Bildrechte: BR/Frank Breitenstein

Ehemalige Synagoge in Sommerhausen

  • Artikel mit Audio-Inhalten
>

Sommerhausen: Spuren einer jüdischen Landgemeinde

Sommerhausen: Spuren einer jüdischen Landgemeinde

Das Gedenkjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" hat neues Geschichtsbewusstsein geweckt - auch in Sommerhausen. Die Erinnerungen von Hugo Mandelbaum, der hier 1901 zur Welt kam und 1997 in Israel starb, leisteten einen Beitrag dazu.

Die Geschichte der Juden in Sommerhausen geht nachweislich bis ins Jahr 1532 zurück. Noch vor 150 Jahren zählte die jüdische Gemeinde über 100 Personen. Der Lehrersohn Hugo Mandelbaum hat später in seinen Kindheitserinnerungen von einer weitgehend unbeschwerten Jugend berichtet. Das weist darauf hin, dass die verschiedenen Religionen im Dorf noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gutes Miteinander oder doch zumindest ein friedliches Nebeneinander pflegten.

Der jüdischen Bevölkerung von einst ein Gesicht geben

Inge Eilers haben die Zeilen von Hugo Mandelbaum nicht mehr losgelassen. Die Seniorin, die vor 54 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Sommerhausen zog, forscht seit gut einem Jahr intensiv über die jüdische Gemeinde ihrer Wahlheimat. Ein Stück Geschichte, das stark in Vergessenheit geraten ist, wie sie feststellen musste. Dass in Sommerhausen schon im 16. Jahrhundert Juden lebten, weiß heute kaum noch jemand. Und ebenso wenig, dass Teile der Synagoge noch immer erhalten sind. Sie steht am Ortsrand hinter einer Bruchsteinmauer. Ihre heutigen Umrisse entstanden mit dem Neubau 1849, wohl auf den Grundmauern eines 100 Jahre älteren Vorgängerbaus. Von dieser ersten Synagoge soll noch die Mikwe, also das Tauchbecken für rituelle Frauenbäder, in der Erde schlummern. Zugeschüttet unter der heutigen Sakristei.

Alte Synagoge wurde zur Marienkapelle

Die ehemalige Synagoge wurde seit 1953 als katholische Kapelle genutzt und im Inneren entsprechend umgebaut. Den Schlüssel hat Tobias Fuchs. Er ist katholischer Pfarrer in Randersacker. Sommerhausen gehört zu seinem Sprengel und die ehemalige Synagoge auch. Als Tobias Fuchs vor drei Jahren die neue Stelle antrat, war er selbst überrascht über dieses geschichtsträchtige Erbe. Bis dahin hatte er von einer Synagoge in Sommerhausen nichts gewusst, obwohl er selbst aus dem südlichen Landkreis Würzburg stammt. Katholiken bezeichnen Jüdinnen und Juden heute gern als ältere Glaubensgeschwister. Doch in der heutigen Marienkapelle deutet kaum noch etwas auf die einstige Nutzung hin. An der Stelle des einstigen Thoraschreins, in dem die Schriftrollen mit den fünf Büchern Mose aufbewahrt werden, befindet sich nur noch eine Mauernische. Zusammen mit einem modernen Kreuz bildet sie nun die Rückwand des Volksaltars. Außerdem hängt an der Seitenwand ein siebenarmiger Kerzenleuchter. Ansonsten deutet alles schlicht auf die Nachnutzung eines Leerstandes hin.

Bildrechte: Frank Breitenstein BR

Das Gebäude, in dem die Synagoge war ist nun eine Kapelle

Eine Bleibe für Diaspora-Katholiken

Man brauchte nach dem Krieg einfach einen Gottesdienstraum für die katholischen Vertriebenen, die neuerdings im evangelischen Sommerhausen eine neue Bleibe suchten. Da kaufte die Katholische Kirche die alte Synagoge auf. Sie hatte zwischenzeitlich als Scheune gedient und teilweise als Wohnraum. Und das bereits seit Sommer 1938. Das ist vermutlich der Grund, weshalb das Gebäude in der Reichspogromnacht nicht in Flammen aufging. Das buchstäblich zu erwartende Strohfeuer hätte den historischen Ort gefährdet. So blieb die alte Synagoge, bis auf eingeschlagene Fensterscheiben, bis heute äußerlich erhalten. Inzwischen wird hier nur noch selten die Messe gefeiert. Und so bleibt das Gebäude meist zu. Wie der kleine Außenbereich hinterm Gittertor. Dort befindet sich der symbolische Rucksack von Mathilde Landeckers, die 1941 von den Nazis als letzte Jüdin nach Würzburg ins Sammellager verschleppt wurde.

Mathilde Landeckers Rucksack erinnert an ihre Deportation

Auch ihre Geschichte nimmt in den Nachforschungen der Hobbyhistorikerin Inge Eilers immer klarere Konturen an. So wie viele andere Frauen und Männer, deren Namen ihr buchstäblich zufielen. Etwa als sie sich näher mit der Chronik der Liedertafel befasste. Darin tauchten ab 1873 immer mehr jüdische Namen auf. Das habe sie neugierig gemacht, sagt sie. Denn hinter jedem Namen steckt schließlich ein Mensch. Auch hinter denen der jüdischen Weltkriegsopfer aus Sommerhausen, die erstmals im vergangenen Jahr am Volkstrauertag in der Kirche verlesen wurden. Inge Eilers wollte wissen, wer all diese Menschen waren. Was für Berufe hatten sie? Waren sie verheiratet, hatten sie Kinder? Im Gemeindearchiv und im Johanna Stahl-Zentrum in Würzburg fand Inge Eilers, was sie suchte. Und so wurden aus "den Juden" für sie wieder ebenbürtige Bürgerinnen und Bürger von Sommerhausen. Inge Eilers will die Erinnerung an sie wachhalten. Führungen in der ehemaligen Synagoge wären vielleicht ein Anfang, sagt sie. Und vielleicht werde sie auch im Frauen- oder Seniorenkreis einmal einen Vortrag halten. Natürlich hätten manche auch Bedenken gegen ihre Nachforschungen, weiß Inge Eilers. Das Thema wecke hier und da unangenehme Erinnerungen in der eigenen Familiengeschichte oder sei zumindest schambesetzt. Doch die resolute alte Dame erlebt auch viel Zuspruch und Ermutigung.

Bildrechte: Frank Breitenstein BR

Mathilde Landecks "Rucksack" erinnert an ihre Deportation

Sich der Geschichte stellen

Es gehört nun einmal zur traurigen Wahrheit, dass unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten letztlich alle Menschen jüdischen Glaubens aus Sommerhausen zunächst nach Würzburg zwangs-umgesiedelt wurden. 34 wurden in Lager verschleppt und ermordet. Inge Eilers ist fest davon überzeugt, dass man sich deshalb auch heute noch klar gegen jede Form von Rassismus und Intoleranz positionieren muss, um wenigstens einen Teil von dem Unrecht gegen die jüdische Bevölkerung Sommerhausens wieder gut zu machen. Die ehemalige Synagoge in der Casparigasse könnte ein Schlüssel dazu sein.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!