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Salmonellen-Skandal: Ex-Chef von Bayern-Ei vor Gericht | BR24

© BR/Andreas Wenleder

Nach jahrelangen Ermittlungen beginnt heute in Regensburg der Bayern-Ei-Prozess. Vor Gericht steht Ex-Geschäftsführer Stefan Pohlmann. Es geht um Betrug, um Körperverletzung mit Todesfolge und um einen der größten Lebensmittelskandale Deutschlands.

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Salmonellen-Skandal: Ex-Chef von Bayern-Ei vor Gericht

Nach jahrelangen Ermittlungen beginnt heute in Regensburg der Bayern-Ei-Prozess. Vor Gericht steht Ex-Geschäftsführer Stefan Pohlmann. Es geht um Betrug, um Körperverletzung mit Todesfolge und um einen der größten Lebensmittelskandale Deutschlands.

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Im Sommer 2014 trat in Österreich, Deutschland, Großbritannien und Frankreich eine ungewöhnliche Häufung von Salmonellenerkrankungen auf. Experten kamen damals zu dem Schluss, es handle sich um einen Ausbruch mit rund 500 Erkrankungen und mehreren Todesfällen. Als Quelle identifizierten sie das niederbayerische Unternehmen Bayern-Ei. Das BR-Politikmagazin Kontrovers und die Süddeutsche Zeitung machten den Fall damals öffentlich.

Schwere Vorwürfe gegen Ex-Geschäftsführer

Jetzt, fünf Jahre nach dem Ausbruch, muss sich der ehemalige Bayern-Ei-Geschäftsführer Stefan Pohlmann vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Die Vorwürfe sind schwerwiegend: Es geht um einen Fall von Körperverletzung mit Todesfolge, um gefährliche Körperverletzung in 40 und gewerbsmäßigen Betrug in 470 Fällen. Dazu kommen Verstöße gegen das Lebensmittel- und Tierschutzrecht.

Betrug in Millionenhöhe?

Die Ermittlungen waren äußerst aufwändig. Die Akten umfassen rund 200 Aktenordner. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ließ Stefan Pohlmann ein Jahr lang Eier der Güteklasse A ausliefern, obwohl in seinen Ställen immer wieder Salmonellen nachgewiesen worden waren. Dass Menschen erkrankten, soll er billigend in Kauf genommen haben. Der Angeklagte habe außerdem seine Abnehmer um mehr als fünf Millionen Euro betrogen, weil er ihnen nahezu wertlose Eier verkauft habe.

Angeklagter mit Skandal-Historie

Der Name Pohlmann ist bei Tier- und Verbraucherschützern seit langem berüchtigt. Der Vater des Angeklagten, Anton Pohlmann, galt zwischenzeitlich als einer der größten Eier-Produzenten Europas. Sein Aufstieg zum "Hühnerbaron", der in den 60er-Jahren begonnen hatte, war begleitet von Skandalen. Er soll Haltbarkeitsdaten verändert und Hennen in zu enge Käfige gequetscht haben.

Hennen mit Nikotin besprüht

1996 war er vor dem Landgericht Oldenburg angeklagt, gemeinsam mit seinem Sohn Stefan. Die beiden hatten Hunderttausende Hennen mit hochgiftigem Nikotin besprühen lassen - zur Schädlingsbekämpfung. Ein Arbeiter kam beinahe ums Leben, die Tiere erlitten Vergiftungen und belastete Eier gelangten in den Handel. Anton Pohlmann wurde zu einer Millionenstrafe und einem lebenslangen Berufsverbot verurteilt. Das Verfahren gegen Stefan Pohlmann stellten die Richter gegen Zahlung von 100.000 Mark ein, nachdem sein Vater die Schuld auf sich genommen hatte.

Im Jahr 2006 berichteten Medien bundesweit über eine Fliegenplage im niederbayerischen Dorf Tabertshausen. Eine von Stefan Pohlmanns Hühnerfarmen hatte diese ausgelöst.

Langjährige Haftstrafe möglich

Diesmal steht für Stefan Pohlmann weit mehr auf dem Spiel als bei früheren Skandalen. Denn für Körperverletzung mit Todesfolge sieht das Gesetz eine Haftstrafe von mindestens drei und maximal 15 Jahren vor. Der Angeklagte lässt sich von einem der renommiertesten deutschen Strafverteidiger vertreten: Professor Ulrich Ziegert. Dieser war der Partner des im Jahr 2015 verstorbenen Münchner Star-Anwalts Rolf Bossi. Ziegert bestreitet nicht, dass die Firma seines Mandanten den Salmonellenausbruch ausgelöst haben könnte. Dennoch gehe er "mit großer Zuversicht" in die Hauptverhandlung.

Schwierige Beweisführung

Tatsächlich ist der gerichtsfeste Nachweis einer gefährlichen Körperverletzung in einem derartigen Fall äußerst schwierig. Die Ankläger müssen nicht nur beweisen, dass Stefan Pohlmann eine Kontamination von ausgelieferten Eiern und eine mögliche Erkrankung von Konsumenten billigend in Kauf nahm. Sie müssen auch konkret belegen, dass eine bestimmte Person durch diese Eier erkrankte. "Dieser Nachweis ist bis jetzt nicht gelungen", sagt Pohlmanns Verteidiger Ziegert. Das sieht die Staatsanwaltschaft anders. Die Ermittler stützen sich unter anderem auf Analysen von Lieferwegen, Zeugenvernehmungen, Probenergebnisse und die genetische Analyse von Salmonellenerregern.

Dass beim Prozess lediglich 40 Fälle behandelt werden, liegt laut Landgerichtssprecher Thomas Polnik an prozessökonomischen Gründen. Für eine strafrechtliche Bewertung sei es nicht auschlaggebend, wie viele Menschen erkrankt seien. Deshalb werde man sich auf die Fälle mit den meisten Indizien beschränken.

Sich widersprechende Gutachten

Für das Strafmaß dürfte eine wichtige Rolle spielen, wie die Richter den Fall eines Mannes aus Innsbruck bewerten, der im Sommer 2014 im Alter von 94 Jahren starb. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft wurde ihm ein Essen zum Verhängnis, das mit Eiern aus den Ställen von Bayern-Ei zubereitet worden war. Pohlmanns Verteidiger zufolge ist ein kausaler Zusammenhang mit Bayern-Ei nicht erwiesen. Beide Seiten sehen ihre Auffassung jeweils durch ein Gutachten gestützt.

Tierschützer: Prozess ist "wichtiger Schritt"

Aus Sicht von Tierschützern ist es außergewöhnlich, dass es überhaupt zum Bayern-Ei-Prozess kommt. "Normalerweise werden solche Fälle einfach weggeschnipst", sagt Friedrich Mülln von der Organisation Soko Tierschutz. Meist würden Verfahren eingestellt oder durch einen Strafbefehl abgeschlossen, von dem die Öffentlichkeit nichts mitbekomme. Er sieht deshalb den Bayern-Ei-Prozess als "wichtigen Schritt".

Konsequenzen auf politischer Ebene

Schon jetzt steht fest: Der Bayern-Ei-Skandal hat vieles verändert. Die Behörden im Freistaat hatten der Bevölkerung 2014 fast ein Jahr lang verheimlicht, dass es einen Salmonellenausbruch gegeben hatte. Erst nachdem Kontrovers und SZ den Fall im Mai 2015 nach monatelangen Recherchen aufgedeckt hatten, folgten Sondersitzungen im Landtag, heftige Debatten und ein Untersuchungsausschuss. Als Konsequenz stellte die Staatsregierung die Lebensmittelüberwachung neu auf, mit mehr Personal und einer eigens geschaffenen Kontrollbehörde für Risikobetriebe.