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Immer wieder entzünden sich Solarthermie-Anlagen in Hausdächern selbst. Nach Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers sind die Gefahrenquellen seit Jahren bekannt. Doch werden sie weder flächendeckend behoben noch will jemand verantwortlich sein.

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Solarthermie: Brand-Gefahr erkannt und nicht verbannt?

Immer wieder entzünden sich Solarthermie-Anlagen in Hausdächern selbst. Nach Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers sind die Gefahrenquellen seit Jahren bekannt. Doch werden sie weder flächendeckend behoben noch will jemand verantwortlich sein.

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Von
  • Mira Barthelmann
  • Jens Kuhn

Mit Hilfe von Solarthermie-Anlagen können Verbraucher ihr Wasser für den Eigenbedarf erwärmen – eine umweltfreundliche Form der Energiegewinnung, die sich bereits großer Beliebtheit erfreut: Schätzungsweise 2,5 Millionen Solarthermie-Anlagen sind auf Deutschlands Dächern verbaut. Fast jede zehnte Anlage ist manchen Experten zufolge eine sogenannte Indach-Anlage. Das heißt, die Unterseite der Module ist fest im Dach verankert. Diese Verankerung und der Rahmen für die Kollektoren bestehen bei manchen Herstellern aus Holz. Und genau das kann unter Umständen brandgefährlich werden.

"Potentiell besteht bei jeder Indachanlage mit Holzrahmen ein Brandrisiko." Wolfgang Niedermayer, Sachverständiger für Brand- und Explosionsursachen

Dass alle Anlagen mit Holzrahmen brandgefährlich sind – dem widersprechen Hersteller und das Handwerk. Es müssten verschiedene Faktoren zusammenkommen, damit es zu einer Selbstentzündung kommt.

Das BR-Politikmagazin Kontrovers hatte bereits vor zwei Jahren von einem Fall im oberbayerischen Ismaning berichtet. Damals war das Dach eines Wohnhauses in Brand geraten. Feuerwehrkräfte aus dem ganzen Umkreis mussten anrücken, der Einsatz dauerte mit knapp zehn Stunden ungewöhnlich lange. Entsprechend groß auch der Schaden: 350.000 Euro. Sowohl die Feuerwehr und auch das Landeskriminalamt kamen damals zu dem selben Schluss: Ursächlich für den Brand war eine Selbst-Entzündung der Indach-Solarthermie-Anlage

💡 Brandentstehung Indach-Solarthermie-Anlagen

Eine mögliche Ursache für die Brandentstehung ist die Holzrahmenkonstruktion, in die manche Hersteller die Solarkollektoren unterhalb der Abdeckung einbetten. Für die Wärmegewinnung wird an der Unterseite des Kollektors eine kühle Flüssigkeit durch Kupferrohre gepumpt. Diese wird am Kollektor erhitzt und damit der Warmwasserspeicher im Haus erwärmt. Wenn der Speicher warm genug ist, schaltet sich die Pumpe ab. Die Zufuhr der kühlen Flüssigkeit wird gestoppt. Die Kupferrohre werden immer heißer. Diese Hitze überträgt sich dann von den Röhren auf den Holzrahmen, der sich schließlich entzünden kann. Zudem können auch andere brennbare Materialen und Stoffe zur Anlage gehören, die in der Summe das Brandrisiko erhöhen.

Behörden verweisen auf Hersteller

Einige Behörden scheinen noch immer weitgehend ahnungslos, obwohl das BR-Politikmagazin Kontrovers bereits vor zwei Jahren über das Brandrisiko ausführlich berichtete und obwohl das Problem seit langem in der Branche bekannt ist. Die Bundeanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin will nach Kontrovers-Recherchen die Informationen über die Brandgefahr zuständigkeitshalber bereits 2016 an das Deutsche Institut für Bautechnik weitergeleitet haben. Dort weiß man davon aber nichts. Das Institut verweist genauso wie das Bundesbauministerium auf die Zuständigkeit der Länder. Von Bayerns Bauministerium heißt es dann auf Anfrage, man "ist über solche Schäden nicht informiert worden". Darüber hinaus "sind die Hersteller dafür verantwortlich, dass ihre Produkte den technischen Regeln entsprechen".

Kommt die Solarpflicht?

Von Seiten des Staates sind also keine schärferen Regeln zu erwarten, die künftig vor dem Einbau brandgefährlicher Solarthermieanlagen besser schützen. Gleichzeitig fordern Spitzenpolitiker eine Solarpflicht für Deutschlands Dächer. Im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg ist eine Solarpflicht bereits beschlossen. Dort gilt sie auch für Solarthermie-Anlagen. Der Co-Parteivorsitzender der Grünen auf Bundesebene, Robert Habeck, sprach sich im Sommer im Interview mit Kontrovers dafür aus, "wie in Baden-Württemberg Dächer als neue Infrastruktur für Solaranlagen zu begreifen und bei Neubauten Solaranlagen verbindlich zu installieren." Und auch der CSU-Vorsitzende, Markus Söder, versprach: "Ich werde auf Bundesebene sehr dafür kämpfen, dass wir dort eine Solarpflicht auch für Neubauten bekommen."

Deutschlandweit Solaranlagen auf allen Gebäuden - diese Grünen-Forderung dürfte bei den aktuellen Sondierungsgesprächen zwischen SPD, Grünen und FDP in Berlin ein Streitthema sein. Währenddessen wird europaweit an einer strengeren Norm für Solarthermieanlagen gearbeitet. Immer noch an derselben Norm übrigens wie schon bei den Kontrovers-Recherchen vor zwei Jahren. Mit jedem Tag aber steigt das Risiko, dass eine der betroffenen Indach-Solarthermie-Anlagen sich selbst entzündet.

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