BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Sohn des ersten NSU-Opfers: "Über all die Jahre verdächtigt" | BR24

© BR

Vor 20 Jahren begann in Deutschland die rechtsterroristische Mordserie des NSU. Das erste Opfer wurde in Nürnberg ermordet: der 38-jährige Blumenhändler Enver Şimşek. BR24 und nordbayern.de sprachen mit dem Sohn des Mordopfers, Abdul-Kerim Şimşek.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Sohn des ersten NSU-Opfers: "Über all die Jahre verdächtigt"

Vor 20 Jahren begann in Deutschland die rechtsterroristische Mordserie des NSU. Das erste Opfer wurde in Nürnberg ermordet: der 38-jährige Blumenhändler Enver Şimşek. BR24 und nordbayern.de sprachen mit dem Sohn des Mordopfers, Abdul-Kerim Şimşek.

Per Mail sharen

Der 9. September 2000 markiert den Anfang einer beispiellosen Mordserie. Sie startete in Nürnberg und dauerte sieben Jahre. Zehn Menschen fielen ihr zum Opfer. Es handelte sich um acht Menschen türkischer Herkunft, einen griechischstämmigen Kleinunternehmer und eine deutsche Polizistin. Die Täter blieben elf Jahre lang unerkannt: Es waren Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).

Zwei Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag

Die Stadt Nürnberg richtet am Jahrestag des tödlichen Angriffs auf Enver Şimşek eine Gedenkveranstaltung aus. Bereits am Wochenende gab es eine Demonstration und Gedenkkundgebung des Nürnberger "Bündnis Nazistopp", an der auch der Sohn des ersten NSU-Mordopfers, Abdul-Kerim Şimşek, teilnahm. Im Anschluss daran haben BR24 und nordbayern.de ein gemeinsames Interview mit Şimşek führen können. Darin berichtet er, was er und seine Familie nach dem Tod des Vaters durchgemacht haben.

Abdul-Kerim Şimşek verlor seinen Vater mit 13 Jahren

Als am 9. September 2000 die Schüsse auf den Blumenhändler Enver Şimşek fallen, ist sein Sohn Abdul-Kerim Şimşek gerade erst 13 Jahre alt geworden. Er reist vom Internat aus Saarbrücken an. Denn Polizeibeamte haben ihn informiert, dass seinem Vater etwas passiert sei, und er jetzt in einem Nürnberger Krankenhaus liegt.

"Die hatten mir am Anfang gesagt, dass es nur eine kleine Schlägerei war unter Leuten. So haben sie es mir zuerst gesagt, weil ich noch klein war. Aber als ich dann meinen Vater gesehen habe mit den ganzen Wunden, war das ja klar, dass das eine Hinrichtung war.“ Abdul-Kerim Şimşek, Sohn des ersten NSU-Mordopfers

Im Klinikum erkannte der Sohn schnell, wie schlimm es um seinen Vater stand, der mehrere schwere Schussverletzungen erlitten hatte. Zwei Tage nach dem Attentat der NSU-Schützen stirbt Abdul-Kerim Şimşeks Vater.

Ermittler versteiften sich auf falsche Theorie

Die Polizei kommt ins Elternhaus und beginnt intensiv zu ermitteln. Am Anfang folgt die Familie bereitwillig den Anweisungen und Fragen der Ermittler, sagt Abdul-Kerim Şimşek – bis klar wurde, dass die Polizei den Täter in Şimşeks Familie sucht. Die Ermittler konfrontierten sie mit immer wieder mit falschen Behauptungen.

"Es war grausam. Die haben meiner Mutter ein Bild gezeigt und gesagt: Ihr Ehemann hat eine Freundin, eine Geliebte. So wollten sie meine Mutter irgendwie rauslocken – einfach katastrophal. Über all die Jahre wurden wir verdächtigt und wir durften quasi nicht Opfer sein. Wir hatten nicht das Recht, Opfer zu sein.“ Abdul-Kerim Şimşek

Mit jedem weiteren Mord, den die NSU-Terrorgruppe begeht, gehen die Durchsuchungen und Unterstellungen aufs Neue los, erinnert sich der heute 33-jährige Sohn des Blumenhändlers. Auch gegen die Angehörigen der anderen Mordopfer ermittelte die Polizei hartnäckig.

Polizei hat sich nicht entschuldigt

Erst als sich der NSU 2011 selbst enttarnt, wird öffentlich klar, dass die Angehörigen nicht die Täter waren. Entschuldigt hat sich die Polizei dafür bei Şimşeks Familie bis heute nicht. Inzwischen möchte Abdul-Kerim Şimşek auch keine Entschuldigung mehr. Sie käme ohnehin zu spät.

"Eine Entschuldigung, die jetzt noch kommen würde, hat für mich keinerlei Bedeutung mehr." Abdul-Kerim Şimşek

Die zentrale Frage, die Abdul-Kerim Şimşek bis heute beschäftigt, ist: Wie wurde sein Vater als Mordopfer ausgewählt? Wer hat ihn und auch die anderen beiden Opfer ausgespäht, die der NSU später in Nürnberg ermordete?

Şimşeks Erkenntnis aus dem fünf Jahre langen NSU-Prozess in München fällt enttäuschend aus. Der Urteilsspruch sage ihm, dass man in Deutschland straffrei Terroristen unterstützen könne. "Man kann ihnen Waffen besorgen. Man kann ihnen einen Wohnwagen besorgen, eine Wohnung besorgen. Man kann alles machen und am Ende kommst du auf freien Fuß", sagt Abdul-Kerim Şimşek in Anspielung auf jene, die dem NSU-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe etwa einen Unterschlupf beschafften oder Waffen besorgten.

Keine Hoffnung auf vollständige Aufklärung des NSU-Komplexes

Hoffnung, dass die vielen offenen Fragen im NSU-Komplex noch aufgeklärt werden, habe Şimşek nicht mehr. Zwar ermittelten die Behörden seit dem Mord am hessischen Regionalpolitiker Walter Lübcke jetzt intensiver gegen Rechtsextremisten, merkt Şimşek an. Doch reichten ihm, der inzwischen Vater einer kleinen Tochter ist und in Deutschland lebt, diese Aktivitäten nicht aus.

"Mein Vater ist gestorben. Aber es sollen keine weiteren Menschen sterben. Es muss etwas gemacht werden. Deutschland bewegt sich in die falsche Richtung. Deutschland darf nicht weiterhin auf dem rechten Auge blind sein. Gegen Rechtsterroristen müssen viel härtere Strafen erfolgen." Abdul-Kerim Şimşek

Um das zu betonen, hat Şimşek am vergangenen Wochenende den schweren Weg nach Nürnberg gemacht, wo er auf einer Kundgebung sprach. Genau an der Stelle, an der sein Vater vor 20 Jahren niedergeschossen wurde.

© BR/Jonas Miller

Gedenken an Enver Şimşek, das erste Mordopfer des NSU.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!