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Saison ohne Volksfeste: Schausteller in Not | BR24

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Kein Volksfest, keine Kirmes, keine Kirchweih - die Corona-Pandemie ist für Schausteller eine Katastrophe. Nicht nur die wirtschaftlichen Einbußen lassen sie verzweifeln, es fehlen auch die zwischenmenschlichen Kontakte. Wie überstehen sie die Krise?

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Saison ohne Volksfeste: Schausteller in Not

Kein Volksfest, keine Kirmes, keine Kirchweih - die Corona-Pandemie ist für Schausteller eine Katastrophe. Nicht nur die wirtschaftlichen Einbußen lassen sie verzweifeln, es fehlen auch die zwischenmenschlichen Kontakte. Wie überstehen sie die Krise?

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Das Oktoberfest ist mit seinen gut 6,3 Millionen Besuchern ein Volksfest der Superlative. Und die Wiesn ist auch eine Jobmaschine: Rund 13.000 Menschen sind hier Jahr für Jahr beschäftigt. In diesem Jahr werden auf der Theresienwiese aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie aber keine Bierzelte, Achterbahnen und Wurfbuden aufgestellt. Nicht nur hier: Öffentliche Großveranstaltungen stehen nach wie vor auf der schwarzen Liste, werden als Superspreader-Events bezeichnet – und dürfen, so der aktuelle Beschluss von Bund und Ländern, bis Ende des Jahres nicht stattfinden.

Fehlende Einnahmen und Investitionen on top

Was das für wirtschaftliche Folgen für die Karussellbesitzer, Achterbahnbetreiber und Standinhaber nach sich zieht? Für viele ist es längst nicht "nur" eine saisonale Nullnummer: Schausteller geben im Winter hohe Summen für Neuinvestitionen und Verschönerungen aus, denn sie müssen sich jedes Jahr aufs Neue bei den Veranstaltern bewerben. Und da muss man mit seinem Geschäft schon attraktiv genug sein, um mithalten zu können. Manche investieren Millionen in High-Tech-Fahrgeschäfte, um weiterhin in der ersten Liga mitspielen zu können.

Corona fraß alle Ersparnisse auf

Schausteller haben keinen "Stammplatz" auf Volksfesten. Den Zuschlag für die großen Feste wie das Oktoberfest zu bekommen, ist für die Schausteller wichtig. Die Stadt München hat Bewertungskriterien für die Bewerber erstellt. Bewertet werden unter anderem Volksfesterfahrung, Ausstattung, technischer Standard, Anziehungskraft, Tradition und Ökologie. Ein Punktesystem entscheidet über die Zulassung. Der Konkurrenzkampf wird immer härter. Millionen müsse man dafür nicht in die Hand nehmen, betont man bei der Stadt München. Aber Erneuerungen seien nötig, um die Geschäfte attraktiv zu halten und dem Zeitgeist anzupassen.

So gibt es bei vielen zum eigentlichen Saisonstart kaum mehr Erspartes. Im Gegenteil: Leasing- und Kreditraten müssen zusätzlich bedient werden: "Das Geld ist weg, sag ich jetzt mal," bilanziert der Schausteller Johannes Braun, "das, was man sich für den Winter auf die Seite gelegt hat zum Restaurieren, zum Leben, das ist verbraucht, das ist einfach so."

Ganze Familien von den Großeltern bis zu den Kindern sind in finanzielle Notlagen gerutscht. Denn Schausteller sind im Normalfall echte Familienbetriebe. Es sind fleißige Menschen mit langen Arbeitstagen – und ihr Gewerbe blickt auf eine über 1.000-jährige Tradition zurück.

Für die Schausteller gibt es keine Lockerungen

Volksfeste standen schon von Anfang an ganz oben auf der schwarzen Liste der Politiker. Und je länger das dauert, je häufiger sie bei den Lockerungen nicht berücksichtig werden, desto mehr fühlen sich Schausteller von der Gesellschaft ausgeschlossen.

"Wenn ich so Sachen hör' wie: Ja, auf uns kann man verzichten … Auf uns kann man nicht verzichten, weil wir bringen die Freude! Wir bringen den Kindern die Freude in die Augen. Und jetzt hat da einfach einer einen Stopp reingemacht, und das ist ganz schrecklich." Sabrina Braun, Schaustellerin

Schausteller: "Wir haben nur unseren Beruf"

Doch die Schaustellerei aufzugeben kommt für die meisten nicht in Frage. Es liegt ihnen im Blut, es ist ihre Mentalität: Sie wollen unterwegs sein, viel arbeiten und anpacken, lebendig und unter Menschen sein. Genau das fehlt im Stillstand – und schlägt sich zusätzlich aufs Gemüt. "Schausteller ist man, man ist da reingeboren", erklärt der 39-jährige Johannes Braun. "Ich bin die siebte Generation in meiner Familie. Und meine ganze Familie, wir sind alle Schausteller, wir arbeiten nicht nebenbei beim Bäcker, bei der Bank. Wir haben kein zweites Standbein, wir haben nur unseren Beruf."

Corona-Soforthilfe reicht nicht zum Leben

Wie kommen Schausteller also durch die Krise? 5.300 Schaustellerfamilien gibt es in Deutschland, auf rund 10.000 Volksfesten jährlich sind sie unterwegs. Im Frühjahr haben Bund und Länder den Schaustellern, wie allen anderen kleinen und mittleren Unternehmen, eine Corona-Soforthilfe angeboten für die betrieblichen Fixkosten. Das löst aber nicht alle Probleme, denn wenn diese Soforthilfe nur für betriebliche Ausgaben gedacht ist, bleibt die Frage: "Von was leb' ich, was ess' ich, was trink' ich? Ich kann kein Geld verdienen - schwierig", so Schausteller Heino Steinker.

Hartz IV - ein schwerer Schritt für die Schausteller

Das Land Baden-Württemberg ergänzt zur Sicherung des Lebensunterhalts die Soforthilfe mit einem "fiktiven Unternehmerlohn" von bis zu rund 1.100 Euro im Monat. Bayern aber nicht - der Freistaat setzt auf Bundesgelder, besser gesagt auf Arbeitslosengeld II: Das können Selbständige in der Corona-Krise für ihren Lebensunterhalt bekommen. Doch der Schritt, Hartz IV zu beantragen, fällt in der Corona-Krise nicht nur den Schaustellern schwer.

Im Juni wird in Berlin von der Bundesregierung ein Konjunkturprogramm von historischer Dimension beschlossen - 130 Milliarden Euro ist es schwer. 25 Milliarden Euro gehen an Überbrückungshilfen für kleine und mittelständische Unternehmen. Für Schausteller bedeutet das: Für die Monate Juni bis August können Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigen 9.000 Euro Überbrückungshilfe bekommen, Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigen 15.000 Euro - wenn sie zwischenzeitlich kein Geld verdient haben. Später plant die Regierung, die Hilfen bis Dezember zu verlängern.

Schaustellerin: "Unser Leben ist auf dem Abstellgleis"

Doch wieder dürfen die Schausteller die Gelder nicht für den privaten Lebensunterhalt verwenden. Sie protestieren in Berlin und München gegen ihr "Berufsverbot" wie sie es nennen. In der Corona-Krise suchen Schausteller mehr denn je die Gemeinschaft. Markthändler, Mandelverkäufer, Schießbudenbesitzer und die großen Player - alle sitzen nun im selben Boot.

"Ich fühl mich auch von der Politik hingehalten, nicht ernst genommen, wer nimmt uns denn ernst? Für die ist das nur ein Thema, die gehen am Abend heim und haben ihr Leben. Für uns nicht. Unser Leben ist auf dem Abstellgleis." Schaustellerin Stefanie Schmidt

Hoffnungsschimmer mit Sommer-Aktionen

Die Schausteller wollen einfach wieder arbeiten dürfen. Und manche Städte und Gemeinden haben reagiert: Kommunen ließen die Schausteller auf ihre Marktplätze, vielerorts wurden "Volksfeste to go" initiiert, München rief den "Sommer in der Stadt" aus. Kein Ersatz für die großen Feste, und auch nicht alle Schausteller kamen zum Zug, aber immerhin ein Hoffnungsschimmer. Aktuell versuchen viele bayerische Städte, die Weihnachtsmärkte mit guten Hygienekonzepten möglich zu machen. Dass sie sich an die neuen Bedingungen anpassen können, haben die Schausteller während der Sommertage bewiesen. Doch die Bundesregierung warnt: Letztendlich hängt alles von den Infektionszahlen im späten Herbst ab.

Wenn es auch in den nächsten Jahren lebendige Volksfeste geben soll, dann müssen Politik und Gesellschaft gemeinsam dafür sorgen, dass die Schausteller die Krise überstehen.

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Ein Jahr ohne Wiesn - das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wegen Corona fällt das Oktoberfest dieses Jahr aus, wie fast alle anderen Volksfeste seit Beginn der Saison im Frühjahr. Schausteller kämpfen seither um ihre Existenz...

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