BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR

Corona hat das Jahr 2020 in Schwaben genauso geprägt wie im Rest Deutschlands. Doch daneben beschäftigten den Regierungsbezirk auch viele wichtige Diskussionen: etwa über Gleichberechtigung, Klimaschutz und Overtourism.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Rückblick - Das Jahr 2020 in Schwaben

Die Politik wurde jünger und weiblicher, Heimaturlauber entdeckten das Allgäu und der Klimaschutz kam vor Gericht. Das Jahr 2020 brachte Schwaben aufsehenerregende Rechtsstreitigkeiten und neue Arten des Grenzverkehrs. Unser Jahresrückblick!

Per Mail sharen
Von
  • Beate Mangold

Das Jahr 2019 endet in Augsburg mit einer aufwühlenden Gewalttat: Am Nikolaustag kommt es am Augsburger Königsplatz zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Männern und sieben Jugendlichen. Durch den Schlag eines 17-Jährigen wird ein Mann so schwer am Kopf getroffen, dass er stirbt. Auch sein Begleiter wird von den Jugendlichen angegriffen und verletzt. 2020 wird der Fall juristisch aufgearbeitet. Erst muss das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der Untersuchungshaft entscheiden und sorgt dafür, dass die meisten Tatverdächtigen freikommen.

Gewalttat vom Augsburger Königsplatz: Umstrittenes Urteil

Am 20. Oktober beginnt dann der Prozess gegen drei Jugendliche: den Haupttäter und die beiden, die mit ihm den Begleiter angegriffen hatten. Angeklagt sind sie wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Körperverletzung. Vor Gericht geht es unter anderem um die Frage, ob dem Haupttäter bewusst war, dass sein Schlag den Mann töten konnte. Am Ende verurteilt das Gericht den 17-Jährigen zu viereinhalb Jahren Jugendstrafe, die beiden anderen zu Bewährungsstrafen. Nicht alle sind mit dem Urteil zufrieden. Das zweite Opfer und die Nebenkläger empfinden das Strafmaß als zu niedrig, die Verteidigung legt Revision gegen das Urteil ein.

Sturmtief Sabine entwurzelt 25.000 Bäume

Zwei Tage im Februar 2020 verursachen im Kemptener Wald die größten Schäden der vergangenen zehn Jahre und auch in anderen Teilen Schwabens sorgt Sturmtief Sabine für Probleme. Für Schüler und Schülerinnen in Bayern bringt Sabine einen Tag ohne Schule. Und das zu Recht: Feuerwehren und Polizei müssen mehrere hundert Mal allein in Schwaben ausrücken, um Brände zu löschen und Straßen zu sichern. Verletzt wird glücklicherweise niemand, die Aufräumarbeiten dauern trotzdem mehrere Tage.

In Augsburg hebt der Sturm das Blechdach eines Gebäudes am Bahnhof an. Höhenretter können das Dach anfangs nur notdürftig sichern. Die Straßenbahn fährt deshalb eine Woche lang nicht bis zum Bahnhof. Die schwersten Schäden richtet Sturmtief Sabine aber in Kempten an. Böen mit bis zu 140 Stundenkilometern reißen dort rund 25.000 Bäume aus dem Boden. Die Schäden werden wohl noch zehn Jahre lang zu sehen sein.

© BR
Bildrechte: BR

Kommunalwahl 2020 in Bayern

Kommunalwahl macht Politik in Schwaben jünger und weiblicher

Wie reagiert man kommunalpolitisch auf eine weltweite Pandemie? Diese Frage haben sich die Kandidaten für die Kommunalwahl im Vorfeld wohl nicht gestellt. Auch im Endspurt des Wahlkampfs 2020 spielt die Corona-Pandemie noch kaum eine Rolle. Den Wahlvorgang selbst beeinflusst sie aber bereits: Im ersten Wahlgang werden die öffentlichen Veranstaltungen und Wahlpartys abgesagt, die Stichwahl findet als reine Briefwahl statt. Nach der Wahl ist die Kommunalpolitik in Schwaben vielerorts weiblicher und jünger.

In Augsburg siegt CSU-Kandidatin Eva Weber – Bayerns drittgrößte Stadt wird damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte von einer Frau regiert. Auch in Neu-Ulm und Lindau werden mit Katrin Albsteiger (CSU) und Claudia Alfons (parteilos) aus Oberbürgermeistern nun Oberbürgermeisterinnen. Unter anderem bei den Landratswahlen schaffen es mit dem 38-jährigen Hans Reichhart im Landkreis Günzburg und dem 37-jährigen Alex Eder im Unterallgäu auch junge Kandidaten auf vordere Positionen. Und auch neue Gruppen haben Erfolg bei der Wahl: In Augsburg, Kaufbeuren und Kempten kommen Generation AUX, Generation KF, und Future for Kempten erstmals in die Stadträte.

Corona bringt dem Allgäu mehr Touristen als erwünscht

Zu Beginn erscheint es wie eine ferne Krankheit in China, doch die Corona-Pandemie wird das Jahr 2020 bestimmen wie kein anderes Thema. In Deutschland und Bayern folgt auf einen ersten Lockdown im Frühjahr die Lockerung der Regeln im Sommer. Daraufhin steigt die Zahl der Infizierten wieder – zum Jahresende steckt das ganze Land in einem zweiten Teil-Lockdown. In Schwaben wird vor allem Augsburg nach den Sommerferien zum Hotspot. Kurzzeitig liegt der Inzidenzwert nirgends in Deutschland so hoch wie hier. Viele der in Bayern geltenden Regeln werden in Augsburg deshalb entweder früher oder strenger umgesetzt. Die Corona-Infektionen nehmen zum Ende des Jahres zwar wieder ab, Kritik am Corona-Management der Stadt gibt es trotzdem.

Auch das Allgäu leidet im Sommer 2020 unter der Pandemie. Heimaturlaub heißt dieses Jahr die Devise. Doch dort, wo Touristen sonst erwünscht sind, wird es jetzt zu viel. Die Berge sind überlaufen, teilweise werden Parkplätze und Straßen gesperrt, damit sich nicht zu viele Menschen beim Wandern begegnen. Gleichzeitig sorgt die nahe Grenze zu Österreich immer wieder für Diskussionen. Erst gibt es wieder Grenzkontrollen, dann müssen sich Berufspendler einmal pro Woche auf das Coronavirus testen lassen. Besonders hart trifft es das Kleinwalsertal. Als österreichische Enklave, die nur über Deutschland erreicht werden kann, ist immer wieder unklar, wie die Corona-Regeln ausgelegt werden. Zeitweise sind die Bewohner im Tal fast eingeschlossen. Auch beim Streit um die Öffnung der Skilifte wird über das Kleinwalsertal diskutiert: Am Ende schließen sich die Betreiber im Tal der deutschen Regelung an und lassen ihre Lifte geschlossen.

© BR
Bildrechte: BR

Das Klimacamp am Fischmarkt neben dem Augsburger Rathaus

Klimaschutz wird in Augsburg vor Gericht verhandelt

Von den einen gefeiert, von den anderen kritisiert – 2020 ist in Augsburg auch ein Jahr, in dem diskutiert wird, was Klima-Aktivisten dürfen. Ende Juli schlagen Mitglieder der Fridays for Future-Bewegung in Augsburg ihre Zelte auf und formen ein Klimacamp. Die Aktivisten lassen sich direkt neben dem Augsburger Rathaus nieder, dort wo manche Stadtratsmitglieder sonst ihr Auto parken. Die Forderungen der Klimacamper: Die Stadt Augsburg soll mehr für den Klimaschutz tun und ihren Beitrag dazu leisten, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten. Solange das nicht passiere, würden sie ihr Camp nicht verlassen. Ihre Forderungen unterstreichen sie mit wissenschaftlichen Diskussionsrunden, Gesprächen mit Stadtratsmitgliedern und Protestaktionen vor Augsburger Unternehmen.

Doch auch im Dezember steht die Forderung der Aktivisten noch, und auch das Klimacamp, obwohl die Stadt Augsburg auch auf juristischem Weg versucht, dagegen vorzugehen. Dabei beteuert die Stadt zwar, dass sie den Klimaschutz ernst nimmt – im Klimacamp sieht sie aber einen Workshop, den die Stadt räumen lassen kann, und keine Versammlung, die durch das Demonstrationsrecht geschützt ist. Das Augsburger Verwaltungsgericht gibt in einem ersten Urteil den Aktivisten Recht. Das Camp darf bleiben. Doch die Stadt will die Frage grundsätzlich geklärt haben und ruft den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof an.

Memmingen streitet um die Gleichberechtigung von Frau und Mann

Männer und Frauen sind gleichberechtigt – so steht es im Grundgesetz. Doch eben dort ist auch die Vereinsautonomie geschützt, also das Recht eines Vereins, selbst über die eigene Organisation zu bestimmen. Doch welches dieser beiden Rechte steht höher? Diese juristische Frage treibt die Memminger wegen eines konkreten Beispiels um: dem Stadtbachausfischen. Jedes Jahr kommen Zehntausende Zuschauer, um bislang ausschließlich Männern dabei zuzusehen, wie sie im Stadtbach versuchen, den größten Fisch zu fangen. Den Frauen bleibt es bislang vorbehalten, am Rand des Bachs zu stehen und als "Kübelmädle" die Fische entgegenzunehmen. Eine Tierärztin, die selbst dem Fischertagsverein angehört, will das nicht mehr hinnehmen.

Nach zwei gescheiterten Anträge bei den Vereinsversammlungen zieht sie 2020 vor Gericht. Und das mit Erfolg: Das Amtsgericht Memmingen sieht eine unzulässige Diskriminierung darin, dass Frauen vom Stadtbachausfischen ausgeschlossen sind. Der Verein beruft sich aber weiterhin auf seine jahrhundertealte Tradition – und entscheidet sich schon kurz nach dem Urteil dafür, in die nächste Instanz zu gehen. Nun wird am Landgericht entschieden, ob die Gleichberechtigung von Mann und Frau von der Tradition ausgehebelt werden darf.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!