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Stillstehender Lift im Skigebiet Garmisch Classic

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    Skilifte zu – Berge in Ruh'? Ein Winter im Lockdown

    "Ein zweites Ischgl wollen wir einfach nicht noch mal erleben": Diese Aussage von Ministerpräsident Söder hat Folgen. Die Wintersaison in den Bergen fällt aus - für viele Menschen existenzbedrohend. Bringt der Lockdown wenigstens der Natur etwas?

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    Von
    • Claudia Erl

    Während in anderen europäischen Ländern die Regelungen weniger streng sind, ist dem Skitourismus in Deutschland der Riegel vorgeschoben. Überall dort, wo im Moment Hochsaison wäre, zeigt sich das gleiche Bild: Die Hütten, Pensionen, Restaurants und Bars sind zu, die Pisten leer, die Lifte stehen still. Die Wintertourismusorte Bayerns leiden besonders unter dem Lockdown, so zum Beispiel Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf.

    Ausflügler – Fluch oder Segen?

    Trotzdem sind die Parkplätze rund um die Berge überfüllt von Ausflüglern. Die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen hat deswegen sogar einen Brandbrief an den bayerischen Ministerpräsidenten geschrieben. Der Lockdown ist in ihren Augen unklar geregelt: Grundsätzlich sollen die Menschen daheimbleiben – doch triftige Gründen erlauben eine Ausnahme. Dazu zählen Sport und Bewegung an der frischen Luft. Zum Leidwesen der Menschen, die hier leben. Sie haben Angst, dass die Ausflügler das Virus mitbringen und sind frustriert, weil sie kein Geld da lassen. Spaltet die Pandemie? Land gegen Stadt?

    "Ich glaube, dass wir ein gesellschaftliches Problem haben. Und das drückt sich jetzt durch die Jahreszeit und durch den Drang von den Leuten am meisten aus." Elisabeth Koch, Bürgermeisterin Garmisch-Partenkirchen

    Verluste und leergefegte Straßen

    Von den 10.000 Einwohnern in Oberstdorf leben etwa 7.000 vom Tourismus. Eine Million Übernachtungen alleine im Winter sorgen dafür, dass es dem Ort wirtschaftlich eigentlich gut geht. Doch in diesem Winter sind die Straßen leergefegt, die Geschäfte sind geschlossen.

    Oberstdorfs Bürgermeister Klaus King schätzt den Verlust an Einnahmen auf etwa 50 Millionen Euro monatlich. Die Gemeinde musste sogar eine Haushaltssperre verhängen. Doch besonders hart trifft es hier die Vermieter von Ferienwohnungen. 70 Prozent der fast 17.000 Übernachtungsbetten von Oberstdorf werden von privaten Gastgebern gestellt. Doch nur große Hotels bekommen staatliche Hilfen.

    Kein Party-Skiort

    Dass sie nun bluten müssen, können die Oberstdorfer nicht so richtig einsehen: Im letzten Sommer gab es in Oberstdorf im Bereich Hotellerie und Gaststätten keinen einzigen nachgewiesenen Corona-Fall. Alle staatlich verordneten Hygienemaßnahmen wurden von der Polizei und dem Ordnungsamt überprüft durch Patrouillen, die regelmäßig durch den Ort gingen. Trotzdem heißt die Entscheidung seit dem 15. Dezember: Nichts geht mehr.

    "Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Politiker, die dies entschieden haben, den Unterschied kennen. Ob sie wissen: Ischgl lebt vom Nachtleben, wir leben von den Familien. Das ist der Unterschied. Bei uns gibt es keine Partys. Und da sind alle Skiorte unter Generalverdacht." Klaus King, Bürgermeister Oberstdorf

    Das böse Schlagwort "Ischgl"

    In seiner Kritik bekommt King Unterstützung vom bayerischen Wirtschaftsminister:

    "Ich bin nicht bereit, das Thema Hotels und Gastronomie immer mit einem Wort 'Ischgl' einfach so vom Tisch wischen zu lassen. Nach dem Motto, da würde es drunter und drüber gehen und das wäre nicht verantwortbar. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Eine ordentliche geführte Gastronomie - und die haben wir in Bayern - wenn man dort mit Abstand und Hygienekonzept ordentlich zum Essen geht, dann passiert dort weniger in punkto Hygieneprobleme, als wenn die Menschen sich ihre privaten Kontakte suchen." Hubert Aiwanger (FW), bayerischer Wirtschaftsminister

    Deutschlandweit droht zwanzig Prozent der Gastronomen die Insolvenz. Zwei Millionen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Und die staatlichen Hilfen kommen schleppend an. Das alles macht die Akzeptanz der Maßnahmen für viele in der Winter-Tourismusbranche nicht leichter.

    Heilender Winterschlaf für die Natur?

    Die Schneeparadiese in Bayern – alle im Corona-Dornröschen-Schlaf. Bleibt eine Frage: Profitiert wenigstens die Natur vom Lockdown? Grundsätzlich ja. Wären da nicht die Skitourengeher. Sehr viele haben in diesem Jahr diesen Wintersport für sich entdeckt. Und die Tourengeher dringen viel tiefer in die Bergwelt ein als die Alpin-Skifahrer. Nicht selten betreten sie dabei auch Schutzzonen. Und das kann für bedrohte Tierarten wie zum Beispiel die Birkhühner gerade im Winter auch mal tödlich enden. Ranger versuchen deshalb, die Ströme der Tourengeher zu lenken – weg von den sensiblen Bereichen.

    Letzte Chance: Osterferien

    Ein Lockdown nach dem anderen wurde verlängert. Doch die Wintersaison läuft noch bis zum 12. April. Die Osterferien wären die allerletzte Chance, um noch etwas von den Verlusten wett zu machen. In den Skiorten fragt man sich, ob man sich seitens der Politik wenigstens auf diese Öffnungsperspektive einigen kann?

    Gefordert wird ein verlässlicher Zeitplan statt einer andauernden Hängepartie. Denn um überhaupt öffnen zu können, müssten weiterhin Pisten präpariert, Beschäftigte gehalten, viel Geld und Mühe investiert werden. Manche haben genau aus diesem Grund das Handtuch schon geworfen: Die Bayerische Zugspitzbahn zum Beispiel gibt für dieses Jahr das Classic-Skigebiet auf. Und beendet damit eine Saison, die erst gar nicht begonnen hat. Die Pisten sind nun sich selbst überlassen.

    Hoffen auf den Neustart

    Alle Mühen umsonst? Skischulen und –verleiher haben aufwendige Hygienekonzepte entwickelt, renovieren ihre Geschäfte, planen zweite Standbeine, alle der Pandemie angepasst. Hotels renovieren ihre Räume, Berghütten verschönern ihren Außenbereich – alles Investitionen für die Zukunft. Doch wann beginnt die?

    "Die Zukunft beginnt für uns ab dem Tag, an dem wir wieder starten dürfen. Ab dem Tag beginnt für uns die Zukunft." Konrad Eggensberger, Skischul-Besitzer Garmisch-Partenkirchen

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