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Donaulied: Bayern streitet über "Bierzelt-Sexismus" | BR24

© BR / Katharina Häringer

Donaulied Die Petition und die Gegenpetition

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Donaulied: Bayern streitet über "Bierzelt-Sexismus"

"Einst ging ich am Strande der Donau entlang..." - in einer Strophe dieses Volksfestschlagers wird die Vergewaltigung einer schlafenden Frau besungen. Eine Studentin will diesem "Bierzelt-Sexismus" ein Ende setzten. Dagegen regt sich Widerstand.

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"Einst ging ich am Strande der Donau entlang..."- ein Liedtext, den Menschen seit Generationen in Bierzelten und bei Feiern grölen. Doch in einer Version gibt es eine Textstelle, die offenbar die Vergewaltigung einer schlafenden Frau besingt: "Ich machte mich über die Schlafende her, Ohohohlalala… Sie hörte das Rauschen der Donau nicht mehr…"

"Aktion gegen Bierzelt-Sexismus"

Mitte Mai haben eine Passauer Studentin und ihre Mitstreiter unter dem Namen "Aktion gegen Bierzelt-Sexismus" eine Petition gestartet gegen diese Version des Donauliedes, auch eine Bürgerinitiative ist geplant. Die Studentengruppe hat damit eine bayernweite Diskussion angestoßen - auch über die Frage, inwieweit in anderen Heimatliedern Sexismus und Gewalt vorkommen und wo im Volkslied die Grenze zwischen Erotik und Sexismus verläuft.

Petition im Internet

Die 22-jährige Passauer Kulturwirtschafts-Studentin Corinna Schütz stört sich massiv daran, dass Menschen sich darüber nur wenig Gedanken machen und das Lied weiterhin in Bierzelten gesungen wird. Deshalb hatte sie im Internet eine Petition gestartet, die inzwischen mehr als 31.000 Menschen unterzeichnet haben. Corinna Schütz plant zusammen mit ihren Mitstreitern sogar eine Bürgerinitiative.

Für sie vermittelt das Donaulied ein Weltbild, das sexuelle Gewaltphantasien gegen Frauen normalisiere und sogar verherrliche. Sie sei nicht gegen Traditionen und gehe selbst gern auf die Dult. Sie wolle auch nicht erreichen, dass das Donaulied verboten werde, stellt die Studentin klar. Vielmehr sollten sich die Leute mit dem Text auseinandersetzen, der Vergewaltigungen verharmlose und freiwillig auf das Singen verzichten.

Kritik und Shitstorm

Neben sehr vielen positiven Zuschriften aus ganz Deutschland hat die Aktion auch Kritiker auf den Plan gerufen: Ein Wirt aus dem Landkreis Passau etwa schrieb auf Facebook, wenn sich eine Frau durch das Lied sexuell belästigt fühle, hätte sie ein anderes, größeres Problem. Weitere Kommentatoren schlossen sich dem an.

Auch der stellvertretende Landrat von Passau, Hans Koller (CSU), kommentierte den Ausgangspost des Wirts als "sehr gut", wogegen der Grünen-Landtagsabgeordnete Toni Schuberl Koller einen Brief sandte, der auch an die Medien ging und in dem er schreibt: "Darf ich das so werten, dass Du die Verherrlichung und das Besingen einer Vergewaltigung gut heißt?"

Aus ganz Deutschland hat die Gruppe im Internet einen Shitstorm abbekommen, "das reichte bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen", berichtet Corinna Schütz. Sie hätte sich eine sachliche Diskussion über dieses Thema gewünscht.

Es gibt auch eine Gegen-Petition

Inzwischen gibt es auch eine Petition für den Erhalt des "Donaulieds". Unter dem Motto "Rettet das Donaulied" vertreten vier Männer die Auffassung, das Lied gehöre zur Bierzelt- und Kneipenstimmung. Sie seien sich sicher, dass kein Mensch bei diesem Lied an eine Vergewaltigung gedacht habe, und dass dieser Text keinen Einfluss auf Straftaten habe.

Innerhalb von zwei Tagen erreichten die Organisatoren aus den Landkreisen Passau und Freyung-Grafenau etwas mehr als 1.000 Unterschriften. "Wenn man dieses Lied nicht mehr singen darf, gehen ja 80 Prozent der Volksfestlieder nicht mehr. Wo fangen wir an und hören auf", sagt der 24 Jahre alte Fabian Fenzl. Er ist einer der vier Initiatoren, spielt selbst in einer Volksfestband und singt das Lied normalerweise rund 80 Mal im Jahr, erzählt er.

Kabarettist Christian Springer: "Des sing ma need"

Der Kabarettist Christian Springer hingegen unterstützte Corinna Schütz und die Aktion gegen Sexismus in Bierzelten von Anfang an. Jedes Bierzelt habe Regeln, die überall gelten. "Dazu gehört, dass du das zahlst, was du g’soffn hast, und Rassisten und Rechtsradikale sollen die Klappe halten, und wer Lieder super findet, in denen’s darum geht, dass man wehrlose Mädchen überfällt und vergewaltigt, der (…) hat in einem Bierzelt nix verloren", sagt Christian Springer.

Und wenn das Lied trotzdem dort gespielt wird? "Dann stehst du auf und musst halt was anderes singen. Wie wär’s damit: Steht's auf, des sing ma need, des sing ma need…"

© Sina Schweikle

Christian Springer: "Des sing ma need..."

Ministerin Trautner: "Schon Worte können verletzen"

Auch die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner (CSU), hat sich inzwischen zu der Botschaft der Petition geäußert. Die Gesellschaft dürfe Gewalt, egal in welcher Form, nicht bagatellisieren oder verharmlosen - auch nicht in der Sprache. "Mädchen und Frauen müssen es sich nicht gefallen lassen oder schweigen, wenn sie sich belästigt fühlen. Schon Worte können verletzen. Da hört für mich der Spaß auf", sagt die Ministerin.

Der Hinweis, dass es hier um Texte in einem Volkslied und damit um vermeintliches Kulturgut gehe, entschuldige nichts. Sie unterstützt die Aktion der Studentin und ihrer Mitstreiter auch deshalb, weil sie dazu beiträgt, Gewaltprävention und Alltags-Sexismus kritisch zu reflektieren.

"Ich wünsche mir, dass verantwortungsbewusste Festwirtinnen und Festwirte sowie Musikerinnen und Musiker sich freiwillig darauf verständigen, das Donaulied und vergleichbare sogenannte Stimmungsmusik ihrem Publikum nicht mehr zuzumuten." Carolina Trautner (CSU), bayerische Sozialministerin

"Sexismus hat keinen Platz in unserem schönen Passau"

Ein großer Erfolg für Corinna Schütz und ihre Kommilitonen ist, dass nun auch der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) ihnen über Instagram seine Unterstützung signalisiert hat.

"Sexismus hat selbstverständlich auch für mich keinen Platz in unserem schönen Passau. Ich werde mich deshalb dafür einsetzen, dass wir gemeinsam mit den Wirten eine Lösung finden, damit dieses Lied auf den Passauer Dulten nicht mehr gespielt wird." Jürgen Dupper (SPD), OB Passau

Experte der Uni Freiburg sieht das Lied sehr kritisch

Die Ursprungsfassung des Liedes stammt aus dem 19. Jahrhundert, wie Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an der Universität Freiburg, erläutert. Es sei später vielfach parodiert worden, zumeist mit erotisch-sexuellen Inhalten. "Lieder dieser Machart leben von der Grenzüberschreitung", erklärt der Experte. Speziell der Text der Donaulied-Version, in der ein Mädchen im Schlaf übermannt und vergewaltigt wird, sei aus heutiger Sicht "unerträglich, nicht nur aus der Perspektive von Frauen, sondern auch aus der Perspektive der Männer, die als Vergewaltiger dargestellt werden". Das Singen solcher Lieder hat seiner Ansicht nach nichts mit Humor, Harmlosigkeit oder Traditionspflege zu tun.

Was ist erotisch? Was sexistisch?

Laut Michael Fischer gab es wohl zu allen Zeiten Lieder mit erotischen Inhalten. Von sexistischen Liedern würde er dann sprechen, wenn es ihm Text um sexuelle Gewalt, Nötigung oder Formen des Missbrauchs geht oder Menschen in ihrer Würde angegriffen werden. Freilich ändere sich das Verständnis von Sexismus im Zuge des Wertewandels in der Gesellschaft ständig. Zu Recht sei in den letzten Jahren das Bewusstsein gestiegen, alle Formen der Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschen zurückzuweisen.

Aus heutiger Sicht sind seiner Ansicht nach alle Fassungen des Donauliedes problematisch, weil sie sexistisch und voyeuristisch angelegt sind. Harmlos sei für ihn auch nicht die abgemilderte Version des Ballermann-Sängers Mickie Krause. Michael Fischer wünscht sich, dass die InitiatorInnen mit ihrer Aktion einen Denkanstoß bewirken, damit die Menschen sensibel mit der Problematik umgehen und selbst entscheiden, ob sie solche Lieder überhaupt hören oder mitsingen wollen.

Kritische Worte vom Bezirksheimatpfleger

Eine Vergewaltigung, wenn auch nur eine fiktive wie im besagten Lied, sei nicht zu beschönigen, sagt auch der niederbayerische Kulturdirektor und Bezirksheimatpfleger Maximilian Seefelder. Die Berufung auf eine so genannte "Volkslied- oder Traditionspflege" ist seiner Meinung nach völlig abwegig. Die sexistische Variante des Donauliedes sei nicht das einzige Beispiel für problematisches Liedgut: Es gebe eine Reihe von Heimatliedern, die nur so strotzen vor Sexismus, Rassismus und Gewaltverherrlichung.

Als Beispiel nennt der Bezirksheimatpfleger ein bayerisches Ehestandslied mit dem Titel "Wenn i amoi heirat", in dem der angehende Hochzeiter, den Seefelder als "autoritär, ausbeuterisch und gewalttätig" charakterisiert, die Vorstellung seiner Traumfrau beschreibt: wohlhabend, sparsam, fügsam, fleißig und stets willig soll sie sein. Die zweite Strophe des Liedes lautet etwa:

"An Kaffee wenn‘s ma trinkat,

i schlagat’s maustot,

dafür kann’s ja essen

a schwarz Stückl Brot.

Den Zucker vernaschen,

s‘ Geld stehl’n aus da Tasch’n.

A so wenn sie’s machat mei Wei,

i jagat ‘s davo, und des glei."

Das Fazit des Bezirksheimatpflegers: "Volkslieder, so schön viele sein mögen: Manche sind überholt, andere inakzeptabel."

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