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Bildrechte: Julia Ruhs

Eine Schreinergesellin schneidet Bretter zu – hier braucht es noch die eigenen Hände statt die Computertastatur.

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Schreiner-Handwerk: Heute Hightech statt Hobel

Fehlende Lieferungen und Corona: All das macht auch den Schreinern zu schaffen. Aber wer sich modern aufstellt, kann trotzdem Geschäfte machen. Der Trend ist jedenfalls klar erkennbar: Statt Werkzeug wird immer öfter mit Digital-Technik hantiert.

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Julia RuhsJulia RuhsBettina MeierBettina Meier
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Schreinermeister Tobias Kugler winkt einen Traktor mit einer Ladung Holz auf den Hof seines Betriebs. Es ist Eichenholz – nur etwa zehn Kilometer entfernt von seiner Schreinerei in Neuburg an der Donau gewachsen. "Das Holz hier haben wir letztes Jahr geschnitten, dann im Sägewerk aufgeschnitten und geschält", erzählt er. Kugler, Chef eines etwa zehnköpfigen Betriebs, muss also länger im Voraus planen, wie viel Holz er wann braucht. Das ist vor allem im Moment nicht einfach, denn die Branche plagen Lieferprobleme.

Sein Glück: Dass er vor allem heimische Hölzer verwendet. Kugler kriegt diese vom Waldbauern aus der Gegend und aus dem Staatsforst. Aber auch bei ihm ist Material immer wieder knapp: Zum Beispiel zertifiziertes Bauholz oder Metallbeschläge für Türen und Fenster.

Preise bis zu 60 Prozent gestiegen

Nicht nur daran mangelt es momentan in der Schreinerbranche. Auch Kunststoffe, Scharniere oder Türdrücker fehlen. Monatelange Wartezeiten machen den Schreinern zu schaffen, klagt Christian Wenzler, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Schreinerhandwerk Bayern. Und auch der Anstieg der Preise war gewaltig: "Wir reden hier von 40, 50, 60-prozentigen Preissteigerungen im Material. Und ob sich das wieder normalisiert, auf dem Niveau, das vor Corona bestanden hat, ist sehr fraglich", so Wenzler. Laut ihm könnten die Lieferschwierigkeiten bis weit ins kommende Jahr dauern.

Viele Aufträge – aber zu wenig Material

Eine verzwickte Situation, denn eigentlich ist die Auftragslage derzeit besonders gut. Die Kunden würden in der Corona-Zeit vor allem in die eigenen vier Wände investieren, so der Verband. Auch Alexander Tauscher, Sprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern bestätigt: Zwar gibt es jetzt mehr Aufträge, aber die Handwerksbetriebe sind trotzdem längst nicht mehr so ausgelastet wie im zweiten Quartal des Jahres. Damit entgehen den Betrieben Umsätze, die sie dringend brauchen. Der Materialmangel mache sich jetzt also auch in den Bilanzen bemerkbar, so Tauscher.

Digitale Technik erobert das Handwerk

An Aufträgen mangelt es auch bei Tobias Kugler nicht. Ein Vorteil bei ihm im Betrieb: Mittlerweile kann er diese auch besonders schnell bearbeiten. Denn er hat digitale Hilfe: Seit etwa einem Jahr zum Beispiel einen 3D-Scanner. Um die 10.000 Euro hat ihn der gekostet – und das mitten in der Corona-Pandemie. Aber wer überleben will, muss mit der Zeit gehen, findet Kugler.

Der Laser ist auch heute bei einem Termin mit dabei. Grund: In ein Dachgeschoss-Zimmer eines Kunden muss er Schränke einbauen. Früher hätte Kugler den Raum mühsam per Hand ausgemessen. Jetzt macht das das kleine, drehbare Gerät auf dem Stativ vor ihm – der 3D-Laser. Das Gerät scannt den Raum um sich herum mit einem Laserstrahl. Alle wichtigen Punkte, zum Beispiel Ecken und Steckdosen, nimmt es auf. "Dann haben wir den ganzen Raum als Kontur und können da unsere Schränke reinbauen", erklärt Schreinerkollege Michael Rehm, der beim digitalen Ausmessen mit dabei ist.

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Schreinermeister Michael Rehm konstruiert den Schrank erst mal virtuell am PC, bis das Modell in der Werkstatt umgesetzt wird.

Alte Stühle zusammenkleben, das war gestern

Zurück im Betrieb packt Michael Rehm alle Daten in ein Computerprogramm. Mit dem kann der 31-Jährige die Schränke virtuell konstruieren. Und dabei gucken, dass die perfekt in das Zimmer hineinpassen. Alle nötigen Raumdaten hat er ja jetzt.

Dass Rehm heute Schreinermeister ist, ist Zufall. Eigentlich ist er Physiker. Aber weil sein jetziger Chef vor ein paar Jahren bei seinen Eltern zuhause ein Büro ausstattete, kam er in Kontakt mit dem Schreinerberuf. Und hängte an seinen Physik-Master noch eine Lehre und den Meister dran. Was ihm an seiner Arbeit gefällt – das ist gerade die Kombination aus Handwerklichem und Digitalem.

Umsonst studiert hat er längst nicht, findet er – seine Kenntnisse helfen ihm bei der Arbeit. Das Berufsbild des Schreiners habe sich völlig gewandelt, viel mehr wissen müsse man jetzt, meint auch Chef Tobias Kugler. Als er selbst vor 25 Jahren mit seiner Lehre fertig war, war so einiges anders: "Mittlerweile ist der ganze Beruf sehr stark digitalisiert. Es ist nicht mehr so wie bei Meister Eder, dass man alte Stühle kriegt und die dann an der Hobelbank zusammenklebt."

Alles geht viel schneller – dank moderner Technik

Das zeigt sich auch beim nächsten Schritt des Schrank-Baus. Michael Rehm ist fertig mit dem 3D-Bild am PC. Jetzt geht es in die Werkstatt, dort wartet eine computergesteuerte Fräse. Im Rekordtempo stanzt sie Löcher ins Holz. Früher habe er für einen Schrankkorpus fünf Tage gebraucht, erzählt Rehm. Heute, mit der digitalen Fräse, sind es etwa ein bis zwei Tage.

Noch ist ihr Betrieb ein digitaler Vorreiter, meint er. Nur wenige andere Betriebe im Landkreis hätten all diese Technik. Aber, auch wenn jetzt alles schneller geht: Wenn das Material fehlt, dann kann die Technik noch so modern sein – es herrscht Stillstand. Zumindest, wenn ein großer Teil des Holzes nicht direkt aus der Region kommt.

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Schreinermeister Michael Rehm bedient die computergesteuerte Fräse. Im Rekordtempo stanzt die Löcher ins Holz.

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