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30 Jahre Mauerfall: Späte Grenzöffnung in der Provinz | BR24

© BR Fernsehen

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war für Fritz Schmitt von der bayerischen Grenzpolizei die letzte Nachtschicht. Am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen wollten die Kollegen mit Sekt auf seinen Ruhestand anstoßen. Doch dann kam alles anders.

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30 Jahre Mauerfall: Späte Grenzöffnung in der Provinz

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war für Fritz Schmitt von der bayerischen Grenzpolizei die letzte Nachtschicht. Am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen wollten die Kollegen mit Sekt auf seinen Ruhestand anstoßen. Doch dann kam alles anders.

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Die Grenzanlage Eußenhausen-Meiningen liegt kurz hinter Mellrichstadt – da, wo Bayern endet und Thüringen beginnt. Auch hier läuft am Abend des 9. November 1989 das Fernsehgerät. Grenzpolizist Fritz Schmitt und seine Kollegen von Bundesgrenzschutz und Zoll hatten auch hier die Pressekonferenz von Günter Schabowski in Ostberlin mitverfolgt.

Dass der Grenzübertritt für alle DDR- Bürger "ab sofort und unverzüglich" auch hier in der bayerischen und thüringischen Provinz gilt, hielten sie nicht für möglich. Die würden jetzt in der Nacht auf der anderen Seite keinen Stempel herausrücken, war sich Fritz Schmitt sicher. Es war schon nach 3.00 Uhr nachts, der Morgen des 10. November war bereits angebrochen, als Bewegung in die Szenerie kam, so der Polizist: "Ich habe gedacht: Hoffentlich bleibt es noch ruhig, war ja meine letzte Nacht. Bis der Kollege dann plötzlich kam und sagte: Fritz, komm mal raus da bahnt sich was an."

"Stehen bleiben oder ich schieße"

Am drei Kilometer entfernten Hinterlandzaun standen die ersten Trabis schon seit Mitternacht, DDR-Bürger verhandelten mit den DDR-Grenzern. Es war heilloses Durcheinander, die internen Telefonleitungen waren blockiert. Einem DDR-Bürger wurde es dann zu bunt, wie er später dem BR-Reporter auf der anderen Seite erzählte: "Da bin ich dann losgelaufen und da stand der Turm noch und dann ruft noch der eine Grenzpolizist: Stehen bleiben oder ich schieße". Es fiel kein Schuss, die Grenzposten gaben den Weg frei, die ersten Trabis setzten sich in Richtung westdeutsche Grenze in Bewegung.

Der erste Trabi fährt über das BR-Lichtkabel

Auf bundesdeutscher Seite wartete ebenfalls seit Stunden ein Team des Bayerischen Rundfunks. Es war trist, dunkel, neblig und kalt. Das Team Peter Hartmann, Dieter Moser und Wolfgang Kraemer legte ein Lichtkabel und sah dann um 3.40 Uhr den ersten Trabi kommen. Wolfgang Kraemer erinnert sich noch genau an die Szene, die komischer nicht hätte sein können: "Der Trabifahrer hat sich zunächst nicht getraut rüber zu fahren, weil ihn unsere Scheinwerfer offenbar irritiert haben. Dann kam er doch und dann ist der erste Trabi genau über die Steckverbindung gefahren. Und es hat einen lauten Schlag getan und das Licht war aus."

"Vorkämpfer der Demokratie" am Grenzübergang

Die Szene wurde mit Licht wiederholt – und dann war auch hier die Grenze offen. Die ersten DDR-Bürger kamen zur kurzen Ausweiskontrolle zu den bundesdeutschen Polizisten und Zöllnern, konnten es nicht fassen, dass sie rasch durchgelassen wurden. Nicht ohne zuvor ein erstes Statement in die BR-Mikrofone abgegeben zu haben:

"Also ich möchte sagen, dass wir und diese Gruppe von diesem Auto, die Vorkämpfer der Demokratie am Meininger Grenzübergang waren. Und die ersten, die auch rübergefahren sind aufgrund der von uns erkämpften Rechte."

Den Boden geküsst

Auf bundesdeutscher Seite lief im Landkreis Rhön-Grabfeld die Alarmierungskette an. Walter Mitnacht vom Zoll wurde um 5.00 Uhr von der Nachtschicht aus dem Bett geholt. Es wurde ihm mitgeteilt, dass DDR-Bürger mit Trabis, Motorrädern und auch zu Fuß über die Grenze kommen. "Sie führen regelrechte Veitstänze auf. umarmen sich, grölen, jaulen und sind überglücklich." Auch Rhön-Grabfelds Landrat Fritz Steigerwald macht sich zusammen mit Hilfsdiensten wie Malteser oder Rotes Kreuz auf zum Grenzübergang und berichtet:

"Die ersten die ich gesehen habe, die fielen uns in die Arme, manche stiegen aus ihrem Trabi aus mit ihrem Blaumann aus dem Eisenbahnausbesserungswerk Meinigen, haben den Boden geküsst und haben Jubelschreie ausgerufen." Fritz Steigerwald, damaliger Bürgermeister von Rhön-Grabfeld

"So ein Tag so wunderschön wie heute", singen Arbeiter im Blaumann aus dem Reichsbahnausbesserungswerk in Meiningen. Sie hatten Nachtschicht, hörten die ganze Nacht hindurch Radio und wollten es "schnell einfach mal probieren". Einige wurden an der DDR-Grenze zunächst aufgehalten, weil sie kein DDR-Schild am Auto hatten. Erst als sie einen Aufkleber gekauft und angebracht hatten, durften sie fahren.

Hupend um den Marktplatz

Jubelnd fuhren sie nun über die Grenze ins nahe Mellrichstadt und umrundeten hupend den Marktplatz. Empfangen von noch zum Teil verschlafenen Mellrichstädtern. In Gruppen standen Ost- und Westdeutsche an diesem Morgen zusammen und konnten so recht gar nicht glauben, was da in den letzten Stunden passiert ist.

Über 50.000 Trabis und andere DDR-Fahrzeuge sind es am ersten Wochenende, die von Südthüringen nach Unterfranken kommen. Und die Verkehrshinweise im Radio klingen für einen bisher einsamen Grenzübergang unglaublich.

"Die Bayern 3-Verkehrsredaktion meldet: Am Grenzübergang Meiningen-Eußenhausen zwölf Kilometer Stau, das sind fünf Stunden Wartezeit in Richtung Bayern und auf der Bundesstraße 19 von Mellrichstadt bis Eußenhausen siebeneinhalb Kilometer Stau, das sind eineinhalb Stunden Wartezeit Richtung DDR."
© BR

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war für Fritz Schmitt von der bayerischen Grenzpolizei die letzte Nachtschicht. Am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen wollten die Kollegen mit Sekt auf seinen Ruhestand anstoßen.