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Kunstschneepisten am Sudelfeld

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Nur noch mit Kunstschnee? Welche Zukunft Bayerns Wintersport hat

In langfristigen Wettertrends kann man längst erkennen, dass sich die Schneetage wegen der Klimakrise in den Spätwinter verschieben - mit Folgen auch für Bayerns Wintersportgebiete. Ob Kunstschnee systemrelevant wird und welche Alternativen es gibt.

Über 90 Millionen Euro Steuergelder hat die Bayerische Staatsregierung in den Ausbau und die Modernisierung der Skigebiete seit 2009 gesteckt. Dazu gehört auch der massive Ausbau der technischen Beschneiung. Argument: Kunstschnee ist Anpassung an den Klimawandel und die Seilbahn- und Pisteninfrastruktur Säule des Alpentourismus. Aber wären Betten und Restaurants ohne die Pisten tatsächlich leer geblieben?

Wandern statt Skifahren

"In den Weihnachtsferien bis Mitte Januar haben wir in Bayrischzell viele Stammgäste, die nicht nur wegen Schnee und Wintersport, sondern auch wegen dem stimmungsvollen Ort mit seiner Möglichkeit zu Spaziergängen, weihnachtlichen Programmen und seinem bayrisch-kulinarischen Angebot kommen", heißt es in der Tourist-Info Bayrischzell am Bergfuß des Sudelfelds. Rund die Hälfte der Gäste nutzt in dieser Zeit auch das Skigebiet.

Laut Untersuchungen der Deutschen Sporthochschule Köln sind 95 Prozent der Wintersportgäste im Allgäu "polysportiv" und kombinieren Skifahren, Langlauf, Winterwandern und Schneeschuhgehen. Genaue Erhebungen zum Anteil der Skitouristen gibt es dabei nicht, aber Orte wie Ruhpolding oder Oberstaufen im Allgäu berichten übereinstimmend davon, dass sich die Gäste sehr schnell an die derzeitigen Bedingungen angepasst und etwa in Bad Hindelang "bei herrlichem Wetter auf Hütten und Almen gewandert sind". Seit Jahren, so betont das Allgäu Marketing, würden die Ganzjahresangebote ausgebaut.

Gäste sind flexibel und passen sich an Klimawandel an

Die Erfahrungen decken sich mit wissenschaftlichen Forschungen, die Jürgen Schmude, Tourismusexperte der LMU München, angestellt hat. Demnach fällt ungefähr ein Drittel der Wintersporttouristen in die Kategorie der "Activity Switcher", das heißt: Wenn Skifahren oder Langlaufen nicht geht, dann bewegen sie sich eben anders in der Natur.

"Destination Switcher" suchen sich andere Gebiete mit Schnee

Ein weiteres Drittel sind die "Destination Switcher", die auf jeden Fall dem Skisport treu bleiben: Diese Gruppe sucht sich andere, höhergelegene Orte, in denen die Schneesicherheit besser ist. Und schließlich gibt es die "Time Switcher", die ihren Wintersporturlaub auf Fasching oder Ostern verschieben, wenn die Schneeverhältnisse besser sind.

Schneetage verschieben sich in Spätwinter

In den langfristigen Wettertrends zeichnet sich tatsächlich eine Verschiebung der Schneetage in den Spätwinter ab, der "Christmas-Easter-Shift", wie ihn Tourismusforscher Jürgen Schmude bezeichnet. Aktuell geht der Deutsche Skiverband von 7,5 Millionen aktiven Skifahrern in Deutschland aus, dazu zwei Millionen Snowboarder und 2,4 Millionen Langläufer. Damit ist Deutschland der wichtigste Quellmarkt für Skitouristen, insbesondere auch für die Nachbarländer Österreich und Südtirol.

Alternative Bergsteigerdörfer

Die ursprünglich vom Österreichischen Alpenverein ins Leben gerufenen "Bergsteigerdörfer" machen es vor, wie Winterurlaub auch mit wenig oder ohne Alpinski funktioniert. In Bayern gehören Ramsau, Schleching, Sachrang und Kreuth zu dieser inzwischen alpenweiten Vereinigung von Orten, die keine touristischen Großstrukturen wie große Hotels oder Seilbahnen aufgebaut haben. Ihr Markenkern ist die gewachsene Dorfstruktur und die intakte Bergnatur mit Schutzgebieten in unmittelbarer Nähe der Orte.

Schleching und das Achental verbuchten mit dieser Strategie im vergangenen Jahr 15 Prozent mehr Übernachtungen als im Vor-Corona-Jahr 2019. Statt auf den schrumpfenden Winter setzt Schlechings Bürgermeister Josef Loferer für den Tourismus mehr auf den wachsenden Sommer. Gute Bedingungen für das Wandern in den Bergen gebe es inzwischen über acht Monate bis weit in den November hinein. Auch im Allgäu spielt der Sommer mit kontinuierlich über 60 Prozent der Übernachtungen die größere Rolle, so wie praktisch in allen bayerischen Alpendestinationen.

Sind Seilbahnen Tourismusmotor?

In einer vom Verband Deutscher Seilbahnen in Auftrag gegebenen Studie summiert ein privates Forschungsinstitut im Jahr 2015 die Wertschöpfung der Seilbahnen und für die touristischen Betriebe, Handwerk und Handel auf 740 Millionen Euro. Jeder Arbeitsplatz bei der Seilbahn sichere fünf Arbeitsplätze in der Region. Vorausgesetzt wird hier allerdings, dass die Gäste überhaupt erst wegen der Seilbahn in den jeweiligen Ort kommen. Welchen Stellenwert die Bahnen im Angebotsportfolio bei der Wahl des jeweiligen Urlaubsortes haben, müsste erst genau untersucht werden.

Kunstschnee als schlechteste Option

Touristisches Potenzial für Winter ohne Ski ist in den Alpen- und auch Mittelgebirgsorten in Bayern reichlich vorhanden. Eine Anpassung an den Klimawandel durch Kunstschnee bezeichnet der Münchner Geographieprofessor Matthias Garschagen dagegen als "Mal-Adaption", als schlechte Anpassung, da dadurch Strukturen künstlich am Leben erhalten werden, deren Ende absehbar ist.

Hinzu kommt das Paradox, dass die energieintensive Beschneiung den Klimawandel anheizt, den sie mit Kunstschnee bekämpfen will. Tourismusexperte Jürgen Schmude sieht in der Beschneiung nur eine Übergangslösung für die Wintersportdestinationen in niedrigen und mittleren Lagen, um ihr Angebot auf andere Marktsegmente umzustellen. Die Opposition im Bayerischen Landtag fordert, die Förderung für Beschneiung einzustellen und stattdessen die Umstellung im Wintertourismus voran-zutreiben.

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Im Skiort Mitterdorf im Bayerischen Wald ist es zu warm und zu grün. Die Staatsregierung investiert viel Geld in den dortigen Skizirkus.

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