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Schweine-Stau und Schweine-Boom im Nördlinger Ries | BR24

© BR/Hildebrandt

Corona löst gegensätzliche Entwicklungen auf dem Fleischmarkt aus: Während konventionelle Schweinemäster teils auf ihren Tieren sitzen bleiben, sind Hofläden beliebt wie nie. Im Nördlinger Ries liegen Freud und Leid nahe zusammen.

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Schweine-Stau und Schweine-Boom im Nördlinger Ries

Corona befördert gegensätzliche Entwicklungen: Während konventionelle Schweinemäster teils auf ihren Tieren sitzen bleiben, sind Hofläden beliebt wie nie. Im Nördlinger Ries liegen Freud und Leid nur wenige Kilometer voneinander entfernt.

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Von
  • Tobias Hildebrandt
  • Susanne Hofmann

Ein lautes Grunzen und Quieken: Wenn Thomas Hartmann die Schubkarre mit Getreideschrot zu seinen Schweinen schiebt, steigt die Aufregung bei den Tieren. Sie haben Hunger. Hartmann, der eigentlich nur nebenbei Bauer ist, hat zurzeit viel zu tun. Der gelernte Zimmermann und Selbstständige hält in Nördlingen das ganze Jahr über Schweine draußen auf einer Weide. Seit Ausbruch der Pandemie ist sein Schweinefleisch besonders begehrt. Statt einem Schwein pro Woche lässt er jetzt zwei Schweine schlachten.

Studie: Seit Corona mehr Nachfrage nach regionalen Produkten

Die Kunden von Hartmanns Hofladen laufen vor dem Einkauf direkt an der Wiese vorbei. Sie können sehen, wie die Tiere leben und wo die Lebensmittel herkommen. Der Quereinsteiger in der Landwirtschaft sagt, er spüre, dass die Leute sich mehr Gedanken über die Herkunft ihrer Lebensmittel machten. Den Eindruck bestätigt eine Studie im Auftrag des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, seit Beginn der Corona-Pandemie anders einzukaufen. Vor allem Menschen mit höherem Einkommen achten demnach verstärkt auf regionale Lebensmittel.

Konventionell arbeitenden Bauern droht ein Schweine-Stau

Aber Schweine auf der Weide sind nur ein Nischenprodukt. Das meiste Fleisch, das im Supermarkt oder beim Metzger verkauft wird, stammt aus Ställen wie dem von Karlheinz Götz in Birkhausen, nur wenige Kilometer von Nördlingen entfernt. Automatische Fütterung, Spaltenböden und dämmriges Licht statt Wühlen und Suhlen auf einer Wiese. Dafür viel effizienter und vor allem günstiger. Landwirt Götz aber hat ein Problem. Ihm geht es wie vielen Berufskollegen: Ihm droht wegen Corona ein Schweine-Stau.

Schwere Schweine bringen einen schlechteren Preis

Eigentlich sollten bald 60 seiner Schweine zum Schlachthof, doch noch ist unklar, wann die Tiere abgeholt werden. Für Götz bedeutet das, dass er die Tiere weiter füttern muss, also weiter Ausgaben hat. Wenn die Schweine aber noch mehr zunehmen, bringen sie mit ihrem Übergewicht einen schlechteren Kilo-Preis beim Schlachthof.

Fast 600.000 Schweine warten auf Schlachtung

Dort herrscht zurzeit vielerorts ein regelrechter Schweine-Stau. Wegen Abstandsregeln, Corona-Fällen und genereller Personalnot werden weniger Schweine geschlachtet. Laut der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands warten derzeit bundesweit 570.000 Schweine auf die Schlachtung. Das Problem ist im Norden größer als im Süden, aber auch in Bayern sind immer mehr Bauern betroffen. Schweinemäster genauso wie Ferkel-Erzeuger. Denn wenn die schlachtreifen Schweine nicht abgeholt werden, ist auch kein Platz für neue Ferkel im Stall.

Der Schweine-Preis ist im Keller

Dazu kommt: Der Preis für Schweinefleisch ist im Keller. Er lag zuletzt bei unter 1,30 Euro je Kilo Schlachtgewicht. Das liegt zum einen an der Afrikanischen Schweinepest, die im Osten Deutschlands nachgewiesen wurde. Länder wie China haben deshalb einen Importstopp für deutsches Schweinefleisch verhängt. Und zum anderen sind wegen der Pandemie die Schlachtkapazitäten gesunken. Statt dem großen Schnitzel in der Gastwirtschaft wird daheim auch mal vegetarisch gekocht. Es gibt ein Überangebot.

Nur noch 95 Cent Gewinn bei einem ganzen Schwein

Die Abnahmemenge und der Preis werden den Bauern diktiert, sie selbst können keinen Einfluss darauf nehmen. Landwirt Götz öffnet einen Ordner und zeigt Auswertungen seines Betriebs. Zuletzt hat er an einem ganzen Schwein unterm Strich nur noch 95 Cent verdient. Im vergangenen Jahr, das sehr gut lief, waren es noch rund 40 Euro. Götz ist auch Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Landkreis Donau-Ries. Er fordert feste Verträge über Abnahmemengen und Preise mit dem Lebensmittelhandel, damit Landwirte wie er nicht einfach auf ihren Tieren sitzen bleiben.

Landwirt fordert Fairness vom Lebensmittelhandel

Doch solche Regelungen sind nicht in Sicht. Die Macht der Supermarkt- und Discounterketten ist groß. Götz fordert vom Lebensmitteleinzelhandel mehr Fairness gegenüber den Bauern. Denn im Geschäft kostet Fleisch zurzeit nicht weniger. Aber dass ein Unternehmen freiwillig für ein Produkt mehr bezahlt als es muss, wird wohl ein Wunschtraum bleiben.

Nachfrage nach Weide-Schweinen ungebrochen

Weideschwein-Bauer Thomas Hartmann aus Nördlingen weiß hingegen noch nicht, wie lange er mit der großen Nachfrage nach seinem Schweinefleisch noch mithalten kann. Schlachtreife Schweine ließen sich nicht aus dem Hut zaubern, sagt er. Bei ihm dauert es mit rund einem Jahr doppelt so lange, bis ein Ferkel schwer genug fürs Schlachten ist. Im Zweifel gehe es von zwei wieder auf ein Schwein pro Woche runter – auch wenn die Nachfrage der Kunden dann höher als sein Angebot ist. Schweine-Stau und Schweine-Boom werden im Nördlinger Ries wohl weiterhin nah beieinanderliegen.

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