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Sargpflicht abgeschafft – Umsetzung dauert noch | BR24

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Im Oktober hat der bayerische Landtag mit großer Mehrheit beschlossen, die Sargpflicht zu lockern. Damit ist die Bestattung in einem Leichentuch also künftig möglich. Doch noch fehlt es an konkreten Regeln für die Praxis.

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Sargpflicht abgeschafft – Umsetzung dauert noch

Zu einer Bestattung gehört ein Sarg, das war lange Zeit der normale Standard. Doch die Zahl an Urnenbestattungen nimmt jedes Jahr zu, und auch für die Muslime ist eine Bestattung ohne Sarg, nämlich nur im Leinentuch, in Deutschland möglich.

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Bis auf Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben alle anderen Bundesländer die Sargpflicht abgeschafft. Aber auch im Freistaat tut sich was: Im Oktober haben die Abgeordneten des bayerischen Landtags mehrheitlich beschlossen, die Sargpflicht aufzuheben. Die Bestattung in einem Leichentuch soll künftig "aus religiösen und weltanschaulichen Gründen" zulässig sein. Doch wie der gesetzliche Beschluss nun in die Praxis umgesetzt wird, darüber wird debattiert.

Ein Beispiel aus Nürnberg

Er kennt hier auf dem Nürnberger Südfriedhof so ziemlich jedes Grab: Gerhard Kratzer ist Leiter der Friedhofsverwaltung Nürnberg und zeigt am Ende des Friedhofs gleich neben den Bahngleisen eine neu angelegte Fläche. Das hier sei das islamische Grabfeld am Südfriedhof, zeigt Kratzer. Es sei bereits das zweite seit 2006. 2014 musste der Friedhof in Nürnberg die Fläche noch einmal erweitern und nun sei sie schon wieder gut belegt. Im kommenden Jahr wird das islamische Grabfeld erneut vergrößern. Den Zuwachs an muslimischen Erdgräbern begrüßt Nürnbergs oberster Friedhofsverwalter.

„Ich finde es gut und als Friedhofsträger bin ich dankbar, dass überhaupt wieder Erdbestattungen bei uns stattfinden." Gerhard Kratzer, Leiter Friedhofsverwaltung Nürnberg

Bayern hielt lange an Sargpflicht fest

Der Trend zum Urnengrab ist Gerhard Kratzer ein Dorn im Auge. Bedenken hat der Verwalter aber auch beim Thema sarglose Bestattungen. Bayern war bis vor kurzem eines der letzten drei Bundesländer, die an der Sargpflicht festhalten. Bestattungen ohne Sarg, für Gerhard Kratzer undenkbar.

„Wir bestatten unsere Toten schon sehr lange in Särgen. Der Sarg entspricht eben unserer Kultur, zur Aufbewahrung, zum Transport und letztlich auch zur ewigen Ruhe. Der Sarg ist halt einfach die Möglichkeit, den Verstorbenen auch schon vor der letzten Ruhe hygienisch einwandfrei und in einem schicklichen Zustand einwandfrei zu verwahren.“ Gerhard Kratzer, Leiter Friedhofsverwaltung Nürnberg

Muslime hingegen beerdigen ihre Toten traditionell in einem weißen Leinentuch. Dass sie künftig auch in Bayern diese Tradition ausüben können werden, findet Mustafa Biyik sinnvoll. Er besitzt ein islamisches Bestattungsunternehmen in Freising. Im muslimischen Glauben wird ein Toter direkt in der Erde bestattet, ohne Sarg. Das wird aber vermutlich auch mit der Bestattungsverordnung, die das bayerische Gesundheitsministerium bis Mitte des kommenden Jahres überarbeiten will, nicht möglich sein. Ministerin Melanie Huml kündigt jedenfalls an: Ganz ohne Sarg wird die Bestattung nicht möglich sein.

„Wenn ich jemanden im Leichnam bestatte, der muss ja trotzdem transportiert werden, es muss trotzdem eine gewisse Ausschalung vorgenommen werden. Das auch, wenn es darum geht, Hygienevorschriften zu beachten, wenn es um Wasser geht, dass das auch beachtet wird, dass also nicht Boden direkt auf das Leichentuch, auf den Leichnam in Berührung kommen kann.“ Melanie Huml, bayerische Gesundheitsministerin

Sarglose Bestattungen werden möglich

Zum Transport und zur Aufbewahrung ist also weiter ein Sarg vonnöten, die Grablegung selbst könnte aber auch ohne Sarg stattfinden, sagt die Ministerin, bei entsprechender Holz-Verschalung des Grabes. Das könnte dann mehr Muslime bewegen, für ihre Angehörigen auf den Friedhöfen in Bayern die letzte Ruhestätte zu suchen. Bislang wählten vor allem ältere Migranten lieber die Rückführung des Leichnams in das Heimatland, sagt Mustafa Biyik. Viele Verwandte seien in der Heimat, doch die dritte und vierte Generation wollte überwiegend hier beerdigen werden, so Biyik. Schließlich seien mittlerweile die eigenen Kinder oder Enkel in Deutschland.

Laut Landtagsbeschluss sollen sarglose Bestattungen künftig aber nicht nur für Muslime möglich sein, auch jüdische Gläubige feiern ihre Bestattungen traditionell ohne Sarg. Und auch bei anderen Gesellschaftsgruppen sollen diese Möglichkeit haben, sagt der SPD-Politiker Arif Tasdelen.

„Weltanschauung kann natürlich auch sein, dass jemand, der Atheist ist, und sagt, ich möchte nicht in einem Sarg beerdigt werden, auch das ist eine Weltanschauung, von dem her haben wir das tatsächlich locker formuliert und nicht gesagt 'nur für Muslime'.“ Arif Tasdelen, SPD MdL

Eine Ausnahmeregelung gibt es aber dennoch: jede Kommune soll selbst entscheiden, ob sie auf ihren Friedhöfen die sarglose Grablegung erlaubt.

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Diskussion nach Abschaffung der Sargpflicht