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"Skandalheim" am Schliersee: Heimleitung versucht Neustart | BR24

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Bildrechte: BR/Melanie Marks

Die Corona-Krise hat Schwachstellen im System ans Licht gebracht: zum Beispiel in der Pflege, etwa in einer Seniorenresidenz am Schliersee. Gegen den ehemaligen Heimleiter wird ermittelt, sein Nachfolger versucht, wieder Ordnung zu schaffen.

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"Skandalheim" am Schliersee: Heimleitung versucht Neustart

Die "Seniorenresidenz Schliersee" ist seit Wochen in den Schlagzeilen. Erst, weil hier ein massiver Corona-Ausbruch war. Dann, weil die Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Heimleiter ermittelt. Augenzeugen berichten von schockierenden Zuständen.

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Von
  • Melanie Marks

Eigentlich schien alles auf dem richtigen Weg. Seit einem knappen Monat arbeitet Ulrich van Heugten als kommissarischer Heimleiter in der "Seniorenresidenz Schliersee" in Schliersee im Kreis Miesbach. Mitte Mai hatte er über seine Pflegeagentur die Anfrage erhalten, ob er in der Unterkunft helfen könne. Dort würde es "brennen". Zwei Tage später fing er am Schliersee an.

Neuer Heimleiter um Neustart bemüht

Seit seiner Ankunft hat van Heugten fast täglich 13 Stunden gearbeitet. Er steht im Austausch mit der Heimaufsicht, mit dem Gesundheitsamt, mit der Polizei, Mitarbeitern und Bewohnern. Seit seinem Einstieg hat er Pflegepersonal eingestellt, Schulungen angeleiert, er hat neue Pflegeutensilien für Bewohner bestellt und abgelaufene Medikamente entsorgt. Durch all das, sagt er, sei er nun auf Stand "Null" angekommen.

Unterkunft als "Skandalheim" immer wieder in den Schlagzeilen

Die Seniorenresidenz ist seit Jahren immer wieder als "Skandalheim" in den Medien. In einem Artikel aus dem vergangenen Jahr etwa ist von vermissten Bewohnern und einem Zwangs-Aufnahmestopp die Rede. Dann, im vergangenen Jahr, im Mai 2019, hoffte man auf Besserung. Die italienische Firma "Sereni Orizzonti" hatte die Unterkunft übernommen. Doch verändert hat sich seitdem nicht viel – der neue Betreiber soll aber die Preise erhöht haben. Und dann kam das Coronavirus.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ehemaligen Heimleiter

Im April erkrankten die ersten Bewohner. Doch entsprechende Vorkehrungen, wie vom Landratsamt empfohlen, habe der Betreiber nicht getroffen, heißt es vonseiten des Landratsamtes. Im Mai musste schließlich die Bundeswehr anrücken, um den Ausbruch und die Verhältnisse in der Unterkunft wieder unter Kontrolle zu bekommen. Insgesamt starben drei Bewohner im Zusammenhang mit der Krankheit sowie eine Pflegerin. Seit Mitte Mai ermittelt die Staatsanwaltschaft München II gegen den ehemaligen Heimleiter wegen vorsätzlicher Körperverletzung.

Augenzeugen: überforderte Pflegekräfte, vernachlässigte Bewohner

In dieser Zeit haben Anke Gemmel und Carsten Herrmann in der Unterkunft gearbeitet. Sie hatten sich als freiwillige Helfer über den Pflegepool Bayern gemeldet. "Ich bin da rein in der Früh", erzählt Anke Gemmel jetzt dem BR, "und habe keine 30 Minute gebraucht, um zu verstehen: Der Corona-Ausbruch ist hier nicht das Problem."

Das Problem sei gewesen, dass keiner eine Ahnung davon gehabt habe, was er tue. In den kommenden Stunden und Tagen habe sie beobachtet, wie Mitarbeiter überfordert und Bewohner vernachlässigt waren. Das Essen vom Vortag sei püriert und am nächsten Tag wieder serviert worden. Es habe an Hygieneartikeln gefehlt. Dienstpläne habe es nicht gegeben. Medikamente seien abgelaufen oder vertauscht gewesen, sagt Anke Gemmel.

"Es gab keine Grundpflege"

Auch Carsten Herrmann hat das beobachtet. "Da gab es keine Grundpflege", erzählt er. "Du findest die Leute in ihrem eigenen Dreck liegen." Manche seien über Nacht eingesperrt gewesen. In anderen Räumen hätten Infizierte und Nicht-Infizierte zusammen gelegen. Die Mängel hätten sich durchgezogen, durch alle Zimmer.

Beide fragen: Wie konnten die Missstände so lange unentdeckt bleiben? Wie konnten Aufsichtsbehörden die Mängel so lange übersehen?

Landratsamt verweist auf "engmaschige Kontrollen"

Das Landratsamt verteidigt sich: Es sei "engmaschig kontrolliert" worden, alleine im vergangenen Jahr drei Mal. Die Zustände seien zwar verbesserungswürdig gewesen, und die Heimaufsicht habe auch Verbesserungen angemahnt, doch das Landratsamt habe nicht die rechtliche Befugnis, ein Heim einfach so zu schließen. "Auftrag des Gesetzgebers ist es, die Qualität in den Einrichtungen durch Beratungen – und erst bei nicht fruchtenden Beratungen durch Zwangsmaßnahmen – zu verbessern", erklärt das Landratsamt.

Zudem argumentiert das Landratsamt: Das Problem sei der Ausbruch des Coronavirus gewesen. Und seit diesem seien zunächst täglich Mitarbeiter des Landratsamtes vor Ort gewesen. Nun komme man noch immer etwa alle drei Tage. "Weitergehende Schritte – bis hin zur Schließung des Heimes" wolle man sich zudem vorbehalten, wenn keine weitere positive Entwicklung zu sehen sei. Und diese ist tatsächlich unsicher.

"Sofortige Einsparungsmaßnahmen" veranlasst

Vergangene Woche hat die Geschäftsleitung der Seniorenresidenz die Kündigung der Qualitätsmanagerin, Sylvia Schäfer, veranlasst. Begründet habe man das als "sofortige Einsparungsmaßnahme", sagt Sylvia Schäfer. Jetzt fürchtet sie um die Bewohner.

Zuletzt hatte sie fast elf Stunden pro Tag gearbeitet. Auf ihrem Plan standen weitere Schulungen für Mitarbeiter: zu Lagerung und zur Mobilität der Menschen, zum Schmerzempfinden. Außerdem habe sie die Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen vorbereiten wollen. Wer all das nun machen soll, weiß Sylvia Schäfer nicht.

Heimleiter verteidigt Entlassung

Der kommissarische Heimleiter versucht zu entwarnen. Auf Qualität solle jeder im Haus achten, die hänge nicht von einem Posten ab, sagt van Heugten. Für Schulungen könne man zudem auch auf externe Kompetenz setzen.

Und auch das Landratsamt hat offenbar noch wenig Bedenken: Man werde weiter kontrollieren und darauf achten, dass das Heim die Qualitätsansprüche erfülle. Wie man das mache, sei der Seniorenresidenz freigestellt.

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