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Sulaiman Masomi
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Autoren

Sarah Beham
Christoph Leibold
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Sulaiman Masomi

Das war Mal wieder ein Fall, um Heinrich Böll zu zitieren. Dessen Romantitel „Gruppenbild mit Dame“ beschreibt das diesjährige Finalisten-Feld perfekt: Aus rund 50 Bewerbungen hatte eine Vorauswahljury fünf Männer und nur eine Frau ausgesucht. So sehr sich die Kabarettszene über die Jahre geändert haben mag, eins bleibt: die männliche Dominanz. Und auch das war nicht ganz untypisch fürs Kabarett: dass sich die einzige Frau im Wettbewerb um das Passauer Scharfrichterbeil – Inka Meyer – vorwiegend an Frauenthemen abarbeitete:

"85 Prozent aller deutschen Frauen finden ihren Arsch zu dick, 10 Prozent finden ihren Arsch zu dünn und 3 Prozent finden ihn okay und sind froh, dass sie ihn geheiratet haben." Inka Meyer

Es wäre allerdings unfair, Meyer aus ihrer Themensetzung einen Strick zu drehen. Zum einen, weil sie, genauer besehen, dann doch kein klassisches Frauenkabarett macht – im weiteren Sinne erzählt sie von einem modernen Selbstoptimierungswahn, der keineswegs vor Männer Halt macht. Und zum anderen, weil zwei ihrer männlichen und – in diesem Fall: muslimischen Mitbewerber, Hamid Nikpai alias Hanni Who und Sulaiman Masomi, auf ihre Weise auch nichts Anderes tun: so wie bei Meyer das Frausein Ausgangspunkt aller Überlegungen ist, dreht sich bei Masomi und Hanni Who vieles um deren Migrationshintergrund:

"Weil es ist egal, wie sehr du dich bemühst, wie akzentfrei dein Deutsch klingen mag, nur ein einziger Fehler und man stellt fest: ah, ein Ausländer! Wenn ich zum Beispiel sagen würde: Ich kaufe mir eine Haus. Dann weiß jeder in diesem Raum, dieser Satz stimmt überhaupt nicht, weil ich mir kein Haus leisten kann." Hamid Nikpai

Dass am Ende des Abends aus dem Gruppenbild mit eines ohne Dame wurde – dass also Inka Meyer ohne Beil nach Hause gehen musste, während Hanni Who mit dem kleinen Beil für Platz drei ausgezeichnet wurde und Sulaiman Masomi auf Platz eins landete – das hat damit zu tun, dass die beiden ihre Rolle als Migranten-Komödianten nicht nur spielen und bedienen, sondern auch reflektieren – vor allem Hauptpreisträger Sulaiman Masomi.

"Kann ein Ausländer nicht über etwas anderes auf der Bühne reden, als über sein Leben als Ausländer? Klar kann ich das, aber dafür gibt es keinen Markt! Und die Mehrheit der Deutschen liebt es, wenn ein Kanake Witze über sich selbst macht. Ich kann nämlich als Kanake Dinge sagen, die sich ein Deutscher nicht erlauben darf. Das Wort Kanake zum Beispiel. Das darf nur ich. Das hat irgendwie eine befreiende Wirkung auf den Otto Normaldeutschen. Wir können das ja mal gemeinsam probieren. Ich will euch jetzt nicht zumuten, dass ihr Kanake ruft - ihr habt vielleicht Vorbehalte und das ist auch gut so. Aber wir machen einen kleinen Kompromiss: Ihr sagt einfach ein normales deutsches Wort - nämlich Nacken - und ich sag vorher KA - und wir schaffen so einen integrativen Prozess ..." Sulaiman Masomi

Sulaiman Masomi wurde in Afghanistan geboren. Einen afghanischen Preisträger beim Scharfrichterbeil, das gab’s in nunmehr 36 Wettbewerben noch nie – dafür in diesem Jahr gleich doppelt: auch Hanni Who kam in Afghanistan zur Welt. Zwischen die beiden auf Platz zwei schob sich der Österreicher Bernie Wagner.

"Die Agentur hat gesagt: 'Bernie geh, verspiel das Scharfrichterbeil nicht. Kriegst einen Termin in Deutschland.' Da habe ich gesagt: Ich will nicht nach Deutschland! Deutschland ist Österreich vor fünf Jahren: Ein Land, in dem noch die Hoffnung trügt! Bin dann hergekommen schlussendlich aus Nostalgie. Da kann ich noch alte Nummern spielen. Da kann man noch reüssieren, indem man vor den Rechten warnt - weil ihr noch nicht wisst, dass es nichts bringt!" Bernie Wagner

Insgesamt war es ein mehr als brauchbarer Beil-Jahrgang. In den vergangenen Jahren war es oft so, dass die Jury die Preisträger allein schon deshalb schnell beisammenhatte, weil die Hälfte der Finalisten ohnehin nicht in mal ansatzweise in Frage kam. Heuer waren auch Inka Meyer sowie der Austro-Pop-Parodist Manuel Berrer und vor allem Michael Feindler – ein Politpoet mit dem Mut, schnelle Pointen zu verweigern – diskutable Kandidaten. Ein absoluter Senkrechtstarter war nicht dabei, aber vor allem eben auch keine Rohrkrepierer. Jedenfalls: es hätte auch anders ausgehen können. Gleichwohl: Sulaiman Masomi ist ein respektabler Hauptpreisträger, bei dem die Preistrophäe, ein riesen Henkerbeil, in durchaus passenden – oder je nachdem, wie man’s nimmt: unpassenden Händen ist:

"Ich weiß gar nicht, ob das so gut ist, wenn ich morgen in den Zug steige. Wenn dann so ein Afghane mit einem riesigen Beil ankommt, ist das vielleicht kontraproduktiv für meine Rückfahrt." Sulaiman Masomi

Bisherige Preisträger

Mit seinem ersten Platz reiht sich Masomi in eine Liste namhafter Künstler ein, die ebenfalls einmal das Henkerbeil gewonnen hatten, darunter Hape Kerkeling (1983), Günter Grünwald (1988), Luise Kinseher (1999) oder Torsten Sträter (2012).