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Schwere Vorwürfe gegen die Katholisch Integrierte Gemeinde | BR24

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In einem nicht-öffentlichen Zwischenbericht des Erzbistums München und Freising, der dem BR vorliegt, werden schwere Vorwürfe gegen die Katholische Integrierte Gemeinde in München erhoben. Der BR konnte mit einem ehemaligen Mitglied sprechen.

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Schwere Vorwürfe gegen die Katholisch Integrierte Gemeinde

In einem nicht-öffentlichen Zwischenbericht des Erzbistums München und Freising, der dem BR vorliegt, werden schwere Vorwürfe gegen die Katholisch Integrierte Gemeinde in München erhoben. Der BR konnte mit einem ehemaligen Mitglied sprechen.

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Die Katholisch Integrierte Gemeinde galt lange als einer der hoffnungsträchtigsten Aufbrüche in der katholischen Kirche. 1978 wurde sie vom Erzbistum München und Freising anerkannt. Doch nun ist sie seit Februar Gegenstand einer kirchenrechtlichen Untersuchung durch das Erzbistum. In einem nicht-öffentlichen Zwischenbericht, der dem BR vorliegt, werden schwere Vorwürfe gegen die Gemeinschaft in München erhoben. Ehemalige Mitglieder berichten unter anderem von der Kontrolle ihres Privatlebens, subtilen Manipulationsmechanismen sowie der Trennung von Kindern und Eltern.

Eingriff in die Familienplanung

Lydia Wilmsen kritisiert eine Gruppe, die sie selbst verlassen hat - die Katholisch Integrierte Gemeinde. In den 1960er Jahren entstand sie in München mit dem Ziel, ein Ort für aufgeklärtes und unverkürztes Christentum zu sein. Viele sahen in dem Projekt einen Aufbruch in der katholischen Kirche. Die Eltern von Lydia Wilmsen sind frühe Mitglieder der Gemeinde. Die Geburt von Lydia hätte eigentlich nicht sein sollen.

"Meine Mutter wollte eigentlich viele Kinder haben. Doch von der Gemeinde wurde ihr gesagt, dass sie keine Kinder erziehen könne. Sie hat sich dann jedoch später zusammen mit meinem Vater widersetzt. Ich bin geboren worden als sie 42 Jahre alt war. Bei der Geburt meines Bruders war sie 45 Jahre. Das war Ungehorsam, Verrat und letztendlich wurde sie dafür lebenslang bestraft." Lydia Wilmsen, ehemaliges Mitglied der Katholisch Integrierten Gemeinde

Trennung von Familien

Sie und ihr Bruder wuchsen immer wieder getrennt von ihren Eltern bei anderen Gemeindemitgliedern auf, erzählt Lydia Wilmsen. Über 20 Mal sei sie umgezogen.

"Meine Mutter hatte etwas Falsches gemacht, war ungläubig, hatte irgendetwas angezweifelt. Dann wurde ich von einem Tag auf den anderen mitgenommen. Mir wurde es nicht zuvor gesagt. Ich konnte mich nicht einmal verabschieden." Lydia Wilmsen, ehemaliges Mitglied der Katholisch Integrierten Gemeinde

Umzüge gehörten zum Alltag in der Katholisch Integrierten Gemeinde, erzählt Wilmsen. Die Mitglieder lebten in sogenannten Integrationshäusern in verschiedenen Städten. Je nachdem, wie es gerade gepasst habe, sei entschieden worden, wer weshalb in welcher Stadt leben sollte. Wie Wilmsen berichtet, mussten Frauen wie ihre Mutter etwa umziehen, um für erwerbstätige Männer aus der Gemeinde den Haushalt zu führen. Ihre Schwester sei auch für die Erziehung der Kinder von anderen Mitgliedern in andere Orte berufen worden, da sie unter anderem gelernte Erzieherin ist.

Psychischer Druck

Nicht nur in die Berufs- und Wohnortwahl habe die Gemeindeleitung eingegriffen, sondern auch in das Leben ihrer Eltern, erzählt Wilmsen: "Die Gemeinde sagte, sie sollen sich scheiden lassen. Mein Vater hat aus welchem Grund auch immer dann zugestimmt, obwohl er das nicht wollte. Aber das ging so stark von der Gemeinde aus, dass man das machte, weil man glaubte, dass das richtig sei.“ Später widersetzten sich die Eltern der Scheidung.

In Gemeindeversammlungen sei immer wieder Druck auf Mitglieder ausgeübt worden, erzählt Lydia Wilmsen. Es sei ganz genau darüber gerichtet worden, wer welches Vergehen begangen habe, und jeder sei dafür entsprechend gemaßregelt worden. Das, was alle Mitglieder zusammen entschieden hätten, sei als Geist Gottes deklariert worden.

Zwischenbericht des Erzbistums München-Freising

Viele ihrer Erfahrungen finden sich auch in dem Zwischenbericht zu einer Untersuchung der Katholisch Integrierten Gemeinde, die das Erzbistum München und Freising veranlasst hat und die dem BR vorliegt. Die Gemeinschaft ist seit 1978 offiziell anerkannt. Auf Anfrage des BR lehnte die Katholisch Integrierte Gemeinde eine Stellungnahme ab. Auf ihrer Homepage spricht sie mit Blick auf den Zwischenbericht von "völlig haltlosen Anschuldigungen".

Das Erzbistum München und Freising erklärte mit Blick auf die Kooperation der Katholisch Integrierten Gemeinde:

"Eine weitergehende Mitwirkung macht sie in kirchenrechtlich unzulässiger Weise von Bedingungen abhängig. Zwischenzeitlich hat sie auf die Aufforderung der Visitatoren zur Vorlage weiterer Unterlagen mitgeteilt, die Korrespondenz mit den vom Erzbischof eingesetzten Visitatoren nicht fortsetzen zu wollen." Erzbistum München und Freising

Lydia Wilmsen verließ die Gemeinde vor zehn Jahren. Die schlimmsten Folgen seien für sie ein Gefühl von Heimatlosigkeit, das sie Zeit ihres Lebens begleitet hat, sagt sie und das Thema Selbstwert:

"Man ist nicht aufgewachsen, indem der Selbstwert gestärkt wurde. Der Selbstwert wurde konstant immer wieder zerstört.“ Lydia Wilmsen, ehemaliges Mitglied der Katholisch Integrierten Gemeinde