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Selbstversuch: BR-Reporterin im Bunker | BR24

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BR-Reporterin Nathalie Bachmann hat eine Nacht in einem Bunker im unterfränkischen Mellrichstadt verbracht. Ihr Fazit: An Schlaf ist bei 14 Grad Celsius und jeder Menge Krach nicht zu denken. Es gibt aber auch Luxus-Artikel.

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Selbstversuch: BR-Reporterin im Bunker

Im Kalten Krieg hätten sie die Bevölkerung in Mellrichstadt vor Bedrohungen schützen sollen: die Bunker unter der ehemaligen Hainbergkaserne. Wie fühlt es sich heute an, dort übernachten zu wollen? Ein Selbstversuch.

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Tief unter der Erde, unter einer 1,20 Meter dicken Schicht aus Stahlbeton, liegen sie versteckt: die Bunker von Mellrichstadt. Sie sind beim Bau der Hainbergkaserne Anfang der 1960er Jahre angelegt worden, um im Falle eines Falles bis zu 3.200 Kindern, Frauen und Männern dort Schutz zu bieten. Denn als Garnisonsstadt direkt an der Grenze zur DDR musste die Bevölkerung im Kalten Krieg immer mit dem Schlimmsten rechnen: einem Angriff der Osttruppen auf die Bundesrepublik. Tatsächlich hat so ein Angriff nie stattgefunden, und so wurden die Schutzräume nie genutzt. Wie es sich angefühlt hätte, eine Nacht in einem Bunker zu verbringen, hat BR-Reporterin Nathalie Bachmann ausprobiert.

Vor Zutritt auf Strahlung untersucht

Im Ernstfall hätte der Weg der Soldaten nicht direkt in die Bunker geführt, sondern zunächst in die ABC-Schleuse im Keller. Dort wären sie von einem Mediziner erwartet worden, der sie auf atomare Verstrahlung, biologische Verseuchung und chemische Vergiftung untersucht hätte. Hätte der Sensor angeschlagen, hätten die Soldaten ihre Kleidung ablegen, sich abduschen/desinfizieren und neu einkleiden müssen. Dann erst wäre es weiter in den Bunker gegangen.

Unabhängige Belüftung sollte Überleben sichern

Ich gehe eine weitere Treppe hinunter und öffne die schwere Tür aus Stahl. "Passieren kann Ihnen hier nichts", versichert mir Udo Straub. Er war als Soldat hier stationiert, sein Rang: Oberstabsfeldwebel. "Der Raum würde einer Bombe standgehalten, die die Sprengkraft der Atom-Bombe von Nagasaki besitzt." Im Bunker gibt es drei Räume: einen Wachraum, einen Ruheraum und das "Bad". Letzteres besteht aus zwei Toiletten und einem Waschbecken, alles extrem beengt. Dusche? Fehlanzeige!

Der Bunker bietet Schutz für 50 Personen, die sich auf die beiden Räume aufteilen müssen. Während die Bänke im Wachraum trockene "Bahnatmosphäre" besitzen, laden die Pritschen im Ruheraum auch nicht wirklich zum Schlafen ein. Die Geräuschkulisse ist enorm: Eine Belüftungsanlage dröhnt gefühlt so laut wie eine Flugzeugturbine, wäre aber im Ernstfall überlebenswichtig gewesen – gerade, wenn der Gegner chemische Waffen eingesetzt hätte. Dank der Belüftungsanlage wäre man unabhängig von der Luftversorgung von außen gewesen.

Abbruch nach nur einer Stunde

Hier hat es durchgängig 14 Grad, egal ob im Sommer oder im Winter. Ziemlich kühl, finde ich, und bin froh, dass Udo Straub mir für mein Nachtlager gleich drei Bundeswehrdecken zurechtgelegt hat. Dann wird es ernst: Licht aus und rauf auf die Pritsche. Richtig dunkel wird es nicht, dank der fluoreszierenden Linien, die im Notfall die Wege markiert hätten. Aber das macht nichts, denn schlafen kann ich ohnehin nicht: die Belüftungsanlage dröhnt in meinen Ohren und sogar durch meinen gesamten Körper. Nach nicht mal einer Stunde werfe ich das Handtuch: Ich komme hier einfach nicht zur Ruhe. Meine Ohren dröhnen, mir ist kalt, mein Zeitgefühl habe ich verloren, und sollte draußen die Welt untergehen, würde ich das auch nicht mitbekommen. Aber all das wäre sicherlich überhaupt nicht unwichtig, wenn ich im Krieg hier Schutz suchen würde.

Wie beklemmend wäre die Situation hier unten gewesen? Was hätte überwogen: die Erleichterung, geschützt zu sein, oder die Angst vor dem, was mich draußen erwartet? Wäre es laut gewesen mit 49 anderen Menschen um mich herum oder wäre es sehr ruhig gewesen, weil jeder mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre? Fragen, die ich auch nach ein paar Stunden im Bunker nicht beantworten kann. Und trotzdem war es eine spannende Erfahrung, die ich nicht vergessen werde.

Dokumentationszentrum Hainbergkaserne

Von 1962 bis 2006 war Mellrichstadt Garnisonsstadt und Heimat des Panzergrenadierbataillons 352. Als der Standort geschlossen wurde, richtete der Kameradschafts- und Freundeskreis der Garnison Mellrichstadt e.V. im ehemaligen Stabsgebäude ein Dokumentationszentrum ein. In der Ausstellung, die sich über vier Etagen zieht, können sich Besucher ein Bild über die Zeit der Grenzgarnison während des Kalten Krieges machen. Regelmäßig werden auch Bunker-Führungen angeboten. www.dokumentationszentrum-hainbergkaserne.de/index.html