Kinder im Sommercamp

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Sommer ohne Urlaub: Wie armutsgefährdete Kinder Ferien erleben

Sommer ohne Urlaub: Wie armutsgefährdete Kinder Ferien erleben

Sommerferien ist für viele Familien gleich Reisezeit. Doch längst können sich nicht alle einen Urlaub leisten. Im Sommercamp in Puchheim bei München verbringen Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft gemeinsam den Ferienbeginn.

Als Emmanuel Nganga das Sommercamp betritt, weiß er schon genau, was er will: Graffiti sprayen lernen. "Deshalb habe ich mich hier überhaupt angemeldet", sagt er. "Sprayen macht am meisten Spaß." Doch zunächst "muss" der 11-Jährige noch ein paar andere Workshops ausprobieren: Instrumente bauen, Zeichnen, Film, Musizieren, Tanzen. Am Ende des Tages darf er sich für einen Kurs entscheiden.

Graffiti oder Musik machen?

Beim Musikworkshop darf er sich am Klavier ausprobieren und Posaune spielen. Und ist sich auf einmal nicht mehr so sicher." Ich habe mich eigentlich angemeldet, weil ich sprayen wollte. Aber jetzt muss mich entscheiden zwischen Sprayen und Instrument spielen. Das ist beides gleich cool."

60 Kinder nehmen an dem Camp teil. Die Hälfte von ihnen kommt wie Emmanuel aus Familien, bei denen das Geld knapp ist. Die Teilnahme am Camp ist kostenlos für alle, das Ziel: Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammenzubringen.

Armutsgefährdungsquote in Bayern: über 12 Prozent

"Nicht für alle Familien ist es leistbar, in den Sommerferien in den Urlaub zu fahren. Uns war daher wichtig, allen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich kulturell zu betätigen, unabhängig vom Einkommen der Eltern", erklärt Achim Puhl, Ideengeber im Sommercamp Puchheim. "Viele haben ja gar nicht die Möglichkeit in ihrem Leben, alles auszuprobieren. Viele Eltern haben nicht das Geld, kulturelle Aktivitäten zu finanzieren."

Emmanuel ist eines von vielen Kindern in Bayern, die auch in diesem Jahr nicht verreisen werden. Für viele Familien reicht das Geld nicht, um gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Laut Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales sind 12,6 Prozent der Menschen in Bayern armutsgefährdet, das heißt, sie beziehen ein niedriges Einkommen ohne Sozialhilfe.

So auch Emmanuels Familie. Seine Mutter Joyce Nganga macht eine Ausbildung als Krankenpflegerin, auch ihr Mann arbeitet. Die Familie kommt ohne staatliche Hilfen aus. Für gemeinsame Familienaktivitäten bleibt allerdings nicht viel übrig. Sie ist froh, dass er etwas in den Ferien zu tun hat. "Das ist eine schöne Beschäftigung, statt rumzusitzen und immer nur am Handy oder Laptop zu sein. Er kann sich mit anderen Kindern treffen und den Kopf freikriegen, das ist sehr wichtig", sagt sie.

Erhöhter Andrang auf Familienferienstätten in Bayern

Bayern ist eines von elf Bundesländern, das Familien, die sich sonst keinen Urlaub leisten könnten, unterstützt. Wer beispielsweise als Elternpaar mit zwei Kindern ein Familien-Nettoeinkommen von bis zu 26.300 Euro bezieht, kann einen Antrag auf Familienerholung stellen und in eine Familienferienstätte fahren.

"Gerade Familien waren in den letzten beiden Jahren unter dem Eindruck der Corona-Pandemie besonders belastet. Zeiten der gemeinsamen Erholung und Entspannung sind daher umso wichtiger", sagt die bayerische Sozial- und Familienministerin Ulrike Scharf (CSU). "Wir fördern die Familienerholung in Familienferienstätten aber nicht erst seit Corona, sondern bereits seit vielen Jahren. Diese Unterstützung kommt von Herzen und aus tiefer Überzeugung."

Für die Bayern-SPD sind die derzeitigen Einkommensgrenzen jedoch zu niedrig. "Familien mit niedrigem Einkommen leiden am meisten unter den Folgen der Pandemie und kämpfen mit steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten. Deshalb müssen wir die Grenze für staatlich bezuschusste Familienerholung dringend anheben", sagt Doris Rauscher, die sozialpolitische Sprecherin der SPD.

Allein in diesem Jahr sind 740 (Stand: 28. Juli 2022) solcher Anträge beim Freistaat eingegangen – das sind jetzt schon fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Seit 2017 steigt die Zahl der Anträge kontinuierlich, von den beiden jüngsten Pandemie-Jahren abgesehen. Hinzu kommt in diesem Jahr noch die "Corona-Auszeit für Familien", die der Bund fördert.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung habe es in diesem Jahr einen besonders hohen Andrang auf die Ferienstätten gegeben. Bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung heißt es allerdings auch: "Aufgrund der mäßigen Bekanntheit der Förderung, wird diese nur von wenigen Familien in Anspruch genommen. Dazu kommt, dass die Antragsstellung für viele Familien eine große Hürde darstellt, bzw. für die durch den Antrag berücksichtigten Familien der entsprechende Zuschuss nicht hoch genug ist, um sich einen Aufenthalt leisten zu können."

Sommerferien ist für viele Familien gleich Reisezeit. Doch längst können sich nicht alle einen Urlaub leisten.

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Armutsforscher: Bessere Sozialpolitik statt Bürokratie

Die Dunkelziffer derer, die ohne finanzielle Hilfe nicht in den Urlaub fahren können, dürfte weitaus höher sein. Denn längst stellen nicht alle Förderungsanträge. Viele wüssten nicht einmal, dass es so etwas gibt oder fühlten sich als würden sie um "Almosen" betteln, sagt Armutsforscher Christoph Butterwegge.

"Solche Programme können im Einzelfall Erleichterung schaffen, aber sie lösen das Problem nicht, denn sie sind häufig mit bürokratischen Hürden verbunden. Arme Familien haben ganz andere Sorgen, zum Beispiel, wie sie am Ende des Monats noch etwas Warmes auf den Tisch bekommen für die Kinder." Armutsforscher Christoph Butterwegge

Und wer in einer solchen Situation ist, sagt Butterwegge - der werde nicht unbedingt in der Lage sein, noch irgendwelche Anträge auszufüllen, sich um Formulare zu kümmern und mit der staatlichen Bürokratie zu kämpfen.

Für Butterwegge dürfte es in Deutschland gar nicht erst so viele bedürfte Familien geben. Er fordert eine Umverteilung von oben nach unten, durch eine höhere Erbschaftssteuer. Zudem müssten Löhne reguliert werden, damit nicht mehr so viele Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt seien; wichtig sei auch, den Sozialstaat und die soziale soziale Infrastruktur auszubauen: "All das würde dazu führen, dass es eben nicht zahlreiche Jugendliche gibt, die noch nie in den Urlaub gefahren sind, weil ihre Eltern zu arm sind." Das habe schließlich damit zu tun, dass es sehr ungerechte Lohnstrukturen gebe. Dass Menschen, auch wenn sie hart arbeiten, kaum über die Runden kämen. Dass Familien nicht entsprechend abgesichert seien. "Und es hat auch damit zu tun, dass der Reichtum sich bei anderen Familien im Land stark konzentriert."

Emmanuel Nganga hat beim Sommercamp mittlerweile alle Kurse hinter sich. Er bleibt bei seinem ursprünglichen Plan. Er lernt jetzt Graffiti.

Hier kann man einen Urlaub in einer Familienferienstätte beantragen:

https://www.zbfs.bayern.de/foerderung/familie/erholung/index.php

https://www.urlaub-mit-der-familie.de/Deutschland/Bayern

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