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Eine Jugendliche schaut aus dem Fenster

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    Schüler starten Aufklärung zum Thema Depressionen

    210 Millionen Euro vom Staat, damit Schüler in den Ferien büffeln – da wäre psychologische Unterstützung zur Überwindung der Homeschooling-Folgen sinnvoller, finden Landsberger Schüler und sind selbst aktiv geworden.

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    Astrid UhrAstrid Uhr
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    Lernstoff nachholen, der wegen Corona verpasst wurde: Das sollten viele SchülerInnen in den Ferien tun, meinen viele Eltern, Lehrer und das bayerische Kultusministerium. Darum haben sie hier das Nachhilfe-Programm "gemeinsam.Brücken.bauen" erdacht – Kosten 210 Millionen Euro.

    Ganz anderer Meinung sind Landsberger Jugendliche und wünschen sich erstmal Hilfe für die Seele. Gleicher Meinung ist der bayerische Landesverband der Schulpsychologen, der Lern-Zwang in den Ferien ebenfalls für den falschen Weg hält.

    Home-Schooling: Kein Licht am Ende des Tunnels

    "Es fühlt sich ein bisschen so an, als wäre man in einem Tunnel gefangen, und man sieht kein Licht." So hat ein Landsberger Schüler die letzten Monate empfunden. Der 17-Jährige besucht das Ignaz-Kögler-Gymnasium im oberbayerischen Landsberg.

    Das Lernen allein daheim, im Corona-bedingten Lockdown, habe bei ihm und seinen Mitschülern oft zu Antriebslosigkeit geführt. Das hat auch sein Freund beobachtet. "Uns Schülern hat die Struktur im Alltag gefehlt", meint er. Die beiden Jugendlichen berichten von Veränderungen, die sie bei ihren Mitschülern beobachtet hätten. "Die waren einfach nicht mehr so fröhlich wie früher," erzählen die beiden. Eine Studie der Krankenversicherung KKH bestätigt, dass psychische Erkrankungen unter den Sechs- bis 18-Jährigen im vergangenen Jahr um 20 Prozent angestiegen sind.

    Deswegen baten die beiden Gymnasiasten ihre Schulleiterin Ursula Triller, einen Workshop zum Thema Depression zu organisieren. "Es freut mich, dass die Jugendlichen auf ihre Mitschüler achten", meint die Schulleiterin.

    Depression oder pubertäre Verstimmung?

    Über zwei Wochen hinweg sehr gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, starke Müdigkeit: Das sind die wichtigsten Anzeichen für eine klassische Depression, festgelegt nach ICD-10, einem international anerkannten System für medizinische Diagnosen.

    Die Symptome können sich individuell jedoch stark unterscheiden, gerade bei Jugendlichen. Wer sich unsicher ist, sollte lieber früher als später einen Facharzt aufsuchen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. "Je früher, desto besser", meint Psychotherapeutin Corinna Schmidt von der Lech-Mangfall-Klinik Landsberg. Denn eine frühe Diagnose ermöglicht meist eine schnelle Heilung. Sie tritt nun auch als Referentin beim Workshop des Landsberger Ignaz-Kögler-Gymnasiums auf.

    Was Schüler, Eltern und Lehrer tun können

    "Die Schüler wollten vor allem wissen: Wie kann ich anderen helfen?", so die Beobachtung von Schulpsychologin Andrea Federhofer. "Wenn sich jemand immer mehr zurückzieht, Verabredungen absagt, dann sollte man denjenigen offen darauf ansprechen", empfiehlt Psychotherapeutin Corinna Schmidt. "Geht’s Dir nicht gut? Brauchst Du Hilfe?". Jugendliche könnten ihre Freunde unterstützen, ihnen einen Termin beim Facharzt vorschlagen, Lehrer und Eltern über ihre Sorge informieren, selbst beim Krisendienst anrufen.

    Es sei beim Helfen aber auch wichtig, sich selbst nicht zu überfordern. "Schüler können nicht andere heilen, sie tragen auch keine Mitschuld am Leiden ihrer Schulkameraden", betont Therapeutin Schmidt. Sie können aber auf Probleme aufmerksam machen und Hilfe von außen holen. Das sei ein sehr wertvoller Beitrag. Wer selbst an Depressionen leidet, sollte sich nicht dafür schämen. Depression ist eine Volkskrankheit, die es schon immer gibt. Seit Beginn der Pandemie haben Depressionen aber zugenommen.

    Schulpsychologen: Schule als Lebensraum

    "Für Kinder und Jugendliche ist einfach das soziale Miteinander mit Gleichaltrigen wichtig", sagt Andrea Federhofer, Schulpsychologin am Landsberger Ignaz-Kögler-Gymnasium. Und deswegen sei Schule auch ein wichtiger Ort, wo depressive Anzeichen schon früh erkannt werden könnten. Die Schüler kämen meist mit Lernproblemen und wegen Lese-Rechtschreibstörung zu ihr, so Federhofer, viel seltener wegen Essstörungen und Depressionen. "Viele trauen sich einfach nicht", so die Psychologin. Nach Angaben des bayerischen Kultusministeriums gibt es derzeit an bayerischen Schulen insgesamt 3.000 Stellen verteilt auf Psychologen, Beratung und Sozialarbeit, eine Aufstockung der Stellen wurde bereits angekündigt.

    Schüler brauchen in den Ferien Erholung

    Das Wichtigste sei nun erstmal Ruhe und Erholung für die Kinder und Jugendlichen, so der Bayerische Landesverband der Schulpsychologinnen und –psychologen. Vorsitzender Hans-Jürgen Röthlein erklärt: "Wenn Lehrkräfte bei einzelnen Schülern Lernrückstände festgestellt haben, dann kann es sinnvoll sein, zur Teilnahme an Nachhilfe-Programmen zu motivieren." Einen Lern-Drill in den Ferien lehnt er aber ab. Zielführender sei dosiertes Lernen, im besten Fall mit selbst motivierten Schülern.

    "Nummer gegen Kummer" für Kinder und Jugendliche

    Die "Nummer gegen Kummer" bietet Telefonberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Rufnummer 116 111 zu erreichen - von Montag bis Samstag jeweils von 14.00 bis 20.00 Uhr.

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