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Schwierige Zeiten: Frauenhäuser in der Corona-Krise | BR24

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Mit den Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen wurde mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt in ganz Deutschland gerechnet.

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    Schwierige Zeiten: Frauenhäuser in der Corona-Krise

    Seit Jahren mangelt es in bayerischen Frauenhäusern an genügenden Plätzen für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Nun verschärft der Ausbruch des neuartigen Coronavirus die Lage noch. Mit kreativen Lösungen geht die Arbeit dennoch weiter.

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    Die Prognosen waren düster: Mit den Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen wurde mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt in ganz Deutschland gerechnet. China, Italien, Spanien und Nahost: Zahlen aus dem Ausland hatten erschreckend aufgezeigt, wie Gewalt gegen Frauen in Corona-Zeiten weiter eskaliert.

    In Bayern verzeichnen Frauenhäuser und die Polizei zwar bislang keinen Anstieg – für Frauenhäuser wird die Lage aufgrund des Coronavirus aber dennoch immer schwieriger.

    Seit Jahren zu wenige Plätze

    Seit Jahren beklagen Frauenhäuser in Bayern, dass sie zu wenig Plätze für betroffene Frauen anbieten können – alleine in einem Haus in Nürnberg mussten im vergangenen Jahr hunderte Frauen abgewiesen werden. Plätze gibt es zwar derzeit in einigen bayerischen Frauenhäusern. Doch um Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen, können diese nicht immer vergeben werden.

    Auch die ohnehin schon schwierige finanzielle und personelle Situation vieler Frauenhäuser und Beratungsstellen verschärft sich nun, weil der Infektionsschutz dazukommt. Die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser müssen darauf achten, sich, die Bewohnerinnen und deren Kinder schützen – und sie trotzdem weiter unterstützen.

    Positivbeispiel Nürnberg?

    Ein Frauenhaus in Nürnberg hatte Glück: Durch einen Zufall waren drei Wohnungen frei geworden, die kurzfristig angemietet werden konnten, um neuen Bewohnerinnen einen Übergangsplatz während der Quarantänezeit anzubieten. Nach 14 Tagen dürfen die Frauen und ihre Kinder in das Frauenhaus ziehen, wenn sie keine Corona-Symptome gezeigt haben.

    Die Wohnungen bekamen sie schnell, unbürokratisch und von der Stadt finanziert – ein Positivbeispiel. Die drei zusätzlichen Wohnungen helfen, sind aber dennoch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein: 300 Anfragen von Schutzsuchenden musste das Frauenhaus in Nürnberg 2019 ablehnen, weil sie keinen freien Platz hatten. Dieses Jahr könnten es noch mehr werden.

    Frauenhaus in Oberbayern: "Alles, was man an Grenzen haben kann"

    Vor allem in kleinen Frauenhäusern stellt die Corona-Krise die Mitarbeiterinnen vor große Herausforderungen. In einem Frauenhaus in Oberbayern zum Beispiel gäbe es eines der dringend benötigten Zimmer. Doch obwohl bereits etliche Frauen angefragt haben, bleibt das Zimmer leer. Denn sie haben bisher keine Möglichkeiten, neue Frauen übergangsweise in Wohnungen unterzubringen, bis sicher ist, dass sie nicht infiziert sind.

    "Wir können nicht riskieren, uns und die Frauen zu gefährden, weil wir zumachen müssen, wenn wir hier einen Fall haben", schildert eine Mitarbeiterin die Lage. Denn wenn ein Fall auftritt, können die Mitarbeiterinnen die Bewohnerinnen des Hauses nicht mehr vor Ort unterstützen. "Wir tun unser Bestes, aber wir haben ganz klar Grenzen. Finanziell, personell, alles, was man an Grenzen haben kann".

    Mit selbst genähten Gesichtsschutzmasken versuchen sich die Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen zu schützen. Dort, wo die betroffenen Frauen auf engstem Raum zusammenleben, wäre ein Corona-Fall eine Katastrophe.

    Schutzausrüstung dringend benötigt

    "Was wir jetzt ganz dringend brauchen, ist, dass wenn Schutzmaterialien wieder zur Verfügung stehen, auch die Frauenhäuser mit entsprechenden Schutzmasken ausgestattet werden" sagt Antje Krüger von der bayernweiten Koordinierungsstelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt. Wichtig sei auch, dass in "begründeten Verdachtsfällen" möglichst schnell Corona-Tests zur Verfügung gestellt würden "damit die Frauen, die in den Häusern leben und die Kinder – und natürlich auch die Mitarbeiterinnen – nicht in so einer völlig unklaren Risikosituation sind."

    Bei krankheitsbedingten Ausfällen wird es "ganz eng"

    Was passiert, wenn derartige Tests nicht durchgeführt werden, zeigt das Beispiel eines Frauenhauses in Schwaben. Dort habe man keinen Test für eine Bewohnerin mit Corona-Symptomen bekommen – wenig später erkrankte eine Mitarbeiterin. Zwar wird die Mitarbeiterin nun getestet: Aber mit einem bestätigten Corona-Fall sei die Arbeit in der Einrichtung nicht aufrechtzuerhalten, so Antje Krüger von der bayernweiten Koordinierungsstelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt.

    Aufgrund des Personalmangels sei die Lage schon kritisch, wenn jemand "krankheitsbedingt ganz normal ausfällt". In Corona-Zeiten werde die Situation allerdings "ganz eng".

    Anstieg an Gewalt wie im Ausland bleibt bisher aus

    Trotz der Befürchtungen, dass die Zahl der Übergriffe auf Frauen wie im Ausland rapide ansteigen könnten, ist die Lage in Bayern bisher stabil. Eine bayernweite Abfrage der Frauenhäuser ergab, dass die Nachfrage an Plätzen bisher nicht zunahm. In einzelnen Regierungsbezirken berichtet die Polizei sogar von leichten Rückgängen in den Statistiken zu häuslicher Gewalt.

    Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass durch die derzeitige Situation betroffene Frauen kaum mehr alleine sind und dadurch auch weniger Möglichkeiten hätten, sich Hilfe zu holen, so Antje Krüger von der bayernweiten Koordinierungsstelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt. Viele Frauenhäuser rechnen damit, dass die Nachfrage nach Plätzen noch steigen könnte.

    Kreative Lösungen halten Betrieb aufrecht

    Es sei daher besonders wichtig, dass nun kreative Lösungen gesucht würden, um in den Frauenhäusern den Betrieb aufrechtzuerhalten. In einem Frauenhaus wie dem in Nürnberg mit viel Platz und Räumen können die Mitarbeiterinnen in einem extra Bewegungsraum einzelne Kinder betreuen, nun mit dem notwendigen Abstand. Die Hausaufgabenbetreuung für Kinder lässt sich dort mit ähnlichen Schutzmaßnahmen weiterhin durchführen. Auch in kleineren Häusern versuchen die Mitarbeiterinnen das Beste aus der Situation zu machen.

    Notrufe weiterhin erreichbar

    Während die Corona-Krise die Arbeit der betroffenen Einrichtungen wesentlich erschwert, können Frauen in Not von den Hilfsangeboten aber weiterhin Gebrauch machen. Beratungsstellen bieten mittlerweile online oder telefonisch ihre Hilfe an, auch Frauennotrufe sind weiterhin erreichbar. Das "Hilfetelefon: Gewalt gegen Frauen" erreichen Betroffene anonym und kostenfrei unter der 0800 116016.

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