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Soziale Träger: Menschen mit Behinderung unterversorgt | BR24

© BR/Leonie Thim

Millionen schwerbehinderter Menschen in Deutschland sind auf die therapeutische Hilfe sozialer Träger angewiesen. Doch durch die Schließungen von Schulen, Förderstätten und Praxen fällt vieles weg - auch an Einnahmen für die Einrichtungen.

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Soziale Träger: Menschen mit Behinderung unterversorgt

Millionen schwerbehinderter Menschen in Deutschland sind auf die therapeutische Hilfe sozialer Träger angewiesen. Doch durch die Schließungen von Schulen, Förderstätten und Praxen fällt vieles weg - auch an Einnahmen für die Einrichtungen.

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Martina Engelhart leitet den Therapiebereich für Kinder und Jugendliche in der heilpädagogischen Tagesstätte der "Helfenden Hände" im Münchner Westen. Normalerweise betreut sie gemeinsam mit ihrem Team 74 schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche. Viele der Kinder können nur deshalb essen, trinken, sprechen und schlucken, weil sie es täglich mit ihren Therapeuten üben.

Mittlerweile sind Schule und Förderstätte des Vereins "Helfende Hände" seit fast sechs Wochen geschlossen - so lange wie noch nie. Bisher war die einzige Möglichkeit, den Kindern aus der Ferne zu helfen, die Tele-Therapie. Zusammen mit ihren Kollegen hat Martina Engelhart Anleitungen erstellt und täglich mit Eltern videotelefoniert, um sie anzuleiten.

Fähigkeiten der behinderten Kinder nehmen ab

Doch manche Eltern berichten schon, dass ihre schwer- oder mehrfach behinderten Kinder durch die fehlende Therapie langsam abbauen. So zum Beispiel Greta. Ihre Mutter beobachtet, dass ihre kommunikativen Fähigkeiten schlechter werden. Außerdem sei sie nachts wieder länger wach und tagsüber viel unruhiger und hilfsbedürftiger.

Vor neun Jahren kam Greta mit 400 Gramm Geburtstgewicht als Extrem-Frühchen zur Welt. Heute ist sie fast blind, wird über eine Magensonde ernährt und muss bis zu zehn Mal am Tag gewickelt werden. Damit hat Greta die Pflegestufe fünf.

Bald Hoffnung auf mobile Therapie

Die Eltern arbeiten im Homeoffice, haben den Haushalt und zwei weitere Kinder zu versorgen: "Wenn es die Möglichkeit gäbe, dass wir mobile Therapien in Anspruch nehmen könnten, dass jemand von den Helfenden Händen kommt: Dann würden wir das sofort in Anspruch nehmen, dankend", sagt Mutter Kim Wittstadt.

Das könnte bald möglich sein. In dieser Woche wurden die Auflagen für Hausbesuche gelockert, wenn Therapeuten und Eltern dazu bereit sind - und dann auch nur in Schutzausrüstung. Martina Engelhart versucht momentan alles dafür zu organisieren. Die Schwierigkeit dabei bleibt die Finanzierung: Normalerweise wird jede Therapie einzeln mit den Krankenkassen abgerechnet.

Weite Wege und hohe Kosten bei Hausbesuchen

Allerdings finden momentan weniger Therapien statt als im Regelbetrieb. Denn Tele-Therapie und Hausbesuche sind zeitaufwändiger als die Therapien vor Ort in der heilpädagogischen Tagesstätte. Hinzu kommt, dass der Verein "Helfende Hände" nicht ausreichend Dienstfahrzeuge hat. Die Wege zwischen den Kindern sind oft weit und die finanziellen Reserven damit bald aufgebraucht. Als gemeinnützige Einrichtung dürfen die "Helfenden Hände" kaum Rücklagen bilden.

Pfennigparade verliert durch Corona Einnahmen

Ähnlich geht es der Pfennigparade. Die Münchner Stiftung ist einer der größten sozialen Träger für Behinderteneinrichtungen in Deutschland. Unter den vielen Therapieangeboten betreibt die Pfennigparade zum Beispiel ein auf Beatmung spezialisiertes Behandlungszentrum für Menschen mit Behinderung. Doch wegen der Corona-Pandemie müssen viele Patienten zu Hause bleiben. Die Folge: Das Beatmungszentrum der Pfennigparade hat kaum noch Einnahmen.

"Wir fallen durch das Raster"

Zwar haben Bund und Freistaat verschiedene Hilfspakete verabschiedet. Sowohl die "Helfenden Hände" als auch die Pfennigparade fallen nach eignen Aussagen aber durch das Raster, weil sie die jeweiligen Kriterien nicht erfüllen. Doch sie wollen das feingesponnene Netz mit spezialisierten Therapeuten und Ärzten unbedingt aufrecht erhalten. Damit die schwer- und mehrfachbehinderten Kinder nach der Corona-Krise weiter versorgt werden können.

Behindertenbeauftragter bestätigt die Not

Der bayerische Behindertenbeauftragte Holger Kiesel stimmt zu und fordert vor allem eine Exit-Strategie für den therapeutischen und medizinischen Bereich für Menschen mit Behinderung. "Wir müssen wissen, wie wir schnell weitermachen, wie wir so viele Angebote wie möglich, so effektiv wie möglich wieder ans Laufen kriegen und, wie wir die entstandenen finanziellen Lücken und Defizite möglichst gut geschlossen bekommen."

Er sieht es als Herausforderung für alle Beteiligten und damit auch für die zuständigen Kostenträger, wie die Bezirke und die Krankenkassen.

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