als 200 alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch. Das sind fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor, berichtet Puchta.

Gesellschaft verändert sich: Mehr alternative Familienmodelle

Der Münchner Mediziner – seit 20 Jahren im Geschäft - hat durch seine Patienten gelernt, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Es gibt nicht mehr nur das klassische Familienmodell "Vater-Mutter-Kind". "Das Entscheidende ist doch, dass das Kind geliebt wird. Ich glaube, es wird von Single-Müttern genauso geliebt wie von gleichgeschlechtlichen Müttern und von normalen heterosexuellen Paaren." Der Berufsverband Reproduktionsmedizin Bayern – kurz BRB – bestätigt den Trend: Die Zahl der künstlichen Befruchtungen im Freistaat hat sich überproportional entwickelt. Die Gründe: Den Frauen in Bayern geht es wirtschaftlich besser und im Vergleich zu anderen Bundesländern gibt es im Freistaat kein Verbot, Spendersamen bei homosexuellen Paaren oder alleinstehenden Frauen zu verwenden, teilt der BRB mit.

22 Kinderwunschzentren und zwei Samenbanken in Bayern

Für die Samenspenden gibt es bundesweite Voraussetzungen. Die sind im Samenspenderregistergesetz (seit Juli 2018 in Kraft) geregelt. Dazu gehört auch, dass Samenspender keine rechtlichen Väter sind und keine Unterhaltszahlungen leisten müssen. In einem zentralen bundesweiten Register über das DIMDI (Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information) werden alle Samenspenden gespeichert. So können zum Beispiel Eltern von Spenderkindern kurz nach der Geburt die Identität des Spenders erfragen. Kinder von Samenspendern haben das Recht, mit 16 Jahren zu erfahren, wer ihr biologischer Erzeuger ist. Das Samenspenderregistergesetz hat die Rechte dieser Kinder gestärkt.

Kritik an anonymen Samenspenden: Kinder leiden

Die anonyme Samenspende ist nach wie vor umstritten. Der Verein "Spenderkinder" mit rund 200 durch Samenspende gezeugten Erwachsenen lehnt die Samenspenden ab. Schätzungsweise gibt es laut Verein mehr als 100.000 dieser Kinder in Deutschland, aber die meisten wissen nicht von ihrer Zeugungsweise. "Viele von uns fühlen sich verletzt von der Art und Weise, wie Reproduktionsärzte uns angesichts des Wunsches behandelt haben", heißt es vom Verein. Sie fordern, dass durch eine Samenspende gezeugte Kinder möglichst früh über ihre Herkunft aufgeklärt werden sollten. Nur so könne man eine mögliche seelische Belastung der Kinder verhindern.

Das weiß auch Lena, Singlefrau mit Kinderwunsch. Das ist ihre größte Angst: dass ihr geplantes Kind darunter leidet, seinen Vater nicht zu kennen. "Das beschäftigt mich am meisten, dass das Kind die ganze Zeit zweifelt, wo es herkommt und dass das Kind nicht stabil wird, weil die zweite Hälfte der Gene halt nicht bekannt ist." Zweimal will Lena es noch probieren, ein Kind zu bekommen. Anfangs war sie euphorisch, ist davon ausgegangen, dass es sofort klappt. Mittlerweile ist sie verunsichert, zumal die psychische Belastung mit jedem Fehlversuch größer wird. Aber noch will sie nicht aufgeben. Zu stark ist ihr Wunsch nach einem eigenen Baby.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!