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Schulen und Corona: Der Präsenzunterricht wackelt | BR24

© pa/Dpa

Schüler mit Mundschutz an einem Münchner Gymnasium

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    Schulen und Corona: Der Präsenzunterricht wackelt

    Wie geht es weiter an Deutschlands Schulen? Die Debatte wird hitzig geführt, auch weil zurzeit 200.000 Schüler in Quarantäne sind. Die Gewerkschaft GEW fordert mehr Homeschooling, Wirtschaftsminister Altmaier will Unterricht etwa in Hotels auslagern.

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    Die Lage an den Schulen gerät angesichts der anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen wieder deutlich stärker in den Fokus. Spitzenpolitiker verschiedener Parteien haben sich für neue Unterrichtsstrategien ausgesprochen, bei Lehrkräften und Eltern wachsen die Sorgen. Ob der Präsenzunterricht flächendeckend aufrechterhalten werden kann und soll - darüber werden wohl auch Kanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder bei ihren Beratungen am morgigen Montag diskutieren.

    Nach Vorberatungen der Länder mit dem Kanzleramt am Sonntag hieß es laut Deutscher Presse-Agentur, die Fronten seien bei dem Thema verhärtet. Zwar wolle eine Mehrheit der Bundesländer nichts an den derzeit geltenden Regelungen ändern. Das Kanzleramt sei indes bereit, über die Abstandsregeln an den Schulen und die Einführung von Wechselmodellen im Unterricht zu reden.

    200.000 Schüler und 13.000 Lehrkräfte in Quarantäne

    Die aktuellen Zahlen dürften am Montag bei der Debatte als Grundlage dienen. Und diese Zahlen sind nun ziemlich konkret. So hat ein Sprecher der Kultusministerkonferenz die zunächst von "Zeit Online" gemeldeten Daten bestätigt, wonach zurzeit knapp 200.000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne sind. Damit können momentan 1,8 Prozent aller Kinder und Jugendlichen isolationsbedingt nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Die Zahl der nachweislich Corona-Infizierten ist jedoch ungleich geringer. Gut 18.000 Schüler haben sich nachweislich angesteckt - das entspricht einer Quote von rund 0,2 Prozent.

    Bei den Lehrerinnen und Lehrern ist die Diskrepanz zwischen Infektions- und Quarantänezahlen kleiner: So sind die Lehrkräfte zwar von Isolations-Maßnahmen seltener betroffen (gut 13.000/knapp 1,5 Prozent), jedoch prozentual häufiger infiziert (knapp 3.800/gut 0,4 Prozent) als Schüler.

    Eine mögliche Erklärung: Die Lehrkräfte schaffen es, den räumlichen Abstand zu den Schülern größer zu halten als die Schüler untereinander, zählen also im Fall einer Schülerinfektion oft nicht zu den engen Kontaktpersonen (auch K1 genannt) . Denkbar ist allerdings auch, dass Lehrer schlicht häufiger getestet werden als Schüler, weshalb in letzterer Gruppe womöglich viele Infektionen unentdeckt bleiben - eine Sorge, die viele Virologen, Epidemiologen und nicht zuletzt Lehrkräfte wie Eltern seit Beginn der Pandemie umtreibt.

    RKI: Immer mehr Infektionen bei älteren Kindern und Jugendlichen

    Was allerdings derzeit eindeutig registriert wird: In der Altersgruppe der Zehn- bis 19-Jährigen ist die Zahl der Infektionen zuletzt deutlich gestiegen. Und ganz generell gibt es laut Robert-Koch-Institut immer mehr Corona-Ausbrüche in Zusammenhang mit Schule. Letzteres ist zwar wenig überraschend, denn die Schulen fahren als eine der wenigen Institutionen seit nunmehr einigen Monaten weitestgehend unter Volllast; auch vom Teil-Lockdown in diesem Monat sind sie nicht betroffen, sollen sie doch - so der Wunsch der Politik - so lang wie möglich Präsenzunterricht mit ungeteilten Klassen garantieren.

    Allerdings ist das inzwischen an immer weniger Schulen umsetzbar: Gut jede siebte ist hierzulande coronabedingt ganz oder teilweise geschlossen.

    Und so mehren sich die Stimmen, die vor allem bei älteren Schülern eine Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht fordern. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa ist dafür, die Schulklassen aufzuteilen. Ohne Neuorganisation des Unterrichts habe man keine andere Wahl, so Lauterbach in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, "als die Weihnachtsferien künstlich zu verlängern oder eine zusätzliche Ferien-Episode etwa im Februar einzulegen".

    Söder wirbt für generelle Maskenpflicht an Schulen

    Die Bildungsgewerkschaft GEW spricht in Person der Vorsitzenden Marlies Tepe von "teils unverantwortlichen Zuständen". Man dürfe Präsenzunterricht nicht um jeden Preis wollen. Sie fordert deshalb so schnell wie möglich den Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling, sobald der regionale Sieben-Tage-Inzidenzwert über 50 liegt. So könne man Schulschließungen verhindern.

    Eine "sehr angespannte Stimmung" unter Lehrern, Schülern und Eltern konstatiert auch Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder. In der "Süddeutschen Zeitung" spricht er sich dafür aus, die Lehrpläne der Situation anzupassen und den Leistungsdruck auf die Schüler zu reduzieren. Damit kommt er einer Forderung bayerischer Elternverbände entgegen; diese hatten zuletzt unter anderem gefordert, den Unterricht auf den Kern des Lehrplans zu verringern.

    Bei einer digitalen Veranstaltung der Niederbayern-CSU warb er zudem für eine generelle Maskenpflicht auch in den unteren Jahrgangsstufen und für einheitlichen Regelungen. Die Kinder, sagte Söder, seien beim Thema Maske viel gelassener als manche Eltern.

    Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) verweist in der "Bild am Sonntag" unterdessen auf die problematische Platzsituation, die auch viele Lehrkräfte beklagen. So sei es in Klassenräumen oft schwer, den ausreichenden Abstand einzuhalten. Sein Vorschlag: eine teilweise Auslagerung des Unterrichts.

    "Ich würde es begrüßen, wenn der Unterricht deshalb auch zum Beispiel in Gemeindezentren, Kulturhäusern oder in den ungenutzten Räumen von Gaststätten und Hotels stattfinden würde." Wirtschaftsminister Peter Altmaier

    In einer Situation wie dieser müssten auch innovative Lösungen ausprobiert werden, meint Altmaier.

    Weil und Dreyer gegen Schulschließungen

    Schulen bundesweit zu schließen, das ist weder für ihn noch für die anderen deutschen Spitzenpolitiker derzeit eine akzeptable Lösung. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnt vor erheblichen Belastungen für Familien und für Nachteile insbesondere für förderungsbedürftige Schüler. Der bisherige Kurs habe sich bewährt, sagt Weil. In der vergangenen Woche hätten mehr als 80 Prozent der Schulen in Niedersachsen Präsenzunterricht erteilen können.

    Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (ebenfalls SPD) hält es für "falsch, jetzt grundsätzlich Schulschließungen zu fordern". Ihr Argument: Das Landesuntersuchungsamt in Rheinland-Pfalz habe auf Basis der Meldungen der Gesundheitsämter seit Ende der Sommerferien die Ansteckungsgefahr an Schulen untersucht - mit dem Ergebnis, so Dreyer, dass diese "sehr gering" sei.

    Noch keine Entscheidung morgen?

    Söder verlangt dennoch, die Lage und Entwicklung an den Schulen besonders zu beobachten. Wahrscheinlich aber wird sich an der Strategie zumindest in den nächsten Tagen noch nichts ändern. Wie der "Spiegel" berichtet, wollen die Bundesländer beim morgigen Treffen mit der Kanzlerin keine neuen Beschlüsse fassen. Vielmehr wolle man die Pandemie-Entwicklung zunächst eine weitere Woche beobachten, um am übernächsten Montag (23. November) neue Entscheidungen zu treffen.

    Die an Bayern angrenzenden Nachbarländer haben bereits harte Fakten geschaffen. In Österreich werden ab Dienstag alle Schulen auf Fernunterricht umstellen. Auch Tschechien hat auf Homeschooling umgestellt.

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