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Bildrechte: BR / Tobias Hildebrandt

Im Nördlinger Ries haben Archäologen ein Gräberfeld freigelegt. Gefunden wurde ein wertvoller Kamm und zwei Skelette bei denen die Fachleute darüber spekulieren, warum sie händchenhaltend in ihrem Grab lagen.

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Spektakulärer Knochenfund im Ries: Liebespaar und "Hipster-Kamm"

Archäologen haben ein fast 1.500 Jahre altes Gräberfeld im Nördlinger Ries freigelegt. Ein einzigartiger Fund ist dort ein Kamm aus Elfenbein in einem Rittergrab. Und: Zwei Skelette, die eine tragische Liebesgeschichte erzählen.

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Tobias HildebrandtTobias Hildebrandt
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Anthropologin Eva Kropf ist tief über die Knochen gebeugt. Schnell stellt sie fest: "Die Wachstumsfugen sind hier überall geschlossen, also definitiv Erwachsene, um die 20 – aufwärts!" In dem offenen Grab liegen die Skelette zweier Menschen. Es sticht sofort ins Auge: Die beiden halten Händchen! Die linke Hand des einen und die rechte Hand des anderen sind ineinander verschränkt. Mit feinem Werkzeug, teilweise Zahnarztbesteck, kratzt ein Grabungshelfer letzte winzige Erdkrümel von den Beinknochen.

Ausgrabungen wurden geheim gehalten

Das Gräberfeld neben einem Neubaugebiet in Deiningen im Nördlinger Ries hat den Sommer über gleich mehrere spektakuläre Funde zutage gebracht. Der BR konnte die Arbeiten exklusiv begleiten und den Archäologen bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen. Aus Angst vor Raubgräbern werden laufende Arbeiten bis zu ihrem Abschluss stets geheim gehalten. Für Ausgrabungschef Manfred Woidich sind die beiden Skelette, ein Mann und eine Frau, spektakulär, "weil die beiden einen persönlichen Bezug zueinander aufzuweisen scheinen. Dadurch, dass die Hand des Mannes über die Hand der Frau gelegt wurde. Da ist die persönliche Situation das Beeindruckende." Später soll die Anthropologin noch versuchen, die Todesursache zu bestimmen.

Archäologe: "Die ältesten Deininger waren vielleicht Hipster!"

Nur ein paar Meter weiter sind die Archäologen auf ein Rittergrab gestoßen. Mit prächtigen Grabbeigaben, vor allem Waffen. Noch spannender ist aber ein Detail: ein Kamm. "Normalerweise sind Kämme eher in Frauengräbern zu erwarten, treten aber auch regelmäßig in Männergräbern auf. Da kann man davon ausgehen, dass der Mann wahrscheinlich lange Haare und einen Bart hatte, den er dann mit Schere und Kamm pflegte – die ältesten Deininger waren vielleicht auch Hipster…!" sagt Archäologe Woidich und lacht.

Elfenbein-Kamm nördlich der Alpen einzigartig

Im Labor des Landesamtes für Denkmalpflege in Thierhaupten wird sich Wochen später zeigen, wie außergewöhnlich der Kamm tatsächlich ist: Er ist aus Elfenbein! Und nachdem der Restaurator Stunde um Stunde mithilfe eines Mikroskops und feinstem Werkzeug fast jedes Sandkorn einzeln entfernt hat, zeigt sich: Auf der Vorder- und Rückseite sind jeweils Tiere eingeritzt – sie ähneln Antilopen – die vor Raubtieren fliehen. Das macht den Fund nördlich der Alpen einzigartig, heißt es beim Landesamt für Denkmalpflege. Außerdem ist er mit 14 Zentimetern Länge einer der größten Kämme, die man in frühmittelalterlichen Gräbern gefunden hat.

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"Hipster-Kamm", der bei Deiningen in einem Rittergrab gefunden wurde.

Ritter legte Wert auf Körperpflege

Wie der zuständige Gebietsreferent des Landesamtes, Johann Friedrich Tolksdorf, sagt, helfen die Funde zu verstehen, wie sich unsere Vorfahren in Szene setzen ließen – wie bei dem "Hipster-Kamm": "Wir dürfen uns da jetzt nicht den ungepflegten Krieger vorstellen, sondern schon jemanden, der auf der einen Seite natürlich zeigt, was er für ein gewaltig abschreckender Mann ist, auf der anderen Seite aber auch durchaus zeigt, dass er kultiviert ist und auf Körperpflege großen Wert legt."

Quadratmeterpreise steigen um bis zu 50 Euro

Das Gräberfeld in Deiningen ist freigelegt worden, weil auf der Fläche am Ortsrand ein Neubaugebiet entsteht. Schon in den 1930er Jahren waren dort Gräber entdeckt worden, deshalb ging man auch jetzt davon aus, fündig zu werden. Insgesamt 75 Gräber haben die Archäologen den Sommer über ausgegraben. Die Kosten für Ausgrabungen trägt in Bayern stets der Grundstücksbesitzer, in diesem Fall die Gemeinde Deiningen, die die Fläche erschließen will. Durch den hohen Aufwand der Archäologen werden die Grundstückspreise für die Häuslebauer 30 bis 50 Euro pro Quadratmeter steigen.

Deiningen ist 200 Jahre älter als bisher angenommen

Dafür wächst aber auch das kulturelle Erbe Deiningens. Durch die Funde aus dem Frühmittelalter wird die Geschichte ein Stück weit neu geschrieben: Die Gemeinde mit rund 2.000 Einwohnern ist mindestens 200 Jahre älter als bisher bewiesen werden konnte. Es gibt eine erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 760 n. Chr. – das Gräberfeld ist nun der Beweis, dass schon deutlich früher Menschen im heutigen Deiningen siedelten.

Infektionskrankheit als mögliche Todesursache

Beim Liebespaar hebt Anthropolgin Eva Kropf jetzt vorsichtig die Knochen aus dem Grab – und verstaut sie nach einem festgelegten Schema in Plastiktüten. Die kommen ins Archiv. Eine Todesursache lässt sich aber nicht mehr sicher feststellen. "Hier sieht man kein offensichtliches Schädeltrauma, also so Dinge, die auf einen gewaltsamen Tod hinweisen könnten. Das Wahrscheinlichere ist irgendeine Infektionskrankheit", sagt Kropf. Einer könnte den anderen angesteckt haben – das würde auch erklären, warum beide gleichzeitig gestorben sind. Die Ausgrabungen in Deiningen geben spektakuläre Einblicke in den Alltag unserer Vorfahren vor fast 1.500 Jahren.

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