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Eine Familie aus der Ukraine kam in Aschaffenburg bei einem Russen unter.

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Russe nimmt ukrainische Familie in seiner Wohnung auf

Immer mehr Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in Unterfranken an. Eine siebenköpfige Familie hat in Aschaffenburg Unterschlupf in der kleinen Privatwohnung von Ilja Ljalkow gefunden - einem Russen, der selbst vor 18 Jahren hierher gekommen ist.

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BR24  RedaktionBR24 RedaktionCarlotta SauerCarlotta Sauer
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100 ukrainische Geflüchtete sind seit Beginn des Kriegs in Aschaffenburg angekommen. Der Russe Ilja Ljalkow hat sieben von ihnen aufgenommen – in seiner 40 Quadratmeter großen Wohnung. Ilja selbst ist vor 18 Jahren mit seiner Mutter aus Kaliningrad nach Aschaffenburg gekommen. Als seine Mutter Elena den 30-Jährigen am 2. März fragte, ob er eine Bekannte von ihr aus der Ukraine mit zwei weiteren Frauen und vier Kindern aufnehmen kann, sagte er sofort zu. "Ich halte nichts vom Krieg. Das ist das Ergebnis davon, wenn die Politik versagt. Ich sehe Ukrainer und Russen als ein Volk", so Ilja.

Flucht über Polen dauert fünf Tage

Kurz bevor seine ukrainischen Gäste bei ihm ankamen, hat Ilja die russische Flagge in seinem Wohnzimmer abgehängt. Eine selbstgebastelte ukrainische Flagge mit der Aufschrift "Frieden" ersetzt sie nun. Iljas Gäste sind am dritten Tag des Krieges aus der knapp 90.000 Einwohner-Stadt Uman, 200 Kilometer südlich von Kiew, geflohen. Fünf Tage dauerte ihre Flucht durch die Ukraine und Polen bis nach Aschaffenburg. Um den Grenzübergang zwischen der Ukraine und Polen zu überqueren, mussten sie 18 Kilometer zu Fuß laufen, die Autos stauten sich kilometerlang. Nach fünf Stunden Wartezeit konnten sie in die EU reisen.

Kinder schon in der Schule

Die drei Frauen und vier Kinder im Alter von sieben bis 16 Jahren zählen zu den ersten in Aschaffenburg gemeldeten ukrainischen Geflüchteten. Seit vergangener Woche können die Kinder bereits zur Schule gehen – die Zusammenarbeit mit den Behörden habe gut und schnell funktioniert, sagt Ilja. Die 16-jährige Tina besucht die zehnte Klasse einer Berufsfachschule. Sie hofft, im September ihre Ausbildung zur Krankenschwester fortsetzen zu können, die sie in der Ukraine begonnen hat.

Eine Familie aus der Ukraine kam in Aschaffenburg bei einem Russen unter.

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Kriegsbeginn: Geweckt von Bomben

Am ersten Kriegstag war Tina morgens in Uman von Bomben geweckt worden. In der Nähe ihres Wohnheims wurde eine Lagerhalle getroffen. Dichte Rauchschwaden stiegen von dem Gebäude auf – das zeigt ein Handyvideo, das Tina an dem Tag gemacht hat. "Als ich meine Mutter angerufen habe, um ihr zu sagen, dass ich Schüsse und Bomben höre, hat sie mir nicht geglaubt", sagt Tina. Erst als sie ihrer Mutter dieses Video geschickt habe, hätte sie wirklich begriffen, dass nun Krieg ist.

Schlafen auf engstem Raum

Nun, zweieinhalb Wochen später, sitzen die beiden auf dem Sofa in Iljas kleinem Wohnzimmer. Mit ihnen geflohen sind die Cousine von Tinas Mutter und deren Schwägerin, beide mit Kindern. Fünf Leute passen auf das Sofa, Tina lernt hier mit ihrer Großcousine mithilfe von Vokalbelkarten Deutsch – sie selbst hatte Deutsch in der Schule. Nachts schlafen sie zu fünft auf dem Sofa, zwei Personen auf einer weiteren Matratze. Die Familie ist sehr dankbar für Iljas Hilfsbereitschaft, aber eine Dauerlösung ist das nicht. Sie hoffen sehr, bald eine kleine Wohnung zugewiesen zu bekommen.

Stadt will Wohnungen bereitstellen

Bezogen auf die derzeitige Situation der Flüchtlinge in Aschaffenburg sagt Oberbürgermeister Jürgen Herzing (SPD): "Je mehr kommen, umso enger müssen wir zusammenrücken." Er lobt die Welle der Hilfsbereitschaft und erklärt: "Wir können versprechen, dass wir uns darum bemühen, möglichst viele Wohnungen anzumieten und herzurichten, auch wenn es vielleicht nur ein, zwei Zimmer sind." Dies könne aber mehrere Wochen dauern.

Angst um Verwandte in der Ukraine

In ihrer Heimatstadt Uman ist es bisher relativ ruhig – das weiß Tina von Freunden, die dort geblieben sind. Die russischen Angriffe konzentrieren sich auf die Hauptstadt Kiew, auf Mariupol und auf Charkiw. Trotzdem macht Tina sich große Sorgen um ihre Verwandten, die noch da sind. Früher habe sie sich gut vorstellen könne, als Krankenschwester nach Deutschland zu kommen, um hier zu arbeiten. Aber unter diesen Umständen habe sie niemals ihr Land verlassen wollen, sagt die 16-Jährige. Sie wünscht sich nur eins: "Der Krieg und das Sterben müssen aufhören."

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