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Bildrechte: Sebastian Nachbar

Tourengeher-Ansturm auf den Stubacher Sonnblick in den Hohen Tauern

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    Skitouren: Woher kommt der Boom?

    Es ist eine der angesagtesten Sportarten der vergangenen Jahre: Skitourengehen. Die Kombination aus Naturerlebnis, Fitness und Achtsamkeit passt – auch ohne Corona – perfekt zum Zeitgeist. Deshalb kommt der Hype alles andere als plötzlich.

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    Von
    • Sebastian Nachbar

    Es gibt da diesen Moment in der dritten Klasse, in Berlin muss gerade die Mauer gefallen sein, in dem Grundschullehrer Herr Graf eine Geschichte erzählt. Dazu stellt er den Diaprojektor auf und verdunkelt die Fenster. Der Schlitten des Projektors schiebt Bild für Bild vor das Licht und zaubert große Berge an die Wand, schneeweiß vor strahlend blauem Himmel. Männer mit Sonnenbrillen sind darauf zu sehen, mit unendlich langen Ski und riesigen Rucksäcken. Sie tragen die gleichen Flanellhemden wie Herr Graf. Hinter ihnen: Brocken, Kugeln, Schollen, übereinander geschoben in tausend weißen Schattierungen. Ein Schlachtfeld aus Schnee.

    Herr Graf erzählt von einem seiner vielen Erlebnisse im Gebirge. Wie jemand aus der Gruppe in einer Lawine ums Leben gekommen ist. In einem Schneebrett, wie er sagt. Die Klasse lauscht mucksmäuschenstill. Ein Skitourenausflug ist für die Kinder Ende der Achtziger so gewaltig, so weit weg, als würde jemand zum Mond fliegen.

    Wettlauf um den Neuschnee

    Heute, dreißig Jahre später, sind die Kinder von damals Eltern – und gehen massenhaft auf Skitour. Das alpine Abenteuer beschränkt sich heute allerdings auf die Frage, wer bei Neuschnee die ersten Schwünge durch den Hang zieht. Entlang des bayerischen Alpenrands sind Parkplätze an den Bergbahnen häufig voll, egal ob an der Alpspitze in Nesselwang, am Hausberg in Garmisch-Partenkirchen oder am Unternberg in Ruhpolding. Vor allem nach Feierabend, wenn die Hütten am Berg zum Tourengeherabend eingeladen hatten, fellten Tausende die Ski auf und pilgerten den Berg hinauf. Im Dezember 2020 sind die Hütten Pandemie-bedingt geschlossen, aber die Tourengeher-Community geht, sobald ein bisschen Schnee liegt, trotzdem los.

    Drei Mal so viele Tourengehende wie 2004

    Im Corona-Winter wird diese Entwicklung zum ersten Mal zum Problem. Kaum ist der erste Schnee gefallen, erleben die geschlossenen Skipisten einen Tourengeher-Ansturm. Juristische Fragen tauchen auf, etwa: Wer haftet, wenn sich Tourengehende auf gesperrten Skipisten verletzen? Um diesem Fall vorzubeugen, haben einige Bahnbetreiber im Allgäu ihre Parkplätze bereits gesperrt.

    Nach Schätzungen des Deutschen Alpenvereins gibt es mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland, die Skitouren gehen. Etwa drei Mal so viele wie im Jahr 2004. Und der Zulauf hält an. Die Sportart ist seit Jahren der größte Wachstumsmarkt im Wintersportbereich. Vor allem jüngere, tendenziell weibliche Zielgruppen stoßen dazu. Aber woher kommt die Begeisterung fürs Skibergsteigen?

    "Pistengehen als Hallenklettern des Skitourengehens"

    Tourengehen, das war früher eine Sportart, die vor allem Männer über Vierzig betrieben. Man trug schwere Schalenschuhe, bei denen Fersen und Schienbeine wund scheuerten. Die Ski waren zwei Meter lang und kaum tailliert. Nur, wer richtig gut fahren konnte, beherrschte das Material im Tiefschnee einigermaßen. Erst recht mit schwerem Rucksack. Das ist vorbei.

    Dabei spielt sich der Skitourenboom hauptsächlich auf Pisten ab. Für Olaf Perwitzschky, Bergführer und Produkttester beim Bergmagazin Alpin, ist die Entwicklung vergleichbar mit mit dem Boom beim Klettern und Bouldern. Auch dort gab es in den vergangenen Jahren einen riesigen Zuwachs an Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern, die nach Feierabend in der Halle klettern, aber nie an den Fels gehen. "Pistengehen ist das Hallenklettern des Skitourengehens", sagt er. "Es gibt nicht wenige, die die Piste nie verlassen, um ins freie Gelände zu gehen. Viele haben Angst vor Lawinen."

    Vergleichsweise wenig Nachfrage bei Skitourenbüchern

    Wenig vom Skitourenboom bemerkt man hingegen beim Alpinverlag Panico. Dort hat man derzeit 14 Skitourenführer im Angebot. Jedes Büchlein bietet zahlreiche Tourenziele in alpinen Regionen wie den Allgäuer Alpen, der Silvretta oder den Hohen Tauern. Inspiration für hunderte Bergausflüge findet man darin. „Von den meisten verkaufen wir nur dreistellige Stückzahlen pro Jahr“, sagt Gründer und Verlagschef Achim Pasold. Eine überraschend niedrige Zahl, bei den vielen Leuten, die Skitouren neu als Sportart für sich entdecken. Das mag auch am großen Tourenangebot im Netz liegen. Trotzdem passt Pasolds Angabe in das Gesamtbild, dass die meisten Leute an alpinen Bergfahrten nur wenig Interesse haben – und stattdessen lieber die Skipiste hinaufgehen.

    In den 2000er-Jahren begann der Outdoor-Boom

    Fürs Training nach Feierabend macht das auch Olaf Perwitzschky. Sein Hausberg ist das Hörnle in Bad Kohlgrub. Wie viele Berge am bayerischen Alpenrand bietet es alles, was ein Massen-Skitourenziel braucht: einen schnell erreichbaren Parkplatz im Tal, gemütliche Einkehrmöglichkeit am Berg und eine Piste, die nicht zu anspruchsvoll ist. „Vor zwanzig Jahren warst du als Pistengeher, der abends mit Stirnlampe gegangen ist, ein Exot. Heute musst du schauen, dass du einen Parkplatz bekommst.“

    Für ihn sind bei dem Hype ums Skitourengehen ein paar entscheidende Dinge zusammengekommen: Der Outdoor-Boom zog die Leute ab den 2000er Jahren nach draußen. Industrie, Handel und Tourismusverantwortliche reagierten darauf. Marketing und Werbung erzählten die passenden Geschichten und das Publikum wuchs. Alpine Destinationen stellten sich darauf ein, Social Media erledigte den Rest.

    Tourengehen als Symbiose aus verschiedenen Sportarten

    "Wir wollten damals das Thema Skitouren der jüngeren Zielgruppe nahebringen", sagt Thomas Janker über den Ursprung des Skitourenbooms. Er ist Einkaufsleiter bei Sport Conrad, einem der größten Sportfachhändler südlich von München. Man veranstaltete Test-Events am Berg und kurbelte so den Umsatz an. Wie viele Tourensets er mittlerweile verkauft, will Janker nicht sagen. Klar ist aber: Das Konzept ging auf. "Früher hast du vor Januar keinen Tourenski in den Laden stellen brauchen", sagt Janker. Heute kaufen die Leute ihre Tourenausrüstung schon im Herbst.

    Das Gesamterlebnis bei einer Abendskitour passt perfekt zum Zeitgeist. Bedürfnisse wie Natur, Fitness, Spaß, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft lassen sich dabei wunderbar verbinden. Die Sportart verpflanzt das Training vom Crosstrainer an die frische Luft. Anstatt sich selbst verschwitzt im Spiegel anzuglotzen, blickt man ins Tal und trinkt oben gemeinsam ein Weißbier. Und wenn es ganz gut läuft, hat man sogar noch eine tolle Abfahrt.

    Tourenausrüstung für alle Bedürfnisse

    Das liegt auch daran, dass das Material immer besser wurde. Ein normaler Tourenschuh wiegt heute weniger als ein Kilo. Beim Kauf wird er im Laden erhitzt und so lange an den Fuß angepasst, bis er sitzt wie ein Hausschuh. Pin-Bindungen krallen sich mit zwei Dornen seitlich in die Schuhspitze und erlauben im Aufstieg eine fast natürliche Gehbewegung. Die leichtesten Bindungen wiegen weniger als hundert Gramm. Tourenski haben sich in Länge, Taillierung und Gewicht aufgefächert in einzelne Sub-Segmente: Vom 750-Gramm-leichten Rennski über zig verschiedene "Allrounder" bis hin zur extrabreiten Tiefschneelatte. Je nachdem, ob man nun zu Trainingszwecken "Höhenmeter fressen" will oder für den legendären Japan-Powder bis nach Hokkaido fliegt – mindestens 1000 Euro sind in der Regel für eine komplette Tourenausrüstung fällig, Notfallausrüstung für Lawinen wie Schaufel, Sonde und Verschütteten-Suchgerät nicht mitgerechnet.

    Immer wichtiger für die Skiindustrie

    Beim einzigen großen deutschen Skihersteller Völkl aus Straubing macht das Tourensegment nach Aussage von Markenchef Jonathan Wiant zwar nur "zwischen sieben und neun Prozent der Skimenge" aus, aber die Tendenz ist steigend. Gerade jetzt im Corona-Winter ruht in der Skiindustrie aber eine gewisse Hoffnung auf dem Tourenmarkt. Statt des klassischen Einzelhandels wurde in den vergangenen Jahren bei den Alpinski das Verleihgeschäft immer wichtiger. Man holte sich für den Skiurlaub vor Ort ein Paar frisch gewachste Ski und brachte sie vor der Heimreise wieder zurück. Jetzt, wo der Winterurlaub Corona-bedingt ausfällt, liegt auch der Skiverleih brach. Und damit der Absatz bei den Herstellern.

    Der Deutsche Alpenverein versucht sich indes in Publikumslenkung in Sachen Ski- und Schneeschuhtouren. Vergangene Woche war eigentlich der Start der Kampagne #WinterFUN (freundlich, umsichtig, naturverträglich) geplant, wurde aber wegen des anhaltend großen Infektionsgeschehens kurzfristig abgesagt. Vor Weihnachten will man mit einer neuen Info-Kampagne an die Öffentlichkeit gehen.

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