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Schattenseite des Baubooms: Kiesabbau in bayerischen Wäldern | BR24

© BR/Ulrich Trebbin

120 Millionen Tonnen Kies braucht die bayerische Bauindustrie jedes Jahr. Trotz großer Kiesvorkommen im Alpenvorland werden dafür immer wieder Wälder abgeholzt. Dabei gäbe es Alternativen, z.B. Recycling.

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Schattenseite des Baubooms: Kiesabbau in bayerischen Wäldern

Trotz Corona: Auf den Baustellen in Bayern brummt es. 120 Millionen Tonnen Kies braucht die bayerische Bauwirtschaft pro Jahr. Für den Kiesabbau werden Wälder abgeholzt - zum Beispiel nahe München, Würzburg und Amberg. Dabei gäbe es Alternativen.

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Die Immobilienpreise und die Mieten in Bayern steigen seit Jahren - vor allem natürlich in den Ballungsräumen. Also werden besonders in den Städten Häuser und Wohnungen gebaut. Die Bauwirtschaft boomt: 120 Millionen Tonnen Kies verbaut sie jedes Jahr - zum großen Teil in Beton. Dieser Kies kommt zum Beispiel aus den Flusstälern. Oder aus dem Boden der Münchner Schotterebene: Die Gletscher der Eiszeiten haben ihn aus den Alpen herangeschleift und hier hinterlassen.

Kiesabbau im Wald auch in Unterfranken und der Oberpfalz

Allerdings hat der Bauboom eine Kehrseite: Um an den Kies zu kommen, muss die Schicht aus Vegetation und Humus auf die Seite geschoben werden. Das bedeutet: Natürliche Lebensräume werden zerstört. Sogar Wälder werden dafür gerodet – trotz Klimadebatte.

Es gibt viele Beispiele in Bayern: So sind im unterfränkischen Maroldsweisach fast sechs Hektar Wald einem Steinbruch zum Opfer gefallen, in Thüngersheim bei Würzburg sind 30 Hektar bedroht. Nicht weit davon in Karlstadt-Laudenbach sollen fünf Hektar fallen, in der Gemeinde Ebermannsdorf im Landkreis Amberg sind sogar 160 Hektar Wald wegen eines geplanten Abbaus von Sand in Gefahr.

Bei München: Weiterer Bannwald bedroht

In der Kiesgrube "Forst Kasten" westlich von München werden jedes Jahr 600.000 Tonnen ausgekiest. Hier ist besonders geschützter Bannwald betroffen. Ein 40 Hektar großes "Kiesvorranggebiet" reicht sogar noch tiefer in den Wald hinein. Hier könnten in wenigen Jahren die Harvester, die Walderntemaschinen, anrücken und zumindest auf einigen Hektar Bäume fällen.

In Zeiten der Klimaerwärmung das völlig falsche Signal, sagt Astrid Pfeiffer von der Bürgerinitiative "Rettet den Würmtaler Wald". Ihrer Meinung nach müsste man aufforsten statt abzuholzen, sagt sie: "Ich frage mich, was diese ganze Klimadiskussion soll, wenn man dann etwas tut, was dem diametral widerspricht."

Artenvielfalt im Wald zerstört

Simon Tangerding von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald fordert, dass in Wäldern überhaupt kein Kies mehr abgebaut wird. Es gebe genug andere Flächen. Denn selbst wenn hinterher wieder aufgeforstet wird, dauere es Jahrzehnte, bis große Bäume nachgewachsen sind und ihre klimatische Funktion ausüben.

Außerdem sei der über Jahrtausende gewachsene Waldboden mit seinen Mikroben, Pilzen und anderen Kleinstlebewesen in seiner Artenvielfalt nahezu wertlos, wenn er mehrere Jahre lang auf die Seite geschoben unter Planen liegt: "Das wirkt sich im späteren Wald massiv auf die Artenvielfalt aus, zum Beispiel bei den Singvögeln", so der Landesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Simon Tangerding.

Kleine abgeholzte Flächen summieren sich

Dem Argument, dass es sich ja nur um ein paar Hektar handle und der Forst Kasten doch um ein Vielfaches größer sei, entgegnet Tangerding, auch wenn es immer nur um vergleichsweise kleine Flächen gehe, es summiere sich dramatisch: Allein im Münchner Westen habe man auf diese Weise in den letzten Jahrzehnten 40 Hektar Wald verloren - das sind 400.000 Quadratmeter.

Möglicher Teil der Lösung: Baustoffrecycling

Dabei könne man den Kiesabbau spielend reduzieren, sagt Andrea Kustermann. Die Professorin für Baustoffe an der Hochschule München begleitet derzeit wissenschaftlich ein Pilotprojekt zum Bautoffrecycling auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne in München. Der Schutt der abgebrochenen Gebäude soll zu 100 Prozent wiederverwertet werden: Entweder als Substrat unter die Grünflächen oder als Recyclingkies in den neuen Beton.

Bis zu 20 Prozent des Naturkieses einsparbar

Bundesweit könnte man so den Abbau von bis zu 20 Prozent des Naturkieses einsparen, glaubt Kustermann.

Stattdessen wird der Schutt vieler abgebrochenen Häuser mit dem Lkw in ausgeräumte Kiesgruben gekarrt, damit dort nach der Verfüllung wieder aufgeforstet werden kann. Michael Weiß von der Bau- und Recyclingfirma Ettengruber in Dachau kann da nur den Kopf schütteln: "Das ist widersinnig und fährt komplett gegen den Kreislauf."

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Für diese Kiesgrube hier im Forst Kasten sind tausende Quadratmeter Wald abgeholzt worden.

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Große Radlader holen den Kies in gut 10 Meter tiefen Kiesgruben aus der Steilwand...

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...und schaufeln ihn auf ein Förderband.

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Das Förderband transportiert den Kies ins Kieswerk der Firma Glück in Gräfelfing.

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Dieses Förderband verläuft über zwei Kilometer teilweise in einem Tunnel von der Kiesgrube bis ins Kieswerk der Firma Glück.

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Es geht auch anders: Dieser Prallbrecher recycelt Bauschutt abgerissener Gebäude....

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...und sortiert ihn in drei Größen auf verschiedene Haufen. Hier den gröberen Schotter...

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...auf der anderen Seite den feineren Kies.

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Ein Radlader schippt den recycelten Kies auf große Haufen, ...

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...wo sie liegen bleiben, bis sie für Neubauten zu Zement und Wasser zu Beton gemischt werden.

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