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Späte Ehre für einen mutigen Ruhpoldinger | BR24

© BR/Christine Haberland

In Ruhpolding ist das Tagebuch des verstorbenen Gemeinderats Stefan Großglettner entdeckt worden. Es stellt sich heraus: Er leistete Widerstand gegen das NS-Regime. Das Schicksal des beeindruckenden Mannes ist nun Thema einer Ausstellung.

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Späte Ehre für einen mutigen Ruhpoldinger

In Ruhpolding ist das Tagebuch des verstorbenen Gemeinderats Stefan Großglettner entdeckt worden. Es stellt sich heraus: Er leistete Widerstand gegen das NS-Regime. Das Schicksal des beeindruckenden Mannes ist nun Thema einer Ausstellung.

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Die SPD in Ruhpolding feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass macht sich eine Arbeitsgruppe auf die Suche nach Dokumenten über die Geschichte des Ortsvereins. Und sie wird fündig: Schriftführerin Margarete Schürholt entdeckt im Heimatbuch der Gemeinde einen kleinen Absatz über einen gewissen Stefan Großglettner, sozialdemokratischer Gemeinderat in Ruhpolding von 1928 bis 1933.

"Spannend wie ein Krimi"

Als sie weiter recherchiert, stößt sie auf Großglettners Tagebuch, über 80 Jahre alt und in Sütterlin geschrieben. Georg Niermeier, ebenfalls vom SPD-Ortsverein, macht sich an die Arbeit und beginnt zu übersetzen, fünf bis sieben Seiten am Tag. Zwei Monate braucht er insgesamt. "Es war so spannend wie ein Krimi", sagt Niermeier.

Bei Studieren des Tagebuchs kommt heraus: Der ehemalige Gemeinderat Stefan Großglettner war ein beeindruckender Mann, der sich dem NS-Regime widersetzte. Er kämpfte für die sozial Schwachen und erreichte, dass die örtliche Schule vergrößert oder die Straße von Ruhpolding nach Inzell gebaut wurde. Jede Sitzung des Gemeinderats protokollierte er in dem Tagebuch, auch wer für oder gegen ein Projekt gestimmt hatte.

Großglettner warnte offen vor der NSDAP

Margarete Schürholt sagt über Großglettner, er sei ein akribischer Mann mit Rückgrad gewesen, in der Sache hart, aber höflich zu seinen politischen Gegnern. Er war ein Kommunalpolitiker mit Überzeugungskraft - und mutig. Der Ruhpoldinger trat im gesamten Landkreis auf, um vor den Nationalsozialisten zu warnen, die überall an Einfluss gewannen. Zweimal wurde er deswegen verhaftet und nach Dachau gebracht. Für seine Frau und die drei Kinder waren die Verhaftungen einschneidende Erlebnisse. Großglettners Enkelin Burgi Steinbacher weiß das aus Erzählungen ihrer Mutter.

"Die Polizei hat ihn abgeholt, das ging ruck, zuck. Und es war nicht klar, ob er überhaupt wiederkommt." Burgi Steinbacher, Enkelin von Stefan Großglettner

Auch als 1933 nach dem Ermächtigungsgesetz die NSDAP den Bürgermeister und die Mehrheit im Ruhpoldinger Gemeinderat stellte, hielt sich der einzige Sozialdemokrat Stefan Großglettner nicht zurück. Im Tagebuch beschrieb er diese erste Sitzung, in der die Mehrheit des Gemeinderats in Uniform erschien und wie er sich gegen die Wahl des neuen NSDAP-Bürgermeisters aussprach.

Tragisches Ende für einen mutigen Mann

Danach wurden die Repressalien schlimmer. Die Familie musste aus der Gemeindewohnung im Rathaus ausziehen. Stefan Großglettner arbeitete im Steinbruch, als Holzknecht und im Straßenbau. Wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs, im April 1945, wurde er doch noch in den Krieg geschickt. Er starb durch ein Missverständnis: Als er versuchte, eine brenzlige Situation zwischen Jugendlichen und amerikanischen Soldaten zu entschärfen und seinen KZ-Ausweis hervorholen wollte, dachten die Soldaten, er würde eine Waffe zücken. Sie erschossen ihn.

Stefan Großglettners Leichnam wurde nach seinem tragischen Tod nach Ruhpolding überführt und auf dem dortigen Friedhof beerdigt. Wer sein aus dem Sütterlin übersetztes Tagebuch liest, erkennt einen tapferen Mann, der Widerstand gegen die Nazis leistete. Nun kommt dieser couragierte Mann schließlich doch noch zu Ehren.