BR24 Logo
BR24 Logo
Alles zur Maskenpflicht

Sant'Egidio Würzburg: Senioren-Fürsorge in Corona-Zeiten | BR24

© BR

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Würzburger Gemeinschaft Sant'Egidio in Seniorenheimen und baut dort Freundschaften auf. Wegen der Besuchsverbote sind persönliche Kontakte derzeit kaum möglich. Wie Senioren-Fürsorge in Corona-Zeiten funktioniert.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Sant'Egidio Würzburg: Senioren-Fürsorge in Corona-Zeiten

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Würzburger Gemeinschaft Sant'Egidio in Seniorenheimen und baut dort Freundschaften auf. Wegen der Besuchsverbote sind persönliche Kontakte derzeit kaum möglich. Wie Senioren-Fürsorge in Corona-Zeiten funktioniert.

Per Mail sharen

Wie geht es Marianne Hellmuth? Wie geht es ihr und den anderen Bewohnern des Hans-Sponsel-Hauses, einem Pflegeheim in der Würzburger Lindleinsmühle? Dieter Wenderlein von der Gemeinschaft Sant'Egidio vermisst seine Freundin Marianne. Er kennt die Seniorin seit vielen Jahren, aus Gesprächen und Begegnungen: die wöchentliche Kaffeerunde, die regelmäßigen Ausflüge und die Gottesdienste, die Sant'Egidio im Heim durchführt. Aber das war, bevor der Corona-Virus das Hans-Sponsel-Haus erreicht und dort für viele Todesfälle gesorgt hat. Jetzt, in Zeiten von Besuchsverbot und Zimmerisolation der Bewohner, sind persönliche Begegnungen nicht möglich - und die Ehrenamtlichen von Sant'Egidio müssen Alternativen finden, um Fürsorge zu leisten und Freundschaften zu pflegen.

"Dass es so schwer werden wird, dass so viele Menschen sterben, wie sehr manche der Bewohner leiden unter der Einsamkeit und Isolierung, das war uns zu Beginn der Corona-Pandemie nicht klar. Und wir müssen uns immer wieder neue Dinge überlegen, was wir in dieser Situation tun können, wie wir helfen können." Dieter Wenderlein, Gemeinschaft Sant'Egidio Würzburg

Heim-Alltag ohne persönliche Kontakte in die Außenwelt

Ein Weg, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen, sind Telefongespräche. Die Ehrenamtlichen haben eine systematische Telefonkette organisiert: Jeder alte Freund im Hans-Sponsel-Haus - und in den zahlreichen anderen Heimen, in denen die Gemeinschaft aktiv ist - wird zwei bis drei Mal die Woche angerufen. Dieter Wenderlein ruft heute seine Freundin Marianne an. Die beiden plaudern über Gott und die Welt, aber auch über die Ängste, Sorgen und Nöte der Heimbewohner, die seit Wochen isoliert auf ihren Zimmern leben. "Den persönlichen Kontakt kann das natürlich nicht ersetzen", so Wenderlein. Viele Bewohner könnten nicht mehr sprechen, da zähle ansonsten jede Berührung, jede Geste in der Begegnung. Diese Menschen könne man durch Telefonate nicht erreichen. "Und das ist wirklich ein Schmerz für mich, das tut sehr weh", ergänzt Brigitte Kern. Sie ist mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen im Sankt Nikolausheim aktiv, wo 25 Menschen an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind.

© Gemeinschaft Sant'Egidio

Musikaktion von Sant'Egidio vor dem Würzburger Hans-Sponsel-Haus

Konzerte vor den Seniorenheimen

Um trotz der Besuchsverbote etwas persönliche Präsenz zu zeigen, stellt Sant'Egidio inzwischen kleine Konzerte vor den Senioreneinrichtungen auf die Beine. Mit Akkordeon und Lautsprecheranlage werden vor den Heimen Volkslieder gesungen. Die Senioren stehen, sitzen oder liegen an den geöffneten Fenstern, manche winken und singen mit. "Da sind auch Tränen geflossen", sagt der Heimleiter des Hans-Sponsel-Hauses, Jürgen Görgner.

"Alles, was den eingeschränkten Alltag irgendwie aufreißt, ist etwas Besonderes. Solche Lichtblicke brauchen wir: Da gibt es Leute, die denken an uns. Das ist die Energie, aus der wir gerade heraus leben." Jürgen Görgner, Heimleiter Hans-Sponsel-Haus Würzburg

Sant'Egidio: "Wir wollen und werden immer da sein."

Auch viele Postkarten-Aktionen und ein Besorgungsservice für Heimbewohner gehört zum Corona-Alternativprogramm von Sant'Egidio. "Wir wollen Signale senden, dass unsere Freundschaft in diesen schwierigen Zeiten nicht aufhört, dass da eine Verlässlichkeit da ist", sagt Brigitte Kern von Sant'Egidio. "Wir wollen und werden immer da sein." Brigitte Kern hofft, dass nun bald Angebote geschaffen werden, die wenigstens einen persönlichen Sichtkontakt ermöglichen - etwa durch Besuchsboxen, wie sie einige Heime in der Schweiz und auch in Deutschland bereits installiert haben.

Hoffnung auf Alternativen zum "System Altenheim"

Die größte Hoffnung der Aktiven von Sant'Egidio ist aber, dass die Corona-Krise einen grundsätzlichen Strategiewechsel hervorbringt, welchen Platz die Gesellschaft alten Menschen zugesteht. Denn, so Dieter Wenderlein, gerade die vielen Todesfälle in Heimen hätten doch gezeigt, dass große Einrichtungen für alte und schwache Menschen letztlich fatal sind.

"Wir stellen uns vor, und da möchten wir als Sant'Egidio auch einen Beitrag leisten, kleinere Wohngemeinschaften aufzubauen. Wenn das politisch gewollt wäre, dass man diese kleineren alternativen Wohnformen in der Zukunft verstärkt aufbaut, dann wäre das eine wichtige Lehre aus der Corona-Krise." Dieter Wenderlein, Gemeinschaft Sant'Egidio Würzburg