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Schweinfurt: Stationäre Jugendhilfe wegen Corona-Krise am Limit | BR24

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In der Corona-Krise müssen die Erzieherinnen und Erzieher in der stationären Jugendhilfe in Schweinfurt bei der Betreuung der "Heimkinder" trotz der Lockerungen viel mehr Arbeit investieren. Dabei stoßen Erwachsene wie Jugendliche an ihre Grenzen.

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Schweinfurt: Stationäre Jugendhilfe wegen Corona-Krise am Limit

In der Corona-Krise müssen die Erzieherinnen und Erzieher in der stationären Jugendhilfe in Schweinfurt bei der Betreuung der "Heimkinder" trotz der Lockerungen viel mehr Arbeit investieren. Dabei stoßen Erwachsene wie Jugendliche an ihre Grenzen.

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Wegen der Corona-Krise sind in der stationären Jugendhilfe harte Zeiten angebrochen. Trotz Lockerungen müssen die Erzieherinnen und Erzieher bei der Betreuung der "Heimkinder" in Schweinfurt viel mehr Arbeit investieren. Dabei stoßen nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Jugendlichen an ihre Grenzen. Der 13-jährige Dennis sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch. Die Erzieherin Vanessa Gailing steht daneben. Laut liest sie die Mathe-Textaufgabe vor und versucht anschließend Dennis beim Thema Dreisatz auf die Sprünge zu helfen. In der Wohngruppe hat sie sechs Jungs im Alter zwischen zwölf bis 17 Jahren zu betreuen. Die Erzieherin arbeitet im Haus Marienthal. Die Schweinfurter Einrichtung ist nach eigenen Angaben eine der ältesten und renommiertesten Jugendhilfeeinrichtungen in Bayern.

Homeschooling kostet die Jugendhilfe viel Zeit

In Zeiten von Corona muss Vanessa Gailing nun auch das sogenannte Homeschooling, also das Zuhause-Unterrichten, übernehmen. Das bedeutet drei bis vier Stunden Schulunterricht, bei dem sie von Zimmer zu Zimmer wandert und ihren Schützlingen schulische Schützenhilfe gibt. "Sicherlich müssen sich viele Eltern mit Homeschooling herumzuschlagen," erklärt Vanessa Gailing, "aber ich habe hier sechs Kinder, die momentan nicht in die Schule gehen dürfen – denen ich beim Lernen helfen muss." Vormittags betreut Vanessa Gailing die Jugendlichen alleine. "Normalerweise wären jetzt alle in der Schule. Dann müsste kein Erzieher hier in der Wohngruppe arbeiten. Erst ab der Mittagszeit würde für meinen Kollegen die nächste Arbeitsschicht losgehen."

Die Jugendlichen mit gravierenden Probleme

Nicht nur für die Erzieherin, sondern auch für die Jugendlichen sind es gerade schwierige Zeiten. Die Jugendlichen des Hauses Marienthal haben bereits ohne Corona belastende Probleme für die sie häufig nichts können. Viele kommen aus sozialen Brennpunkten. Manche haben gravierende Schulprobleme. Einige müssen sich mit den Schwierigkeiten ihres Sozialverhaltens auseinandersetzen, das zum Teil schnell in Aggression umschlagen kann. Da die Angehörigen mit diesen Problemen überfordert sind, leben die Jugendliche nun in der stationären Jugendhilfe, oder wie es Umgangssprachlich heißt: im Jugendheim.

Corona-Krise verstärkt die Probleme der Jugendlichen

Rainer Brandenstein ist der Geschäftsführer des Hauses Marienthal. Das Schweinfurter "Jugendheim" verfügt über sechs Wohneinheiten. Die darin lebenden Jungen und Mädchen sind zwischen zehn und 18 Jahre alt. Mit Sorge betrachtet Brandenstein die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Jugendhilfe. "Viele der Jugendlichen haben vermehrt Schlafstörungen und leiden unter großer Traurigkeit. Die Aggression untereinander kommt wegen der professionellen Betreuung unserer Erzieherinnen und Erzieher nicht so auf, aber die Autoaggression." Zur Autoaggression zählt beispielsweise, dass Jugendlichen sich mit einer Rasierklinge in die Haut ritzen.

Erzieherin muss bei den Jugendlichen noch mehr "abfedern"

"Wenn sieben Jungs den ganzen Tag aufeinander hocken, müssen wir als Erzieher vieles abfedern", sagt Vanessa Gailing. Darum macht sie mit ihren Schützlingen viele Spiele innerhalb des Geländes. Dort können sich dann die Jugendlichen bei Fußball und Basketball austoben. Abends steht auch hin und wieder eine Nachtwanderung auf dem Programm. "Tagsüber können wir nicht mit einer Gruppe von sieben Jungs raus", argumentiert die Erzieherin und fährt fort: "Da werden wir nur von den Leuten schief angesehen, weil sie nicht wissen können, dass wir so was wie eine Familie sind."

Klage: Die Arbeit der Jugendhilfe wird nicht gewürdigt

Brandenstein ist der Meinung, dass die Erzieherinnen und Erzieher der Jugendhilfe besonders in der Corona-Krisenzeit einen "sehr guten Job" machen. Trotzdem würdigen die Politiker dieses Engagement nicht. "Was mich ärgert ist, dass in der stationären Jugendhilfe die Kinder und Mitarbeiter bei der gesellschaftlichen Anerkennung hinten runterfallen. Das finde ich skandalös!" Anderen Bereiche, wie zum Beispiel die Alten- und Krankenpflege erfahren derzeit viel Wertschätzung. Nach Brandenstein sei dieser Dank völlig berechtigt. Gleichzeitig wünscht er sich diese Anerkennung auch für die Jugendhilfe.

Ministerpräsident erhielt Brief

Brandenstein schrieb einen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Darin heißt es unter anderem: "Ich will nicht jammern, sondern Sie um eines bitten: Erwähnen Sie doch bei Ihrem Dank auch einmal die MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendhilfe." Das bayerische Staatministerium für Familie, Arbeit und Soziales antwortete in einer Mail. Darin heißt es in einem Absatz: "Es ist bewundernswert wie professionell, kreativ und pragmatisch die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe sich mit all Ihren Ressourcen auf die Situation einstellen." Trotz dieser Antwort sieht Brandenstein in der gesamten Mail keinen Bezug auf seine Bitte, auch an die Jugendhilfe zukünftig einen Dank zu richten.

Keine Lobby für die Jugendhilfe

In dieser Krisenzeit zeigt sich für Brandenstien deutlich, wie wenig die Jugendhilfe von Politikern geschätzt wird. "Wir haben keine Lobby. Wir kommen somit auch nicht in den Genuss von finanzieller Förderung." Laut Brandenstein erhielt die Jugendhilfe in ganz Bayern seit den 1990er Jahren keine staatlichen Zuschüsse für dringend notwendige Gebäudesanierungen. Zum Vergleich führt Brandenstein die Förderung in der Behindertenarbeit an. Dies wünscht er sich auch für die Jugendhilfe. Doch momentan sieht Brandenstein hier schwarz. "Es gibt kaum Politiker, die sich für Jugendhilfe stark machen."

Heimkinder haben schlechtes Image

Auch die Erzieherin Vanesa Gailing erfährt wenig Wertschätzung in der Öffentlichkeit. "Heimkind ist ein Schimpfwort". Und mit dieser Ablehnung sieht sich der 13-jährgie Dennis konfrontiert. Darum verrät er nicht gerne, dass er eigentlich im "Heim" wohnt. Nur seine engsten Freunde wissen es mittlerweile. Diese Ablehnung ist nach Brandensteins Auffassung auch der Grund, dass sich Politiker nicht für "freche Kinder" stark machen wollen. Dabei sollten diese einmal herkommen und sehen, was die Jugendhilfe leistet, warum man sie braucht. Momentan sehe man nur, dass sie viel koste. Doch diese Kosten rechneten sich für die Gesellschaft, mein Bradenstein.

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