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Sanka für die Seele: Krisendienste jetzt bayernweit | BR24

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Wer hilft bei einem akuten seelischen Notfall? Seit heute kann man in ganz Bayern Krisendienste anrufen. Die Experten geben entweder telefonisch Rat oder kommen als mobiles Einsatz-Team ins Haus.

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Sanka für die Seele: Krisendienste jetzt bayernweit

Wenn jemand eine seelische Krise hatte, blieb Angehörigen bisher oft nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen. Ab dem 1. März sind in ganz Bayern bei psychischen Notfällen Fachkräfte der Krisendienste erreichbar – auch mit mobilen Einsatzteams.

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Von
  • Veronika Wawatschek

Mit Tatütata, Blaulicht und gegen den eigenen Willen in die psychiatrische Klinik – dieses Szenario soll künftig in Bayern möglichst vermieden werden. Denn das erklärte Ziel der Krisendienste ist es, Zwangseinweisungen, also Unterbringungen gegen den Willen, möglichst überflüssig zu machen.

Unter der bayernweit einheitlichen Telefonnummer 0800-6553000 erreiche man rund um die Uhr psychiatrisch geschulte Menschen und mobile Einsatzteams, die im Notfall kämen, wie Bezirketagspräsident Franz Löffler erklärt. Wenn sich durch das Telefonat herausstelle, dass die Situation vor Ort beruhigt werden müsse, "dann ist auch vorgesehen, dass innerhalb einer Stunde auch ein mobiler aufsuchender Dienst vor Ort ist."

Krisendienste häufig mit Überzeugungsarbeit

Bei den Krisendiensten Bayern arbeiten Fachleute, die die Situation beruhigen oder deeskalieren können und den Betroffenen im Idealfall davon überzeugen, einer Behandlung zuzustimmen. Klaus Nuißl hat selbst Schizophrenie. Er kennt psychische Krisen aus eigener Erfahrung. Hochgerechnet hat er inzwischen fast zwei Jahre seines Lebens in psychiatrischen Kliniken verbracht. Meistens hat er sich selbst in Behandlung begeben. Einmal wurde er gegen seinen Willen in einer Klinik untergebracht und bekam einen gesetzlichen Betreuer. Rückblickend weiß er, dass ihn das davor bewahrte, "noch mehr Unsinn anzustellen", wie er es formuliert – etwa Schulden zu machen. Und trotzdem: "Das war für mich schwierig. Es war für mich sehr schwer, erst mal gegen meinen Willen untergebracht zu sein."

Krisendienste jetzt bayernweit rund um die Uhr

Wer gegen seinen Willen psychiatrisch untergebracht wird, hat das Gefühl, Autonomie und Selbstständigkeit zu verlieren. Dass bei den Krisendiensten Bayern nun Fachleute telefonisch, aber eben auch mit Einsatzteams erreichbar sind, hält Klaus Nuißl für einen wichtigen Schritt für Betroffene. Krisensituationen würden sich normalerweise im privaten Raum abspielen. "Die finden zu Hause, bei Freunden oder in der Familie statt und nicht, wenn man gerade sowieso in einer Einrichtung ist. Und sie halten sich auch nicht an die Büroöffnungszeiten von sozialpsychiatrischen Diensten oder an die Sprechzeiten von Therapeuten."

Oft ist es also das soziale Umfeld: Partner, Familie, Nachbarn, Freunde, die Zeugen der Krise werden. Eine Überforderung für alle Beteiligten, sagt Rita Wüst vom Verband der Angehörigen psychisch Kranker, kurz ApK, in München. Zwar seien psychische Krisen sehr individuell. Aber die Begleiterscheinungen, die die Außenstehenden erleben, sind meist Unsicherheit und große Angst. "Wir erkennen den betroffenen Menschen oft nicht wieder oder befürchten, dass es im schlimmsten Fall auch um Leib und Leben geht."

Viele Angehörige rufen bislang die Polizei

In ihrer eigenen Hilflosigkeit wählen viele Angehörige oder Nachbarn die 110, rufen also die Polizei. Die aber ist ihrerseits für solche Situationen fachlich nicht qualifiziert und muss dennoch in kurzer Zeit beispielsweise auch über Unterbringungen in einer psychiatrischen Klinik entscheiden, erklärt Oliver Etges, Polizeidirektor des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord. "Die Polizei ist dafür zuständig, wenn von einem Gesundheitsamt niemand zu erreichen ist, also typischerweise am Wochenende oder nachts. Und das sind eben die Situationen, in denen wir den Krisendienst einbinden können."

Hilfsangebot auf gesetzlicher Grundlage

Gesetzlich festgeschrieben wurde diese Hilfe-Möglichkeit für Betroffene und ihr Umfeld im sogenannten Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz, das vor fast drei Jahren nach ziemlich viel politischem Wirbel und öffentlichem Protest verabschiedet wurde.

Eigentlich ging es darum, das ehemalige Unterbringungsgesetz zu reformieren und mehr Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Krankheiten zu bieten. Nach mehreren Runden Tischen, bei denen Expertinnen und Betroffene gehört wurden, legte das Sozialministerium zusammen mit dem Gesundheits- und dem Justizministerium im April 2018 einen ersten Gesetzentwurf vor, mit dem jedoch die Betroffenen und Experten alles andere als zufrieden waren. Klaus Nuißl erinnert sich: "Der erste Entwurf von diesem Gesetz, der war wirklich alles andere als gut. Er war tatsächlich von der Sprache her sehr an den Maßregelvollzug angelehnt."

Viel Wirbel um das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz

Also einem Gesetz ähnlich, das den Umgang mit psychisch kranken Straftätern regelt. Das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz aber regelt den Umgang mit psychisch kranken Menschen, die eben nicht straffällig geworden sind – sondern lediglich für sich selbst oder andere eine Gefahr werden könnten. Der Entwurf sei stigmatisierend und setze Menschen, die Suizidgedanken haben, gleich mit psychisch kranken Straftätern, lautete der Vorwurf damals. Wegsperren statt helfen – das sei der Tenor des Gesetzes, so die Kritik. Dabei sei das Gesetz ausdrücklich als Hilfegesetz angekündigt worden.

Eine dieser Hilfen, die mit einer überarbeiteten Form des Gesetzentwurfes letztendlich auch gesetzlich festgeschrieben wurde, sind die Krisendienste Bayern. Dass dieses Hilfsangebot nun – fast drei Jahre später – tatsächlich überall in Bayern verfügbar ist, freut nicht nur Bezirketagspräsident Franz Löffler, sondern auch Betroffene und Angehörige. Von "Meilenstein" und "großem Wurf" ist die Rede. Und auch Rita Wüst findet als Angehörigenvertreterin lobende Worte: "Denn Krisen sind häufig etwas, was man durch Zeit und Zuwendung meistern kann."

Und zwar eine Form der Zuwendung, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krisendienste gezielt gelernt haben – anders als Streifenpolizisten. Polizeivertreter loben das Angebot, auch selbst den Krisendienst einschalten zu können, wenn sie gerufen werden – wenngleich Polizeidirektor Oliver Etges dies mit einem Wunsch für die Zukunft verbindet: Manche Polizisten würden sich schon jetzt einen weiteren Ausbau des Angebots wünschen. "Manchmal dauert es einfach zu lange, bis der Krisendienst persönlich vor Ort erscheint. Es wäre gut, dass man so einen Fall einfach übergeben kann, indem man sagen kann: He, kümmert ihr euch jetzt bitte um den."

Krisendienst ist kein Wundermittel, aber weitere Hilfe

In Oberbayern und Mittelfranken gibt es die Krisendienste schon seit längerem, fast 30.000 Telefonkontakte und über 1.300 Einsätze vor Ort gab es etwa in Oberbayern im vergangenen Jahr. In Schwaben wurde er dieses Jahr flächendeckend aufgebaut. Ein Wundermittel, um jegliche Unterbringung zu verhindern, seien die Krisendienste dennoch nicht, räumt auch Bezirketagspräsident Franz Löffler ein. Jegliche Unterbringung lasse sich damit nicht verhindern. "Aber es ist halt eine weitere absolut passgenaue Hilfemöglichkeit. So sehe ich das."

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