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Skandalheim vom Schliersee: Fragen und Antworten | BR24

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Bildrechte: BR/Melanie Marks

Die Staatsanwaltschaft München II führt 17 Todesermittlungsverfahren in Zusammenhang mit der Seniorenresidenz Schliersee durch. Es wird untersucht, ob die Bewohner an Unterernährung gestorben sind. Zwei verstorbene Bewohner wurden exhumiert.

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Skandalheim vom Schliersee: Fragen und Antworten

Wie werden Heime normalerweise kontrolliert? Warum hat das Pflegepersonal das mitgetragen? BR24-User sind nach unserer Berichterstattung über die Seniorenresidenz Schliersee geschockt und haben Fragen. Wir beantworten sie.

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Von
  • Christiane Hawranek
  • Alexander Brutscher

In einem Altenpflegeheim am Schliersee sollen Bewohner über Jahre vernachlässigt worden sein. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und prüft 17 Todesfälle. Senioren könnten verhungert sein. Wie lässt sich so etwas verhindern?

Christiane Hawranek hat den Fall zusammen mit Claudia Gürkov und Melanie Marks aufgedeckt und gibt Antworten.

Auf welche Warnsignale sollten Angehörige achten?

Christiane Hawranek: Unangenehmer Geruch, eine dicke Staubschicht, Schmutz oder sogar Schimmel sind definitiv Zeichen für Hygienemängel. Gewichtsabnahme beim Heimbewohner kann ein Warnsignal für Pflegemängel sein. Eine der wichtigsten Zeuginnen im Fall Schliersee heißt Andrea Würtz. Sie hat 30 Jahre Erfahrung in der Pflege und rät, sich zunächst mündlich und schriftlich beim Heim zu beschweren. Wichtig sei auch, den Pflegezustand des Bewohners oder der Bewohnerin zu dokumentieren, am besten zusammen mit einem externen Arzt oder einer Ärztin. Angehörige können sich auch Trinkprotokolle zeigen lassen.

An wen können sich Angehörige wenden?

Christiane Hawranek: Wenn die Mängel vom Heim nicht beseitigt werden, sollte man sich an die zuständige Heimaufsicht wenden. Sie ist beim Landratsamt angesiedelt. Eine weitere Anlaufstelle für Beschwerden ist der Medizinische Dienst der Krankenkassen. "Wenn Wunden, nicht erklärbare blaue Flecken oder definitive Anzeichen für massiven Gewichtsverlust bestehen, würde ich relativ zügig die Heimaufsicht kontaktieren oder mich zumindest beraten lassen", rät Andrea Würtz.

Wie können Angehörige Gewalt im Heim erkennen?

Christiane Hawranek: Jürgen Osterbrink, Professor für Pflegewissenschaft an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg sagt, dass Angehörige bei blauen Flecken oder Schnittwunden oft ausweichende Antworten bekommen. "Da hat sich der Vater gestoßen" zum Beispiel. Es gibt aber Muster, wie Angehörige subtile Gewalt im Heim erkennen können. Etwa, wenn ein Bewohner sagt, dass er auf die Toilette muss, ihm aber niemand hilft. Oder wenn eine Bewohnerin gegen ihren Willen schon um 17 Uhr ins Bett zum Schlafen gelegt wird. Der Pflegewissenschaftler erklärt: Sobald sich Pflegebedürftige ohnmächtig und ausgeliefert fühlen, sei das ein Anzeichen für Gewalt und Machtmissbrauch. Dies sei aber in der Regel kein böser Wille der Pflegekräfte, sondern oftmals einer Überlastung geschuldet. Wenn Angehörige merken, dass sich der Bewohner nicht wohlfühlt und Mängel nicht beseitigt werden, dann sollte man keine Scheu haben, sich nach einem anderen Heimplatz umzusehen.

Warum hat das Pflegepersonal die Missstände im Fall Schliersee mitgetragen?

Christiane Hawranek: Mehrere haben uns berichtet, dass sie sich von der Heimleitung unter Druck gesetzt gefühlt hätten. Eine ehemalige Mitarbeiterin hat zum Beispiel von "Akkordarbeit" erzählt, sie sei immer "wie eine Rakete durchs Haus geschossen". Sie habe keine Chance gehabt, alle zu versorgen, weil viel zu wenig Personal da gewesen sei. Ein anderer Pfleger hat erzählt, er sei selbst "körperlich und seelisch da drinnen zugrunde gegangen". Er erinnert sich, dass er im Spätdienst oft als einzige Fachkraft für mehr als 100 Bewohner zuständig gewesen sei, die teils schwer dement waren. Eine andere Pflegefachkraft sagte, es habe an qualifiziertem Personal gefehlt, viele Hilfskräfte hätten kaum Deutsch gekonnt und gar nicht verstanden, was die Bewohner brauchten. Das Heim sagt dazu, man habe beim Personal "immer die gesetzlichen Anforderungen" erfüllt.

Was sagen Angehörige zu den Vorwürfen? Warum melden sie einen geliebten Menschen in einem Heim an, in dem es Hygiene- und Pflegemängel gibt?

Christiane Hawranek: Für die Angehörigen war das nicht auf den ersten Blick klar. Viele dachten sich, die Lage mit Berg- und Seeblick ist schön und es ist ein Platz frei; schließlich sind Plätze oft Mangelware. Und es ist eines der günstigeren Heime in der Region. Wir haben aber auch mit einigen gesprochen, die ihre Angehörigen von der Seniorenresidenz Schliersee wieder abgemeldet haben, weil sie zum Beispiel mitbekommen haben, dass die Mutter im eigenen Erbrochenen lag und sich keiner darum gekümmert habe. Eine Angehörige hat das Heim sogar als "Horrorhaus" bezeichnet. Andere sagten uns, dass sie zwar unzufrieden seien mit dem Heim, dass sie aber die Befürchtung haben: "Woanders ist es auch nicht besser."

Wie werden Seniorenheime normalerweise kontrolliert?

Christiane Hawranek: Die "Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht" (FQA), so heißt die Heimaufsicht offiziell, ist für regelmäßige Kontrollen in Seniorenheimen zuständig. Laut Landratsamt Miesbach wird die Seniorenresidenz Schliersee "engmaschig kontrolliert". Das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz sieht vor, dass Kontrollen der Heimaufsicht in der Regel unangemeldet sein sollen. Unsere Recherchen haben allerdings ergeben, dass die Heimaufsicht Miesbach ihre Kontrollen oft angekündigt hat. Expertinnen und Experten kritisieren, dass häufig nur die Dokumentation überprüft werde, nicht die Heimbewohner selbst. Das Bayerische Gesundheitsministerium schreibt auf BR-Anfrage, die FQA habe zum einen Beratungs- und Informationsaufgaben, aber auch die Möglichkeit, bei Mängeln Anordnungen zu erlassen. Diese können bis hin zu einem Aufnahmestopp oder einer Betriebsuntersagung reichen.

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