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Anfeindungen gegen Tierheim

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Schlechte Bewertungen: Tierheime erleben mehr Anfeindungen

Pampige Antworten, böse Rezensionen: Tierheime erleben gerade so viele Anfeindungen wie noch nie. Auch im Tierheim Amberg in der Oberpfalz haben die Mitarbeitenden täglich damit zu tun. Sie sagen: Die Corona-Pandemie hat den Ton rauer werden lassen.

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Von
  • Annalena Sippl

"Absolut unfreundlich. Einmal und nie wieder", lautet eine Bewertung, die ein Nutzer auf Google für das Tierheim Amberg hinterlassen hat. "Um da einen Hund zu bekommen, muss man wahrscheinlich erst mal kräftig Schmiergeld bezahlen oder steinreich sein", so die Bewertung eines anderen. Sprüche, die Jennifer Caudill, die Leiterin des Amberger Tierheims, nur zu gut kennt.

Wird hier ein Interessent zurückgewiesen, lässt die schlechte Google-Rezension oft nicht lange auf sich warten. "Direkte Beschimpfungen habe ich jetzt noch nicht gehabt, aber man merkt, die Leute werden leicht aggressiv und pampig", so Jennifer Caudill. Oft höre man dann: "Behaltet doch eure Tiere, Ihr wollt die ja nicht vermitteln" oder "Ihr haltet Tiere zurück!"

Anfeindungen sind deutschlandweites Problem

Was die Mitarbeitenden des Tierheims in Amberg erleben, ist kein Einzelfall: Schon Ende April vermeldete der Deutsche Tierschutzbund e. V., dass Tierheime deutschlandweit verstärkt mit Anfeindungen kämpfen würden. Der Run auf Tierheimtiere ist groß. Die Anspruchshaltung der Menschen sei verschärft, das Ausmaß der Anfeindungen habe seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Wenn das gewünschte Tier in ein anderes Zuhause vermittelt wird, so der Tierschutzbund, würden die Abgewiesenen "immer häufiger mit einem Anwalt, der Presse, körperlicher Gewalt und sogar mit Mord" drohen. Auch Handgreiflichkeiten und Einbrüche habe es bereits gegeben.

Tier als Beschäftigung für Kind

Solche Extremsituationen habe man im Amberger Tierheim glücklicherweise noch nicht erlebt. Doch gerade seit Beginn der Corona-Pandemie sei der Ton auch hier rauer, so die Leitung. Da man "Corona-Anschaffungen", wie Jennifer Caudill es nennt, unbedingt vermeiden wolle, müsse man auch mehr Interessenten zurückweisen. Oft würden diese gar keinen Hehl aus ihrer spontanen Kaufentscheidung machen, wie Caudill erzählt.

"Es ist tatsächlich so, dass Leute anrufen und fragen, ob wir Kitten hätten oder Hundewelpen. Wenn ich verneine, dann fragen sie, wie es mit Kaninchen ausschaut, denn sie suchen jetzt was für ihr Kind." Jennifer Caudill, Tierheimleiterin
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Mal eben ein Meerschweinchen für die Kinder besorgen: Im Tierheim Amberg stoßen die Mitarbeitenden oft auf solche Pläne von Interessenten.

Tierheim ist kein Supermarkt

Ein Tierheim sei aber kein Supermarkt, so formuliert es Thomas Schröder, der Präsident des Deutschen Tierschutzverbundes. "Mal eben schnell ein Tier aus dem Tierheim kaufen, das sollte nicht der Anspruch sein." So sieht man es auch im Tierheim Amberg. Die Abläufe bei der Vermittlung von Tierheim-Tieren wären zwar durch die Pandemie erschwert, doch nachlässig wolle man gerade während Corona keinesfalls sein.

Statt wie vor der Corona-Pandemie die Tiere direkt im Heim ansehen zu können, müssen Interessenten nun auf der Website des Tierheims ihren Lieblingskandidaten auswählen. In Vorgesprächen erörtern die Tierheimmitarbeitenden dann, was der Interessent dem Tier bieten kann und welche Beweggründe hinter dem Tierwunsch stehen.

Katze soll mit in Italien-Urlaub

Oft zeige sich schon in diesen Unterhaltungen, wie wenig Gedanken sich manche Bewerber um die Zukunft mit dem Tier gemacht haben. "Wir hatten einen Fall, bei dem Interessenten Verwandtschaft in Italien haben. Wir haben gefragt, wer versorgt die Katze, wenn sie dann nicht da sind", erzählt Tierheimleiterin Caudill. Die spontane Antwort der Interessenten: Man könne die Katze ja einfach mitnehmen.

Hund soll stundenlang alleine bleiben

Eine Katze, die die lange Fahrt nach Italien mitmachen muss, geht für das Tierheim genauso wenig, wie Meerschweinchen, die vor dem Urlaub einfach eine Hand mehr Futter bekommen. In solchen Fällen endet die Vermittlung dann bereits beim Vorgespräch.

Die Voraussetzungen müssen stimmen. Wer plant, seinen Wunschhund während der Arbeit täglich acht Stunden allein zu lassen, hat genauso wenig Chancen auf ihn, wie Interessenten, die sich eine Freigänger-Katze zulegen möchten, obwohl sie direkt neben der Bundesstraße und den Bahnschienen wohnen.

Wenn aber alles passt, dürfen Tier und Mensch dann im Heim das erste Mal aufeinandertreffen. Stimmt die Chemie, so Jennifer Caudill, dann würde man das Tier, egal ob Maus, Meerschwein oder Hund, persönlich bei den Interessenten vorbeibringen, um die Lebensumstände zu begutachten. Und selbst wenn das Tier im neuen Zuhause einzieht, seien noch Nachbesichtigungstermine möglich.

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Diese Kitten sind erst wenige Wochen alt. Das Interesse an jungen Tieren aus dem Tierheim ist besonders groß.

"Die sind schon immer aggressiv"

Nicht nur in Amberg reagieren abgelehnte Interessenten oft wütend. Auch im Tierheim Schwandorf ist man an pampige Antworten gewöhnt. Gestiegen sind die Anfeindungen aber seit Beginn der Pandemie nicht unbedingt: "Die sind immer schon aggressiv", sagt Gabi Hahn, die erste Vorsitzende des Tierschutzvereines Schwandorf. "Jeder meint ja, er ist der beste für den Hund. Und wenn man halt für einen Hund mehrere Interessenten hat, dann muss man einen auswählen und die anderen sind dann enttäuscht."

Auch hier kommen dann oft schlechte Bewertungen auf das Tierheim zu. Hahn rät aber dazu, dies nicht überzubewerten. "Wir fürchten uns jetzt nicht und haben jetzt auch keine großartigen Anfeindungen."

Tierwohl steht an erster Stelle

Angst habe man auch im Amberger Tierheim nicht. Dennoch, die negativen Bewertungen stellen das Heim in ein schlechtes Licht und lassen hier keinen kalt. "Natürlich ärgert man sich", sagt Jennifer Caudill. "Weil wir hier alles versuchen, um für unsere Tiere die bestmögliche Lösung zu finden." Sie betont: "Nicht für die Menschen, sondern für die Tiere, die hier sind. Weil viele einfach auch ganz schreckliche Hintergrundgeschichten haben."

Bewertungen wie "einmal und nie wieder" ärgern die Mitarbeitenden besonders. "Das sind Sachen, die ich schade finde", erzählt Jennifer Caudill. "Wenn man Kritik üben möchte, dann ist es schon wichtig zu schreiben, was das Problem war, damit wir wissen, wo wir ansetzen können, um das zu verbessern." Was die negativen Google-Bewertungen angeht, hat das Tierheim eine eigene Strategie entwickelt: Antworten und versuchen, die Entscheidung zu erklären.

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