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Schärfere Düngeregeln: Gülletourismus quer durch Bayern | BR24

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Die Auflagen werden immer strenger: Um das Grundwasser zu schützen, dürfen Bauern nicht mehr so viel Gülle ausbringen. Das führt zu einem absurden Effekt: Gülletourismus quer durch Bayern.

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Schärfere Düngeregeln: Gülletourismus quer durch Bayern

Die Auflagen werden immer strenger: Um das Grundwasser zu schützen, dürfen Bauern nicht mehr so viel Gülle ausbringen. Absurder Effekt: Gülletourismus quer durch Bayern - auch in Regionen, die schon Probleme mit Nitrat im Grundwasser haben.

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Martin Weber ist Landwirt im oberbayerischen Feldkirchen-Westerham. Er hält 75 Kühe und 75 Kälber, zum Hof gehören 50 Hektar Fläche. Seit 2017 die neue Düngeverordnung in Kraft getreten ist, darf er - wie alle anderen Bauern auch - nur noch 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr aus Gülle ausbringen. Die Folge: Gülletourismus quer durch Bayern.

"Wir hier im Rosenheimer Raum: da wird die Gülle nach Dachau und noch weiter hochgefahren, über die Autobahn, 100 Kilometer. 92 Prozent Wasser durch die Gegend fahren, ist das wirklich der Sinn der Düngeverordnung?" Martin Weber, Landwirt im Landkreis Rosenheim

Wohin mit der Gülle? Kosten für Bauern steigen

Die Gülle von Martin Weber aus Feldkirchen-Westerham legt immer größere Strecken zurück und kostet den Landwirt immer mehr Geld. Je nachdem, wo die Abnehmer sitzen und was sie dafür verlangen, die Gülle aufzunehmen, zahlen Bauern inzwischen bis zu 18 Euro pro Kubikmeter.

Martin Weber kommt also auf Kosten von bis zu 6.000 Euro. Die Betreiber einer Biogas-Anlage in der Region mussten vergangenes Jahr rund 50.000 Euro zahlen, um ihren Gärrest loszuwerden - also, das was übrig bleibt am Ende des Gärvorgangs. Das fällt nämlich auch unter die Düngeverordnung von 2017.

Grundwasserschutz durch Gülletransporte konterkariert

Michael Höhensteiger ist der Düngeverordnungs-Fachmann beim Maschinenring in Irschenberg. Er berät Bauern und kennt die Probleme mit den Gülletransporten. Was ihn ärgert: Trotz der immer höheren Auflagen für die Landwirte bleibt der Grundwasserschutz auf der Strecke.

"Wir haben in unserer Region aufgrund der Böden und weil wir Grünlandnutzung haben und wegen des Niederschlags überhaupt kein Nitratproblem und fahren unseren organischen Dünger in Ackerbauregionen, die leichtere Böden haben, die weniger Niederschlag haben, die vielleicht sogar noch in einem roten Gebiet sind, wo Nitratprobleme bereits jetzt der Fall sind." Michael Höhensteiger, Maschinenring Irschenberg

Rund 20 Prozent der Fläche Bayerns wurden als rote Gebiete ausgewiesen, sie liegen unter anderem in Franken und entlang der Donau. Dort gibt es jetzt schon Probleme mit Nitrat im Grundwasser. Deshalb gelten in roten Gebieten drei zusätzliche Auflagen für das Ausbringen von Gülle - wie zum Beispiel mehr Abstand zu Gewässern.

Ob und wie viel Gülle aus dem Oberland tatsächlich in roten Gebieten versickert, kann niemand sagen. Denn in Bayern gibt es kaum Daten über die Gülletransporte. Also Informationen darüber, welche Mengen von wo nach wo gebracht werden.

Gülle kommt auch aus den Niederlanden

Anders in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – dort werden Gülletransporte inzwischen genau erfasst – auch weil es dort noch größere Probleme damit gibt und Gülle zum Teil auch aus den Niederlanden hergebracht wird.

Die Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising geht davon aus, dass rund 6.000 Bauern in Bayern Gülle abgeben – aber das sind nur die Betriebe, die mehr als 200 Kubikmeter loswerden müssen und das auch gemeldet haben. Düngefachmann Michael Höhensteiger vom Maschinenring hält die Zahl für zu niedrig.

"Viele Landwirte wussten bisher gar nicht, dass sie sich melden müssen als Abgeber von Wirtschaftsdünger." Michael Höhensteiger, Maschinenring Irschenberg

Denn tatsächlich haben viele Landwirte aus Angst vor Kontrollen bewusst verschwiegen, dass sie Gülle wegfahren lassen.

Auf Druck der EU haben sich Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium jetzt auf weitere Verschärfungen in den roten Gebieten geeinigt. Unter anderem ist vorgesehen, dass je Betrieb 20 Prozent weniger Dünger ausgebracht werden soll.

Düngeverordnung verschärfen: Kritiker fühlen sich bestätigt

Dass die von Bayern für diese Gebiete ausgewählten drei zusätzlichen Maßnahmen nicht ausreichen werden – davor gab es schon im vergangenen Jahr zahlreiche Warnungen.

Unter anderem von Umweltverbänden wie dem Bund Naturschutz, dem Bayerischen Gemeindetag, den Wasserversorgern und auch Politikern wie der Vorsitzenden des Umweltausschusses im Bayerischen Landtag, Rosi Steinberger von den Grünen.

Sie alle forderten größere Anstrengungen für den Wasserschutz. Jetzt muss die EU entscheiden, ob die deutschen Nachbesserungen genügen für den Wasserschutz. Erleichterungen, auf die die Grünlandbauern in Südbayern gehofft hatten, wird es jedenfalls/nun auf lange Sicht keine geben.

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Bayerns Bauern haben viele Kühe, die machen Mühe - und Mist. Urin und Kot von Nutztieren wird als Gülle auf die Felder ausgebracht. Als Dünger. Zu viel davon am selben Ort ist jedoch nicht erlaubt. Die Folge: "Gülletourismus" quer durch Bayern.