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Wolf hinter einem Baum schaut postitiv in die Zukunft.

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Rückkehr des Wolfs: Wie gut ist Bayern darauf vorbereitet?

Seit 1996 gibt es in Deutschland wieder Wölfe. In Bayern sind vor 15 Jahren die ersten Tiere aufgetaucht. Mittlerweile haben sich erste Rudel gebildet. Wie gut ist Bayern darauf vorbereitet?

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Von
  • Doris Fenske

Mahnfeuer, Demonstrationen, emotional geführte Debatten: Landwirtschaftsverbände treten in der Öffentlichkeit laut und klar ablehnend auf, wenn es um den Wolf geht. Abschüsse werden gefordert, Herdenschutz mit Zäunen teils grundsätzlich abgelehnt. Auf der anderen Seite steht der bei uns vor 150 Jahren ausgerottete Wolf, der sich in Bayern wieder ansiedelt und einen internationalen Schutzstatus trägt. Weite Teile der Bevölkerung sind ihm gegenüber positiv eingestellt. Wölfe und Weidetierhaltung – kann ein Nebeneinander in Bayern gelingen?

"Weidehaltung - ohne hundertprozentigen Schutz vor Wölfen."

Einen hundertprozentigen Schutz gegen den Wolf gäbe es nicht, sagt Stefanie Morbach, Herdenschutzberaterin beim Bund Naturschutz in Bayern. Aber gute Zäune seien ein wichtiger Baustein, um Nutztiere auf der Weide vor Wolfsangriffen zu schützen. Wolf und Weidetierhaltung sind ihrer Meinung nach vereinbar. "Die Weidetierhaltung muss auf alle Fälle in Bayern erhalten bleiben, weil sie auch aus kulturellen und naturschutzfachlichen Gründen wichtig ist."

Förderprogramm finanziert Herdenschutzzäune in Wolfsgebieten

Im vergangen April hat die bayerische Staatsregierung ein Förderprogramm auf den Weg gebracht, das Landwirte dabei finanziell unterstützt. Investitionskosten für stromführende Zäune werden zu 100 Prozent finanziert. Begrüßenswert, aber auch reichlich spät, findet Stefanie Morbach, Projektmanagerin eines EU-geförderten Herdenschutzprogramms beim Bund Naturschutz. Denn wie sich jetzt in der Praxis heraus stellt, gibt es eine große Nachfrage nach Zäunen, die von Zaunbaufirmen kaum mehr zu bewältigen ist. Lange Wartezeiten seien die Folge.

Projektmanagerin empfiehlt "Schulung der Wölfe"

Wichtig aber sei, dass Wölfe erst gar nicht die Erfahrung machen, dass ein Zaun ein überwindbares Hindernis darstelle, sprich die Zäune hätten schon längst präventiv errichtet werden müssen. "Ein Wolf lernt an einem schlechten Zaun. Der Erstkontakt muss schmerzhaft sein, so verringern wir die Wahrscheinlichkeit, dass der Wolf es wieder und wieder versucht." Doch in Bayern werden nicht flächendeckend wolfsabweisende, also stromführende Zäune gefördert. Der Staat beschränkt die Förderung auf bestimmte Kulissen: Gebiete, in denen bereits Wölfe leben, oder ein durchziehendes Einzeltier Risse verursacht hat. Daraufhin wird die Region kurzfristig zur Förderkulisse ernannt.

Kommen die Zäune zu spät?

Dann sei das Kind aber bereits in den Brunnen gefallen, so Stefanie Morbach. "Wenn ein Wolf gelernt hat, dass ein Zaun für ihn kein Hindernis darstellt, dann wird er sich davon auch künftig nicht abschrecken lassen. Egal wie hoch der Zaun ist und wie stark der Strom ist." Wichtig wäre, dass Wölfe in Bayern konsequent lernen, dass sie auf einer Weide nichts verloren hätten. Doch im vergangen Jahr kam es nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Umwelt zu acht Übergriffen auf Nutztiere bzw. Gehegewild durch Wölfe. Dabei wurden 28 Tiere gerissen. In keinem einzigen Fall gab es einen für Wölfe abschreckenden Zaun.

Begrenzte Förderzonen

Das Landesamt für Umwelt betont, dass die Förderung von Präventionsmaßnahmen zunächst auf solche Gebiete beschränkt wurde, in denen mit Übergriffen durch Große Beutegreifer mit hoher Wahrscheinlichkeit zu rechnen war.

"Die Förderkulisse Zäune trägt dazu bei, dass die Fördermittel dorthin gelenkt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Die Förderkulisse wird sowohl bei Rissereignissen als auch bei der Feststellung standorttreuer Tiere umgehend erweitert. Die bisherigen Erfahrungen zeigen den befürchteten Lerneffekt nicht." Bayerisches Landesamt für Umwelt

Zaunbauworkshops in Bayern

Für Stefanie Morbach vom Bund Naturschutz geht es aber auch um etwas anderes. Nämlich, das Fachwissen, wie Herdenschutz konkret umgesetzt werden kann. Wie man Zäune zum Schutz vor Wölfen errichtet werden. Das lernen Landwirte nicht in ihrer Ausbildung. Und die Ämter für Landwirtschaft sieht Stefanie Morbach nicht gut gerüstet im Hinblick auf das neue Förderangebot.

"Da fehlen einfach Stellen." Zwar werden vereinzelt Online-Schulungen angeboten, aber eben nicht überall. In der Praxis gebe es oft knifflige Fälle, die eine Vor-Ort-Beratung erfordern, diese könnten die Ämter kaum anbieten.

Um dieses Defizit zu schließen, bietet der Bund Naturschutz in Bayern im Rahmen des EU-Projekts LIFEstockProtect mit mehreren Projektpartnern eine Vor-Ort Beratung und Praxis-Seminare zum Herdenschutz im Hinblick auf Zaunbau und weitere Maßnahmen an. Dazu gehören auch speziell ausgebildete Hunde – sogenannte Herdenschutzhunde.

Freistaat hilft bei der Anschaffung der Herdenschutzhunde

Auch dafür hat die Staatsregierung eine Förderung vorgesehen, die Anschaffungskosten sollen mit bis zu 3.000 Euro bezuschusst werden. Doch obwohl bereits vor einem Jahr angekündigt, ist es bis jetzt nicht möglich, einen Förderantrag zu stellen. Das Bundesland Brandenburg ist da bereits einen weiteren Schritt gegangen und übernimmt beispielsweise auch die Futterkosten für die Hunde.

Haftungsfragen ungeklärt

In der Praxis gäbe es in Bayern noch einige ungeklärte Fragen und Hürden für Landwirte, sagt Stefanie Morbach. Wie zum Beispiel Haftungsfragen bei Fehlverhalten von Spaziergängern oder dem Einsatz von Herdenschutzhunden. Insgesamt wünscht sich die Herdenschutzberaterin mehr Engagement vom Staat.

Mit Geld allein sei es nicht getan, sagt auch Josef Schmid, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft. "Ärger und Sorgen der Tierhalter, verursacht durch die Anwesenheit von Wölfen in Bayern, wiegen Fördermittel nicht auf". Er befürchtet, dass Nebenerwerbsbetriebe, die in Bayern Weidehaltung mit Schafen oder Mutterkühen betreiben, von dem zusätzlichen Aufwand abgeschreckt werden. "Ob die dann ihre Tierhaltung noch aufrechterhalten, ist fraglich."

Dem widerspricht Stefanie Morbach nicht. Auch wenn der Wolf nicht das Ende der Weidetierhaltung in Bayern bedeute: dass der eine oder andere seine Tierhaltung wegen der Notwendigkeit seine Herden schützen zu müssen, aufgibt, hält auch sie für möglich.

Wolf und Weidetierhaltung gut zu vereinen, dazu bräuchte es also noch mehr Engagement vom Staat und viel Anerkennung durch die Gesellschaft. Dass die meisten Bayern Wölfe wollen, hat exakt zum Tag des Wolfes eine Umfrage ergeben, darin haben sich 80 Prozent der Befragten für den Wolf ausgesprochen.

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Dass sich Wölfe wieder in Bayern ansiedeln, freut Naturschützer - manche Bauern und Nutztierhalter aber eher nicht, sie fürchten um ihre Tiere. Die Region Veldensteiner Forst in Mittelfranken übt gerade, wie es sich so mit dem "Neu-Nachbar" lebt.