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Ernteteilende stehen hinter den Gemüsekisten auf dem Bio-Bauernhof Dollinger in Offenbau bei Thalmässing.

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Solidarität liegt im Trend: Anbauen, Ernten und Teilen

Regional, saisonal, solidarisch: So wünschen sich immer mehr Menschen die Produktion ihrer Lebensmittel. Bei der Solidarischen Landwirtschaft unterstützen sich Verbraucher und Bauern. Das ist umweltfreundlich, nachhaltig und rettet kleine Bauernhöfe.

Die Idee ist eigentlich ganz einfach: Eine Gruppe von Menschen finanziert einen landwirtschaftlichen Betrieb und erhält dafür nachhaltig und hochwertig erzeugte Lebensmittel. Sie streckt dem Bauern und der Bäuerin das Geld für Saatgut, Löhne und landwirtschaftliches Gerät vor und bekommt ihren Anteil an Obst, Gemüse, Fleisch und Eiern.

Das Konzept nennt sich "Solidarische Landwirtschaft" (Solawi) und findet bundesweit immer mehr Anhänger. Auch in Bayern wächst die Zahl der sogenannten Ernteteilenden und der Bauernhöfe, die auf diese Art wirtschaften.

Rund 300 Ernteteilende am Dollingerhof

Auf dem Bio-Bauernhof Dollinger im mittelfränkischen Offenbau bei Thalmässing können Bäuerin Claudia Dollinger, die Mitarbeitenden und die rund 300 Ernteteilenden mit der Solidarischen Landwirtschaft umsetzen, was ihnen wichtig ist: Artgerechte Tierhaltung, ökologisches Essen für alle, das Artensterben und die Klimakrise bekämpfen sowie einen Teil gegen das Höfesterben beitragen.

Zu den Unterstützenden gehören auch Nora Leszak aus Nürnberg und Hans Geier aus Ingolstadt. An mindestens zwei Tagen im Jahr helfen sie ehrenamtlich auf dem Dollingerhof und packen beispielsweise das Wintergemüse wie Chicorée, Blaukraut und Postelein in die Transportkisten. Im Sommer helfen sie zusammen mit ihren Kindern und Enkeln bei der Karottenernte, um ihnen zu zeigen, wo das Gemüse herkommt. Gleichzeitig lernen sie, dass auch kleine oder krumme Karotten wertvoll sind und gut schmecken.

Motivation der Ernteteilenden: Gesunde Böden, gesundes Essen

"Für mich ist es ganz wichtig, regionale, gute Bio-Lebensmittel für mich und meine Familie zu bekommen," sagt Nora Leszak. "Da man es selber an den Depots abholt, ist es darüber hinaus plastik- und verpackungsfrei." Zum Konzept der Solidarischen Landwirtschaft gehört auch, dass sich die Ernteteilenden untereinander unterstützen. Der Grundbetrag liegt bei 160 Euro im Monat, doch wer mehr zahlen kann, ermöglicht damit geringer Verdienenden ebenfalls eine Mitgliedschaft.

Ernteteiler Hans Geier findet das eine gute Idee und nennt weitere Gründe für diese Art des Wirtschaftens und der Lebensmittelproduktion: "Ich möchte, dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft bestehen bleibt. Die Artenvielfalt und der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit sind mir wichtig, damit nicht noch mehr Agrarsteppen entstehen und Pestizide vor der Haustür und weltweit eingesetzt werden."

Miteinander von Verbrauchern und Bauern ist wichtig

Im Stall verteilt Bio-Bäuerin Dollinger das Heu für die 17 Kühe und deren Kälber, die in der sogenannten muttergebundenen Kälberaufzucht zusammenbleiben dürfen. Diese artgerechtere Tierhaltung liefert aber deutlich weniger Milch, als es in der konventionellen Landwirtschaft der Fall ist. Es geht also nur, wenn die Kunden bereit sind, zugunsten des Tierwohls mehr zu zahlen. "Wir schaffen das nicht alleine als Bauern und Bäuerinnen diese Höfe zu erhalten und diese Art der Landwirtschaft zu betreiben. Wir brauchen den Kontakt zu den Verbrauchenden und wir müssen diese Brücke pflegen", sagt Dollinger.

Dazu gehört nicht nur die finanzielle und tatkräftige Mithilfe der Ernteteilenden, sondern umgekehrt auch die regelmäßige Post vom Hof. Darin gibt Bäuerin Dollinger beispielsweise einen Einblick in den ökologischen und nachhaltigen Anbau von Getreide und Gemüse, Fruchtfolgen und Mahd von innen nach außen, Humusgehalt im Boden, Blühstreifen für Insekten und vieles mehr. Hier fehle aber die Unterstützung seitens der Politik, beklagt sie. Denn nur ein Bruchteil der Agrarsubventionen aus Brüssel und Berlin würden für den Schutz der Böden und des Klimas vergeben.

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Solidarische Landwirtschaft statt Agrarindustrie

Bayern bundesweit an dritter Stelle bei Solawi-Höfen

Über 500 Bauernhöfe gehören zum Netzwerk Solidarische Landwirtschaft oder entstehen in diesem Jahr. "Vor zehn Jahren ist das Netzwerk mit zehn Bauernhöfen gestartet, die mit dieser Wirtschaftsweise arbeiten," sagt Andrea Klerman vom deutschlandweiten Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. "Noch immer steigen die Zahlen exponentiell, sowohl die der Solawi-Bauernhöfe als auch der Ernteteilenden, die gemeinsam Lebensmittel produzieren."

Bayern steht mit 61 Solawi-Bauernhöfen bundesweit an dritter Stelle, nach Niedersachsen mit 65 solcher Betriebe und 67 in Baden-Württemberg. Jedes Jahr kommen weitere hinzu, auch zwischen Unterfranken und Oberpfalz, zwischen Oberfranken und Oberbayern: So wurde beispielsweise Ende 2020 die Landlmühle in Stephanskirchen in der Nähe von Rosenheim gegründet und Anfang 2021 entstand die Solawi Obermain bei Lichtenfels.

Zurzeit sind bundesweit 101 Initiativen in der Gründung. "Denn immer mehr Menschen ist es wichtig, dass Nahrungsmittel nicht rund um die Welt transportiert, sondern vor der Haustür nachhaltig produziert werden", sagt Klerman vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

Rettung kleiner Bauernhöfe – Beispiel aus Oberfranken

Auf dem Patersberghof bei Veitlahm im oberfränkischen Landkreis Kulmbach kümmern sich Teresa und Christian Jundt um die Vieh- und Landwirtschaft. Sie haben 14 Milchkühe, Kälber und Rinder und einen Bullen. Familie Jundt hat den Hof samt Maschinen und Tieren vor fünf Jahren übernommen. Er gehört einem Verein und keiner Privatperson, so dass er in gemeinnütziger Hand liegt. So war es den Jundts möglich, den Hof ohne viel Kapital zu übernehmen.

Auch Bettina Wänke und ihr Mann Wolfgang sind am Patersberghof ansässig und haben seit etwa zehn Jahren eine Gärtnerei, wo sie 40 Kulturen anbauen. Seit 2019 betreiben die beiden Familien die Solidarische Landwirtschaft am Patersberghof und für Ernteteilende gibt es Möglichkeiten, sich an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft zu beteiligen.

Netzwerk Solawi gegen Agrarindustrie

Wie man Solawi gestaltet, können die Beteiligten grundsätzlich selbst entscheiden: Die Bäuerin oder der Bauer kann einen Verein oder eine Genossenschaft gründen, auf mehr oder weniger Mitarbeit und auch Mitsprache setzen und stattdessen einen Geldbetrag über die wöchentliche Lieferung vom Hof verlangen. Angefangen haben viele Solawi-Höfe mit dem Anbau von Feldfrüchten, doch mittlerweile bieten einige auch Brot, Butter, Eier, Käse und Fleisch - wie der Dollingerhof bei Thalmässing.

"Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen wächst die Bedeutung von Solawi, denn die Menschen machen sich noch mehr Gedanken über die Hintergründe ihrer Ernährung und wie wichtig es ist, regional unabhängig zu produzieren", sagt Klerman vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. Des Weiteren brauche es kleinteilige und nachhaltige Strukturen statt Agrar- und Düngekonzerne. "Nach wie vor hat die Agrarindustrie eine große Lobby und es werden vorrangig große Flächen und große Mengen gefördert. Unsere Bewegung findet, dass dieses Konzept beendet werden muss", so Klerman.

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Dollinger Hof mit Solawi

Dollingerhof ernährt rund 300 Familien

Bäuerin Claudia Dollinger wird sich auch bei einer Demonstration in Berlin für die bäuerliche Landwirtschaft einsetzen und auf dem Traktor an dem Protestzug teilnehmen. "Wir wollen wertvolle Böden für die nachfolgenden Generationen hinterlassen, damit sie sich gesund ernähren und gesund leben können", sagt sie.

Ihr Hof sei ein gutes Beispiel dafür, dass er seit zehn Jahren rund 300 Familien ernähren könne. Dafür brauche es keine Monokulturen, Pestizide oder Tiertransporte kreuz und quer durch Europa.

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Bio-Bäuerin Claudia Dollinger betreibt ihren Hof nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft.

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