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Homeschooling - was funktioniert?

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Sechs Wochen Homeschooling: Wie läuft es aus Sicht der Lehrer?

Seit dem 16. März haben in Bayern die Schulen geschlossen. Fast aus dem Stand mussten die Lehrerinnen und Lehrer vor sechs Wochen auf Fernunterricht umstellen. Manches ging erstaunlich gut, manches hat gar nicht funktioniert. Zwei Lehrer erzählen.

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An der Mittelschule an der Simmernstraße in München sind seit diesem Montag wieder die Pforten geöffnet. Die Abschlussklassen für Quali und Mittlere Reife kommen jeden Tag wieder für ein paar Stunden in den Präsenzunterricht - die Wochen zuvor waren sie, wie alle anderen Schülerinnen und Schüler in Bayern, aufgrund der Corona-bedingten Schulschließungen zuhause "in die Schule gegangen".

Sechs außergewöhnliche Wochen

Hinter Rektorin Angelika Thuri-Weiß und ihrem Lehrerkollegium liegen sechs außergewöhnliche Wochen. "Wir mussten natürlich unsere Schüler überhaupt erst mal erreichen. Das ging am allerbesten, auch wenn es nicht hundertprozentig legal ist, über WhatsApp, weil ein Handy hatte jeder. Wir haben relativ viel über E-Mail gemacht, das ging relativ gut, bei jemandem, der gar keine Endgeräte hatte, da haben die Kollegen dann kopiert und Mappen für die Schüler gemacht, die dann abgeholt wurden."

Ihr Lehrerkollegium habe in den letzten Wochen sehr hart gearbeitet und sich viele kreative Lösungen ausgedacht, um allen Schülern so gut wie möglich den Stoff nach Hause zu bringen, erzählt Thuri-Weiß. Dennoch stellt die Rektorin fest: Bereits Gelerntes wiederholen und verfestigen gehe ziemlich gut: "Das hat sehr, sehr gut funktioniert." Bei neuem Stoff sei ein großer Unterschied festzustellen, ob die Eltern zuhause wenigstens teilweise unterstützen können. Der "menschliche Faktor", die Person des Lehrers, der Lehrerin fehle doch merklich, wenn es um dass Vermitteln von neuen Inhalten gehe.

Echtes digitales Lernen geht anders

Das sieht auch die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, Simone Fleischmann, so: Die letzten Wochen hätten gezeigt, dass die digitale Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern gut funktionieren kann, mit Messenger-Diensten, Emails oder Videokonferenzdiensten. Aber wirkliches digitales Lernen ist für sie etwas anderes und muss auch anders konzipiert werden: Dazu sei nicht nur die entsprechende technische Ausstattung an Schulen und bei den Familien wichtig, sondern auch veränderte didaktische Herangehensweisen – Stichwort "flipped classroom". Das heißt, die Schülerinnen und Schüler bekommen einen "Auftrag" und erarbeiten sich das Wissen mithilfe von verschiedenen Unterlagen selbst. Das fordert von den Lehrerinnen und Lehrern eine neue Herangehensweise an die eigene Rolle – eher begleitend als erklärend.

Nachholbedarf bei digitalen Lerntools

Dafür braucht es natürlich auch die entsprechenden, funktionierenden digitalen Lerntools. Und da sieht Angelika Thuri-Weiß auch noch Nachholbedarf. "Wir haben teilweise versucht, mit mebis zu arbeiten. Das war schwierig, weil das am Anfang wirklich total überlastet war, und auch relativ kompliziert für unsere Schüler". Mebis ist das Lernportal der bayerischen Staatsregierung, seit 2012 finden Schulen auf der Plattform ein großes, modulares Angebot an Lern- und Unterrichtsvideos, ein Prüfungsarchiv und eine umfangreiche Mediathek – viele Lehrer beklagten aber die unübersichtliche Handhabung und schwer durchblickbare Struktur.

Wenn es schnell gehen muss, weichen viele lieber auf Angebote anderer Anbieter, wie YouTube oder Mediatheken aus, hat Sascha Rauschenbach festgestellt. Er ist Konrektor an der Ludwig-Aurbacher-Mittelschule Türkheim und hat gleich selbst etwas für besseren digitalen Unterricht getan: Er hat Mathe-Lernvideos moderiert, als Prüfungsvorbereitung für den Quali für die Initiative "Schule daheim" des Bayerischen Rundfunks. Auf dem Lernportal "alpha Lernen" finden sich inzwischen hunderte Lernvideos aus vielen Fächern, für alle Jahrgangsstufen.

Lehrer produzieren selbst Lern-Videos

In seinen Mathe-Videos rechnet Sascha Rauschenbach Quali-Prüfungsaufgaben vor und erklärt jeden Schritt. Für seine Schülerinnen und Schüler sei das tatsächlich eine enorme Hilfe gewesen, hat er festgestellt. "Aus dem einfachen Grund, weil ich, wenn ich selbst einen Lösungsweg nachvollziehe, eine viel höhere geistige Aktivität habe, als wenn ich im Klassenzimmer sitze und jemandem zuschaue, wie er eine Aufgabe löst. Ich kann bei Videos anhalten, ich kann zurückspulen, ich kann danach genau die gleiche Aufgabe nochmal lösen und schauen, schaffe ich das ohne Hilfe." Deswegen ermuntert er auch seine Kolleginnen und Kollegen, selbst Videos für die eigene Klasse aufzunehmen. Sehr gut funktionierten auch leichte Rechenaufgaben, bei denen man schnell eine Rückmeldung wie "richtig" oder "falsch" bekommt oder Lernsimulationen für Physik oder Chemie, wie sie beispielweise das Open-Source-Portal PhET anbietet.

Als "nervig und schwerfällig" hingegen hat Sascha Rauschenbach die Rückmeldung an seine Schülerinnen und Schüler empfunden: Wo man im Unterricht schnell nachfragen oder eine kleine Hilfestellung geben kann, muss man im Fernunterricht viele Dutzend E-Mails schreiben oder Telefonate oder Videokonferenzen aufsetzen, das kostet Zeit.

Lehrer wünschen sich bessere Technik

Für die Zukunft wünscht er sich zum einen bessere technische Voraussetzungen, wie eine datenschutzkonforme Schul-Cloud mit sicherer E-Mail-Kommunikation und Dokumentenaustausch, aber auch mehr menschliche Mitarbeit: Die rund 100 Schulcomputer betreut er zur Zeit nur mit einem Kollegen zusammen – zwei Stunden sind dafür pro Woche eingeplant. "Ganz basale Dinge", damit wäre schon ein wichtiger Schritt getan, ist seine Überzeugung. "Und eine intuitive Benutzeroberfläche für digitale Inhalte" – denn die besten Tools kommen nicht zum Einsatz, wenn sie nicht gefunden, verstanden oder bedient werden können.

Ein wichtiger Wunsch kommt noch von der 7-jährigen Annalina für das Lernen daheim: "Struktur, bitte!" Zusammen mit ihrer Mutter holt sie gerade ihre Mappe mit den Arbeitsaufträgen für diese Woche an der Mittelschule an der Simmernstraße ab. "Mit einem Wochenplan funktioniert das viel besser, weil da stand dann, jetzt musst Du das machen und dann musst Du das machen, und dann kann man abstreichen, und am nächsten Tag ist man dann fertig."

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