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Bildrechte: BR/Weiße Rose Stiftung e.V.

Vor 100 Jahren, am 9. Mai 1921, wird Sophia Magdalena Scholl, Sophie Scholl in München geboren. Sie wird zur Widerstandskämpferin und Vorbild. Viele Menschen gedachten ihr heute an ihrem 100. Geburtstag, auch eine Gruppe junger Leute in München.

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Sophie Scholl: Ein Justizmord und seine willigen Helfer

Am 22. Februar 1943 wurden die Widerstandskämpfer Christoph Probst, Hans und Sophie Scholl nach kurzem Prozess hingerichtet. Die Nazi-Schergen, die sie verhört und dem Fallbeil ausgeliefert hatten, blieben nach der NS-Diktatur weitgehend unbehelligt.

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Von
  • Thies Marsen

Sechs Flugblätter gegen das Nazi-Regime verfasste und verbreitete die Widerstandsgruppe "Weiße Rose" ab Juni 1942 in einer Auflage von mehreren tausend Stück im Raum München sowie in Teilen Süddeutschlands und Österreichs. Als die Geschwister Hans und Sophie Scholl ihr letztes Flugblatt, das sich speziell an Studenten richtete, am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität verteilten, wurden sie ertappt und der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ausgeliefert.

Sophie Scholl: Vier Tage nach Verhaftung hingerichtet

Nur vier Tage später wurden die Geschwister und ihr Mitstreiter Christoph Probst, Vater von drei kleinen Kindern, vom Volksgerichtshof unter seinem gefürchteten Präsidenten Roland Freisler abgeurteilt und noch am selben Tag enthauptet. Freisler verurteilte später auch die Weiße-Rose-Mitglieder Kurt Huber, Willi Graf und Alexander Schmorell zum Tode.

Den Justizmorden waren tagelange Verhöre im Wittelsbacher Palais, dem Hauptquartier der Gestapo in der Münchner Innenstadt, vorausgegangen. Die vernehmenden Beamten machten anschließend Karriere und entgingen auch nach der Befreiung Nazi-Deutschlands einer gerechten Strafe. Ihre Lebenswege sind geradezu prototypisch für die mangelnde Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen im Deutschland der Nachkriegszeit.

"Vergesst nicht die kleinen Schurken"

"Vergesst auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf dass keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach all diesen Scheußlichkeiten die Fahne zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre!" So heißt es im vierten Flugblatt der Weißen Rose vom Sommer 1942.

Doch diese Forderung der Widerstandsgruppe blieb weitgehend unerfüllt. Und das gilt insbesondere für diejenigen "kleinen Schurken", die maßgeblich dafür verantwortlich waren, dass Christoph Probst, Hans und Sophie Scholl hingerichtet wurden: Die Gestapo-Männer Robert Mohr und Anton Mahler.

Tagelange Verhöre im Wittelsbacher Palais

Den beiden Beamten war es in zwölfstündigen Verhören nach der Verhaftung bis vier Uhr morgens gelungen, die Geschwister Scholl zu Geständnissen zu bringen. Mahler, Kriminalbeamter der politischen Polizei in Augsburg und dort zuständig für Hochverrat und Bekämpfung des Kommunismus, verhörte Hans Scholl. Der Gestapo-Kriminal-Obersekretär Mohr nahm sich dessen Schwester Sophie vor. Beide lieferten mit ihren Vernehmungen die Grundlage für weitere Verhaftungen und für die Todesurteile gegen das Geschwisterpaar, auch wenn Mohr später für sich in Anspruch nahm, er habe versucht, Sophie vor dem Fallbeil zu bewahren, indem er sie aufforderte, alle Schuld auf ihren Bruder zu schieben.

Später verhörte Mohr auch den Vater der beiden, Robert Scholl. Diesem will er das Leben gerettet haben, in dem er regime-feindliche Aussagen Scholls nicht an Vorgesetzte weiterleitete.

Dem langjährigen BR-Journalisten Ulrich Chaussy ist es vor Jahrzehnten gelungen, den Sohn des Kriminalbeamten Mohr ausfindig zu machen: Willi Mohr. Dieser hatte im Nachlass seines Vaters einen Briefwechsel zwischen dem Gestapo-Mann und Robert Scholl von Anfang der 1950er Jahre entdeckt. Darin enthalten ist auch eine – vermutlich stark beschönigende – Schilderung der Verhöre von Hans und Sophie. Robert Scholl bedankte sich ausdrücklich dafür. Seinem Brief legte er sogar zehn D-Mark für den ehemaligen Polizisten bei.

Die Karriere der "Handlanger"

Zu diesem Zeitpunkt hatte Robert Mohr bereits eine Internierung durch die Franzosen hinter sich und war in sein Heimatdorf zurückgekehrt. In Familie und Nachbarschaft hatte er über seine Vergangenheit eisern geschwiegen. Im Brief an Robert Scholl aber nahm Mohr, der 1933 in die NSDAP eingetreten war, für sich in Anspruch, ihn habe schon "die Zeit entnazifiziert". Im Übrigen, so schreibt er an Vater Scholl, "schmerzt es mich sehr, dass ausgerechnet ich es sein musste, der hier dazu ausersehen war, dem Größenwahn und der Despotie Handlangerdienste zu leisten."

Während der NS-Zeit schmerzte es Mohr allerdings offenbar wenig für das Regime "Handlangerdienste" zu betreiben. Nachdem er die Weiße Rose ans Fallbeil geliefert hatte, machte er weiter Karriere, besuchte die Höhere Polizeischule in Berlin und übernahm anschließend die Leitung der Kriminalpolizei in Mühlhausen im von den Deutschen besetzten Elsass. Nach Kriegsende setzte er sich in sein Heimatdorf in der Pfalz ab, wo er sich mit Hilfsarbeiten durchschlug, bis ihn 1947 doch noch die Franzosen aufspürten und für etwa zwei Jahre internierten.

Für diese Unbill wurde er vom deutschen Staat allerdings entschädigt, indem man ihm eine besonders hohe Pension gewährte. Schließlich, so die Begründung, sei er unter normalen Umständen ja sicher noch befördert worden. Vor Gericht musste er sich nie verantworten. Er starb 1977 im Alter von 80 Jahren.

Assistent beim "Schlächter von Lyon"

Robert Mohrs Gestapo-Kollege Anton Mahler, der Hans Scholl verhört hatte, machte danach ebenfalls weiter Karriere – nun in den Diensten des amerikanischen Geheimdienstes Counter Intelligence Corps (CIC). Dort fungierte er als Assistent des ehemaligen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie. Auch ihn hatten die Amerikaner zeitweise angeheuert – obwohl sie von seinen Verbrechen wussten: Barbie, genannt "der Schlächter von Lyon", hatte den in Frankreich legendären Resistance-Führer Jean Moulin zu Tode gefoltert.

Nach Kriegsende internierten die Alliierten Mahler zwar zunächst in Moosburg an der Isar, und im Dezember 1949 wollte ihn schließlich die deutsche Justiz für seine Verbrechen im Gestapo-Dienst zur Rechenschaft ziehen. Doch am Tag der Urteilsverkündung vor dem Münchner Landgericht setzten er und sein Mitangeklagter Eugen Fischer sich mit Hilfe der Amerikaner ab.

Wie zum Hohn ließen sie ihre Verteidiger den Richtern noch einen Brief übergeben. Darin heißt es, sie würden gar nicht daran denken, sich dem "kommunistischen Terror" des deutschen Gerichts auszusetzen. Beide wurden in Abwesenheit zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, die sie nie antreten mussten.

Gestapo-Leute im Dienst der US-Armee

Die beiden Ex-Gestapo-Beamten Fischer und Mahler hatten sich erfolgreich dem CIC angedient – dem Geheimdienst der US-Armee. Dort konnte man in Zeiten des aufziehenden Kalten Krieges erfahrene Spezialisten für die Bekämpfung des Kommunismus gut gebrauchen. Während seiner Internierung wurde der einstige Gestapo-Beamte Mahler von den US-Amerikanern verhört und rühmte sich dabei mit verleumderischem Geschick seiner Taten in der NS-Zeit.

Die Weiße Rose stellte er als marxistische Verschwörung dar, deren Mitglieder allesamt unter "körperlicher Schwäche, Behinderung oder Perversion" gelitten hätten. So gelang es ihm, die Seiten zu wechseln. Bis Ende 1951 hielt das CIC seine schützende Hand über Mahler. Dieser versuchte noch eine Revision des Gerichtsurteils gegen ihn zu erreichen. Als das scheiterte, suchte er Kontakt zu einem Funktionär der rechtsextremistischen Sozialistischen Reichspartei mit Verbindungen nach Südamerika, vermutlich um sich über die berüchtigte "Rattenlinie" abzusetzen – so wie auch schon sein früherer Chef Klaus Barbie. 1953 jedenfalls verliert sich Anton Mahlers Spur.

"Niemand ist für konkrete Vergehen bestraft worden"

Das Interesse der bundesdeutschen Justiz an einer strafrechtlichen Verfolgung geflohener Gestapo-Männer und anderer NS-Verbrecher war ohnehin gering. Ganz im Gegenteil: Der Schlächter von Lyon Klaus Barbie etwa wurde an seinem neuen Wohnort in Bolivien noch in den 1960er Jahren vom Bundesnachrichtendienst als Agent angeworben.

"Die Gestapo scheint sich nach 1945 wie ein übler Geruch verflüchtigt zu haben", resümiert Ulrich Chaussy. "Die Akten sind vernichtet, niemand ist für konkrete Vergehen bestraft worden. Aus dem Kreis der ehemaligen Täter fühlt sich niemand verantwortlich. Die Opfer mussten allein zurechtkommen."

(Mit Dank an Ulrich Chaussy für seine Unterstützung)

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