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Sozialkaufhäuser leiden unter Corona-Krise

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Sozialkaufhäuser leiden unter Corona-Krise

Im Einzelhandel und in der Gastronomie brechen die Umsätze ein, immer mehr Geschäfte geben auf. Angesichts dessen müssten die Sozialkaufhäuser eigentlich einen Ansturm erleben. Tatsächlich aber macht die Corona-Krise auch ihnen schwer zu schaffen.

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Von
  • Mathias Flasskamp

Im Sozialkaufhaus Diakonia an der Dachauer Straße in München herrscht reger Andrang. Hier werden gespendete Gebrauchtwaren aufbereitet und günstig weiterverkauft. Eine Kaffeetasse kostet einen Euro, einen Wintermantel gibt es für 12 Euro, ein Flachbildfernseher ist für 45 Euro zu haben.

Einkaufen kann hier grundsätzlich jeder. In der Corona-Krise habe sich das Klientel allerdings etwas verändert, erzählt Bereichsleiter Thomas Brunnhuber-Boyn. Am besten gehe momentan Hausrat, in dem Bereich habe man auch tatsächlich neue Kunden gewinnen können, weil viele Flohmärkte nicht stattgefunden hätten und das Kaufhaus praktisch ein kleiner Flohmarkt sei. Schnäppchenjäger seien gerade auf dem Vormarsch.

Kunden sind zurückhaltender geworden

Ein paar neue Kunden kommen also ins Sozialkaufhaus, aber insgesamt sind es deutlich weniger als vor der Krise. Die Annahme, dass die Bevölkerung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verstärkt auf die Angebote im Sozialkaufhaus zurückgreifen würde, hat sich nicht bestätigt.

Bei manchen Warengruppen seien die Kunden einfach deutlich zurückhaltender geworden, erklärt Brunnhuber-Boyn: "Möbel haben gelitten, Textilien haben gelitten, da haben wir einen Einbruch gehabt. Aktuell sind wir auf einem Stand, wo wir ungefähr 30 Prozent weniger haben als vor dem Lockdown, aber wir sind auf einem guten Weg."

Existenzbedrohende Lage für Läden in Nürnberg

In Nürnberg zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier betreibt die Stadtmission die "Allerhand-Gebrauchtwarenläden." Auch hier kann jeder einkaufen, aber Menschen, die ein geringes Einkommen nachweisen, bekommen die Waren günstiger.

Projektleiterin Petra Homburg macht sich deutlich mehr Sorgen als ihre Kollegen in München. Unter den aktuellen Bedingungen kann sie nicht wirtschaftlich arbeiten. Heuer wird ihre Einrichtung ein fünfstelliges Defizit erwirtschaften, die Lage sei ganz klar existenzbedrohend, meint sie.

Leute "spenden" oft nur minderwertige Ware

Hinzu kommt: Die Sozialkaufhäuser kämpfen mit hohen Kosten. Nicht alle gespendeten Waren sind noch brauchbar und müssen zum Teil teuer entsorgt werden. Gerade während des Lockdowns wurde von den Leuten alles Mögliche gespendet, sagt die Projektleiterin: "Das sind halt oft Dinge, wo wir genau merken, da hat einer seinen Keller entrümpelt und uns die Sachen dann vor die Tür gestellt. Wir können aber so etwas kaum weiterverkaufen. Gerade weil unsere Kunden wenig Geld haben, sind sie darauf angewiesen, dass Geräte funktionieren oder Kleidung noch einige Zeit tragbar ist."

Rücklagen der Sozialkaufhäuser fast aufgebraucht

Eine wichtige Aufgabe der Sozialkaufhäuser ist es auch, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr unterkommen. Diese Jobs werden zwar staatlich bezuschusst, aber alle anderen laufenden Kosten wie Miete oder Strom müssen die Sozialkaufhäuser selbst erwirtschaften.

Der allgemeine Umsatzrückgang stellt sie also vor ernste Probleme. Das bestätigt auch Julia Boiger, die Betriebsleiterin der acht Sozialkaufhäuser der Diakonie in München: "Bei einem unserer Läden, da läuft der Mietvertrag aus, ich hoffe wir können trotzdem verlängern und müssen ihn nicht schließen, das wäre sehr traurig. Aber unser Tafelsilber ist quasi weg. Wir haben, wie jede andere Firma, Rücklagen, und die sind ordentlich eingeschmolzen."

Die Lage im Herbst ist also ziemlich angespannt bei den Sozialkaufhäusern, ganz ähnlich wie bei ihren Kollegen im Einzelhandel. Alle hoffen jetzt auf ein gutes Weihnachtsgeschäft, und dass ihnen ein zweiter Lockdown erspart bleibt.

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