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Seenot-Retter Reisch will in Türkei Fluchtursachen bekämpfen | BR24

© BR / Anja Wolf
Bildrechte: Claus-Peter Reisch / privat

Interview mit Seenotretter Claus-Peter Reisch

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Seenot-Retter Reisch will in Türkei Fluchtursachen bekämpfen

Der Seenotretter Claus-Peter Reisch ist nach Izmir in die Türkei gereist. Zusammen mit der Kauferinger Hilfsorganisation Landsaid e.V. will Reisch Menschen davon abhalten, mit Booten die lebensgefährliche Überfahrt nach Griechenland anzutreten.

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Von
  • Angela Braun

Claus-Peter Reisch hat 2018 mit seinem Schiff "Lifeline" Flüchtlinge aus dem Meer gerettet. In Malta musste er sich vor Gericht verantworten. Jetzt ist der Kapitän in die Türkei gereist. Er wollte die Flüchtlinge überzeugen, nicht den lebensgefährlichen Weg in Booten nach Mitteleuropa anzutreten. Reisch hat ein großes Lager mit syrischen Flüchtlingen besucht.

Reisch: Viele Frauen und Kinder in den Camps

Laut Reisch leben zwischen 3,6 und 4 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei. Das Land hat 74 Millionen Einwohner. Das sind etwa zehn Millionen weniger als bei uns. "Den Menschen geht es zum Teil sehr schlecht. Etwa 80 Prozent der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Man sieht nur wenige Männer, und dort leben alte Menschen, denen es extrem schlecht geht", so Reisch.

© Claus-Peter Reisch/privat
Bildrechte: Claus-Peter Reisch/privat

Notdürftig geflickte Zelte im Flüchtlingscamp im türkischen Izmir

"Unterirdische Umstände"

Reisch spricht von "unterirdischen Umständen". Er erzählt: "Diese Menschen leben in einer Art Plastik-Verschlag bei den Bauern auf dem Feld. Diese sogenannten Siedlungen haben in der Regel keinen Wasseranschluss, sind also darauf angewiesen, dass die Wasser von den Bauern bekommen. Und diese Menschen bekommen auch in der Regel kein Geld. Die türkischen Bauern geben den Flüchtlingen auch Gelegenheit zu arbeiten. Es wird sehr schlecht entlohnt, ungefähr einen Euro pro Tag."

© Claus-Peter Reisch/ privat
Bildrechte: Claus-Peter Reisch/ privat

Alltag auf matschigen Boden in Zelten, die zum Schutz vor Regen mit Plastik umhüllt sind

Flüchtlinge sollen trotzdem in Izmir bleiben

Reisch appelliert an die Menschen, dort zu bleiben und nicht Richtung Griechenland aufzubrechen. Er könne niemandem raten, sich auf diesen tödlichen Weg über das Meer zu machen. Und wenn sie dann tatsächlich auf der Insel ankommen, dann werde es nicht besser.

"Ich meine, die Menschen sitzen dann in einem Lager fest wie Moria oder Kara Tepe oder so etwas Ähnlichem. Und es geht für die Menschen weder vor noch zurück. Sie können nicht aufs Festland, aufs europäische, und sie können auch nicht mehr zurück in die Türkei. Das ist eine Art Gefängnisinsel." Claus-Peter Reisch
© Claus-Peter Reisch/ privat
Bildrechte: Claus-Peter Reisch/ privat

syrische Kinder im Flüchtlingscamp im türkischen Izmir mit Verpflegung in Plastiktüten

Wie kann man helfen?

Man könne die Menschen mit Lebensmittelpaketen unterstützen, sagt der frühere Kapitän der Lifeline. Aus diesem Grund war er auch mit der Organisation "Landsaid" aus Kaufering in der Türkei. Die Versorgung von etwa 700 Familien mit 7.000 Menschen koste rund 20.000 Euro im Monat. "Und das sollte man doch durch Spendengeld auftreiben können."

Hilfsprojekt, das Frauen zu Schneiderinnen ausbildet

Der Verein "Drei Musketiere" aus Baden-Württemberg hat ein Haus gemietet, in dem derzeit fünf Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet werden. Es sei eine qualifizierte Berufsausbildung, so Reisch.

"Und mit dieser Berufsausbildung haben die Frauen hinterher ein Zertifikat in der Hand und können sagen, ich habe das gelernt. Das ist eine Aufwertung der Frauen. Es gibt ihnen ein ganz anderes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Aber das geht natürlich nur, wenn zeitgleich auch die Kinder dieser Frauen in diesem Haus betreut werden." Claus-Peter Reisch

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