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Wie die Bundeswehr das PFC-Problem aussitzt | BR24

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Die Bundeswehr hat durch den Einsatz von gesundheitsschädlichem PFC-Löschschaum zahlreiche Standorte verunreinigt. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks sind 18 Bundeswehr-Standorten deutschlandweit betroffen.

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Wie die Bundeswehr das PFC-Problem aussitzt

In Bayern sind nach BR-Informationen acht Bundeswehr-Standorte mit PFC kontaminiert - so viele wie in keinem anderen Bundesland. Anwohner fühlen sich allein gelassen. Die Bundeswehr sagt: Für Information der Bürger seien örtliche Behörden zuständig.

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Noch im vergangenen Jahr war Roland Habermeier an heißen Tagen regelmäßig mit seiner Tochter zum Baden am Zeller Weiher. Inzwischen weiß er: Das idyllische Gewässer in Neuburg an der Donau ist verunreinigt – mit PFC. Einige der Chemikalien stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Vom nahe gelegenen Flugplatz der Bundeswehr sind sie hierhin durchgesickert.

PFC-Kontaminationen gibt es an zahlreichen Bundeswehr-Standorten in ganz Deutschland. Die Ursache des Problems: Die Bundeswehr setzte über Jahrzehnte PFC-haltige Löschschäume ein. Die Chemikalien verunreinigen nicht nur auf Bundeswehr-Gelände Boden und Grundwasser, sondern in einigen Fällen auch in der Umgebung.

Bundeswehr war erster PFC-Fall schon 2012 bekannt

Vor allem der Stoff PFOS ist problematisch, seine Verwendung wurde 2006 in der EU stark eingeschränkt und 2011 komplett verboten. Der Bundeswehr war der erste PFC-Fall nach eigenen Angaben 2012 bekannt war, erst drei Jahre hat sie später begonnen, systematisch nach PFC-Kontaminationen auf ihren Liegenschaften zu suchen. Auf Anfrage teilt die Bundeswehr mit, sie behandele PFC-Kontaminationen mit "höchster Priorität". Saniert wurde nach Informationen des BR bisher an keinem Standort.

Die gemessenen PFOS-Werte im Zeller Weiher bei Neuburg an der Donau schätzen die Behörden aktuell als gesundheitlich unbedenklich ein. Die Anwohner meiden den Weiher dennoch. Unterlagen der Bundeswehr, die dem BR vorliegen, zeigen: Seit 2013 nimmt die Bundeswehr am Standort Neuburg immer wieder Proben. Das Ergebnis: Im Grundwasser ist der PFOS-Schwellenwert teils vierhundertfach überschritten. 2018 findet die Bundeswehr in zwei landwirtschaftlich genutzten Brunnen erhöhte PFC-Werte. Das Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen teilt dem BR auf Anfrage mit, die Bundeswehr werde in Kürze weitere Brunnen im Umfeld des Flugplatzes beproben.

Bundeswehr: Für Information seien örtliche Behörden zuständig

Informationen des BR zeigen, dass in Bayern an sieben anderen Bundeswehr-Standorten eine Verunreinigung mit PFC bestätigt ist. 16 weitere Standorte gelten als Verdachtsfälle.

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PFC sind langlebige Chemikalien, die nicht in der Natur abgebaut werden. Wo sind sie enthalten und sind sie schädlich? #fragbr24

Nicht überall wissen die Bürger Bescheid über das Ausmaß der Kontamination. Die Bundeswehr erklärt auf BR-Anfrage, für die Information der Bürger seien die örtlichen Behörden zuständig.

PFC-Schaum seit den 1980er-Jahren

Auch im mittelfränkischen Roth wurde nur spärlich über die PFC-Belastungen informiert. Seit dem Jahr 1980 habe die Bundeswehr PFC-haltigen Löschschaum eingesetzt, schreibt sie auf BR-Anfrage. Im Jahr 2012 habe sie erstmals von "altlastentechnisch relevanten PFC-Kontaminationen" erfahren. Damit war die Otto-Lilienthal-Kaserne in Roth der erste PFC-Fall der Bundeswehr. Bei anschließenden Messungen im Grundwasser werden die PFOS-Schwellenwerte in der Spitze um das Tausendfache überschritten. Die Stadt Roth erfuhr nach eigenen Angaben erst sechs Jahre später durch einen TV-Beitrag des BR von der Kontamination.

Ein Gutachten der Bundeswehr zum Standort in Roth, das dem BR vorliegt, kannten Vertreter der Stadt bisher nicht. Im BR-Interview sagt Hauptamtsleiter Stefan Krick, es sei wünschenswert, dass die Bundeswehr auch in direkten Kontakt mit der Stadt treten würde. Die Stadt Roth hat inzwischen selbst mehrere Brunnen beprobt. Derzeit bestehe Krick zufolge für die Anwohner keine Gefahr durch PFC. Die Stadt hat angekündigt, an Bächen in der Umgebung der Kaserne weitere Messungen durchzuführen.

Manching: Gesundheitsgefahren nicht ausgeschlossen

In Manching haben Anwohner vor vier Jahren von der PFC-Verunreinigung auf dem Flugplatz Ingolstadt-Manching erfahren – auch dort liegen die PFOS-Messwerte im Grundwasser am Fliegerhorst teilweise vierhundertfach über dem Schwellenwert.

PFC-Rückstände finden sich inzwischen auch im Grundwasser der angrenzenden Ortsteile Westenhausen und Lindach. Dort dürfen Anwohner ihre Gärten nicht mehr mit Brunnenwasser gießen. Gefahren für die menschliche Gesundheit könnten nicht sicher ausgeschlossen werden, heißt es in einer so genannten Allgemeinverfügung des Landratsamtes Pfaffenhofen vom Mai 2018.

Sanierung nicht vor 2024 geplant

Ein Gutachten der Bundeswehr bestätigt 2013 eine PFC-Belastung auf dem Flugplatz Manching. Laut Landratsamt Pfaffenhofen wird dort frühestens ab 2024 saniert, elf Jahre nach Bekanntwerden der Kontamination. Die Bundeswehr teilt dem BR mit, dieses Datum sei ihr nicht bekannt, und: Man bearbeite PFC-Kontaminationen bereits jetzt mit höchster Priorität. Doch an keinem Bundeswehr-Standort hat es bisher PFC-Sanierungen gegeben. Auf zivilen Flughäfen hingegen, zum Beispiel in Nürnberg, Düsseldorf oder Bremen, laufen schon Sanierungen.

Manching klagt gegen Bundesrepublik

Manchings Bürgermeister Herbert Nerb befürchtet, dass durch das PFC-Problem in der Zukunft Kosten auf die Gemeinde zukommen werden, etwa um Wasserleitungen zu sanieren. Dieses Geld hätte er dann gerne von der Bundeswehr zurück. Das Problem: Es gibt eine Verjährungsfrist für derartige Ansprüche. Aus Sicht der Gemeinde sollte diese Verjährungsfrist aufgehoben werden. Die Bundeswehr hat das als "nicht möglich" abgelehnt.

Die Gemeinde hat zum letzten Mittel gegriffen und Zivilklage gegen die Bundesrepublik eingereicht. Bürgermeister Nerb sagt: "Der Verursacher soll für den Folgeschaden aufkommen. Wir reden über den Umgang von unserem Staat mit seinen Bürgern." Die Klage hat die Gemeinde schon jetzt eine sechsstellige Summe gekostet.

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Acht Bundeswehrstandorte sind laut BR-Informationen mit giftigem PFC kontaminiert. Darunter leiden auch die Anwohner. Das Grundwasser und der Boden seien zum Teil verseucht, berichtet BR-Reporter Maximilian Zierer.

Sendung

report München

Von
  • Maren Breitling
  • Catharina Felke
  • Robert Schöffel
  • Maximilian Zierer
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