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Rückblick 2020: Die Toten des Jahres in Bayern - Teil 2 | BR24

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Ruth Gassmann, Georg Ratzinger, Hans-Jochen Vogel

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    Rückblick 2020: Die Toten des Jahres in Bayern - Teil 2

    In Teil 2 unserer Nachruf-Galerie 2020 treten auf: Münchens vielleicht beliebtester OB aller Zeiten, ein Papstbruder, ein Wiesn-Napoleon - und die Frau, die im Staatsauftrag vor 40 Millionen Zuschauern ein Baby zur Welt brachte ...

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    Von
    • Michael Kubitza

    Claus Biederstaedt: Das Gesicht zur Stimme

    "Kamera läuft, Klappe" - und schon blitzte ihm der Schalk aus den Augen. "Arlette erobert Paris", "Feuerwerk", Drei Männer im Schnee" (Bild), "Die Post geht ab": Obwohl seine Jugend zwischen Weltkrieg und Vertreibung aus Ostpreußen als Drama begann und als Familientragödie endete, etablierte sich der Filmschauspieler Claus Biederstaedt im Nachkriegsfilm schnell als Mann fürs Sektlaunenkino, ersatzweise auch TV-Krimis.

    Noch bekannter als sein Gesicht war seine Stimme. "Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein" - das gesprochene Intro zur Kultserie Raumpatrouille Orion war ein echter Biederstaedt, und auch wer in Deutschland Filme mit Marlon Brando, Yves Montand oder einen "Columbo" sah, hatte oft Biederstaedt im Ohr. Im Sommer starb er nach langer Krankheit in Eichenau bei Fürstenfeldbruck.

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    Claus Biederstaedt (* 28. Juni 1928 † 18. Juni 2020 in Eichenau)

    Georg Ratzinger: Kirchenmusiker mit feinem Ohr und harter Hand

    Dass er einmal "Papstbruder" werden würde, konnte der langjährige Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger nicht ahnen. Was bei den Regensburger Domspatzen an Missbrauchsfällen passierte, will der langjährige Leiter des berühmten Chores nicht geahnt haben.

    Der Gendarmensohn Georg Ratzinger, geboren 1924 unweit von Altötting, war mit Leib und Seele Kirchenmusiker. Schon mit fünf Jahren soll er in den Kirchen des Traunsteiner Landes "prächtig" Harmonium und Orgel gespielt haben. Den Knabenchor mit seiner über tausendjährigen Tradition führte Ratzinger (hier ein Interview) in den Jahren 1964 bis 1994 zu Gastspielen in aller Welt und zu künstlerischen Höhen; die Tiefenbohrungen der Theologie überließ er seinem Bruder, dem Regensburger Uni-Professor, Münchner Kardinal und späteren Papst. Es waren andere Zeiten, in denen man genau hinhörte und nicht so genau hinschaute, wie der göttliche Funke der Musik geschlagen wurde.

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    Georg Ratzinger (* 15. Januar 1924 † 1. Juli 2020)

    Tilo Prückner: Der "erfolgreichste Loser der Republik"

    Schrullige Typen am Rande der Gesellschaft waren das Markenzeichen von Tilo Prückner, der in Augsburg geboren wurde, in Nürnberg zur Schule ging und sein erstes Bühnenengagement am Münchner Theater der Jugend hatte. Schon seinen ersten Preis erhielt er 1976 für die Rolle eines Stehgeigers namens Hännschen Wurlitzer. Sein Partner in der Gaunerkomödie "Bomber und Paganini": Mario Adorf.

    Seine Söhne, erzählte er mal, hätten es gehasst, "den Vater immer überlebensgroß als Loser zu sehen. Dann habe ich immer gesagt, ich bin der erfolgreichste Loser der Bundesrepublik." In der Tat: Prückner glänzte in Film und Fernsehen als trinkfester Kumpel von Dieter Hallervorden in "Didi der Doppelgänger", als eingebildeter Kranker in "Adelheid und ihre Mörder", als mürrischer "Rentercop" - eine Serie, die in diesen Wochen fortgesetzt worden wäre.

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    Tilo Prückner * 26. Oktober 1940 † 2. Juli 2020

    Martin Breitenbach: Der Motorradpfarrer

    Der Gruß des Müllmanns war ihm wichtiger als der Segen des Bischofs. Und wenn nötig, kritisierte Roland Breitenbach, Pfarrer in Schweinfurt, auch den Papst. Sein Credo war: Nicht aus der Kirche austreten, sondern engagiert auftreten.

    Bayernweit bekannt aber wurde er für seine Motorrad-Gottesdienste, zu denen tausende Motorradfahrer anrollten. Es war ein bemerkenswerter Anblick, wie geduldig die oft sehr wild aussehenden Biker sich für ihre Segnung anstellten. Bis dem Motorradpfarrer 2014 ein folgenschwerer Fahrradsturz zum Verhängnis wurde. Danach musste er es langsamer angehen lassen.

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    Bildrechte: picture-alliance / dpa | Wolf-Dietrich Weißbach

    Roland Breitenbach * 7.8.1935 † 5. Juli 2020

    Hans-Jochen Vogel: Unermüdlich anständig

    In seiner großen Zeit als jüngster deutscher Oberbürgermeister ab 1960 hatte er Zustimmungswerte, um die ihn selbst die CSU beneidete. Dabei prägte die Amtszeit des Top-Juristen Vogel, was Münchner nicht unbedingt schätzen: Permanente Veränderung. Die U-Bahn wurde gebuddelt, Neuperlach gebaut, die Fußgängerzone eingerichtet. Krönender Abschluss: die Olympischen Spiele 1972 - die bereits sein Nachfolger eröffnen durfte.

    Vom Glück begünstigt war er selten. Vogel scheitert bei seinen Anläufen auf die Münchner Staatskanzlei, das Bonner Kanzleramt und bei der Verteidigung des Bürgermeisteramts in Berlin, das er eher aus Pflichtgefühl übernommen hatte. Ehrenrührig ist das nicht: Seine Gegner hießen Strauß, Kohl und Weizsäcker. Und weil der Sozialdemokrat unermüdlich für das kämpfte, was ihm wichtig war - "Politik und Anstand" (so der Titel eines Vogel-Buchs), Gerechtigkeit, Frieden in Europa - und sich selbst mit über 90 noch im Kampf gegen explodierende Grundstückspreise ins Zeug legte, dürfen wir uns Hans-Jochen Vogel als glücklichen Menschen vorstellen.

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    Hans-Jochen Vogel * 3. Februar 1926 † 26. Juli 2020

    Ruth Gassmann: das lächelnde Gesicht der Aufklärung

    "Helga-Filme"? Für viele unter 50 kein Begriff - obwohl die Blockbuster-Trilogie der 60/70er-Jahre vielleicht einen gewissen Anteil an ihrer Entstehung hatte. Über den ersten der drei Filme schrieb der "Spiegel" 1968: "'Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens' ist der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten und ein Staatsstreich zugleich." 40 Millionen Zuschauer weltweit sahen im Auftrag der Bundesregierung gedrehte Nahaufnahmen von Mann und Frau, von Liebe, Sex - und eine Geburt, die so echt inszeniert war, dass etliche Zuschauer in Ohnmacht fielen.

    Titelheldin der Aufklärungsstreifen: die in Augsburg geborene Ruth Gassmann. Ihre zweite Heimat fand die mit einem Atomphysiker verheiratete Schaupielerin auf der Theaterbühne. Jetzt ist sie im Alter von 85 Jahren in Aschheim bei München gestorben.

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    Ruth Gassmann (* 1. März 1935 † 7. August 2020)

    Gerhard Meir: Der Barbier von Glamourville

    Es war kein gutes Jahr für Friseure. Zu oft mussten sie tatenlos zusehen, wie ihre Kunden "obenrum verwilderten". Und dann starben binnen zweier Monate die bekanntesten deutschen Vertreter des Fachs: Im November der Berliner Udo Walz, Haarbeauftragter von Marlene Dietrich, Claudia Schiffer und Angela Merkel. Zuvor hatte bereits Bayerns Starcoiffeur Gerhard Meir Schere und Champagnerglas für immer aus der Hand gelegt.

    Bundesweit bekannt wurde er, indem er Gloria Fürstin von Thurn und Taxis optisch in eine "Punkprinzessin" verwandelte. Das wollten andere auch. Und weil Meir beim Haareschneiden genau zuhörte, schrieb er bald einen Roman über die Dramen zwischen Galabuffet und Haarwaschbecken, verfasste Zeitungskolumnen, wurde interviewt. Der Promihaar-Schneider war ein Promi-Haarschneider geworden. Jetzt ist er mit nur 65 Jahren gestorben.

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    Gerhard Meir

    Richard Süßmeier: Der Napoleon von der Wiesn

    Die Zeitungen haben ihm den Spitznamen "Wirte-Napoleon" verpasst - wegen seiner Frisur, seiner Körpergröße, aber wohl auch, weil er sich als kleiner Wirt mit kleinem Zelt nach ganz oben gekämpft hat. Sein "Winzerer Fähndl" war eine ehemalige Reichsarbeitsdienstbaracke am Fuße der Bavaria, der Platz so begrenzt, dass der Hendl-Grill im Freien stehen musste. Schon bald aber war Richard Süßmeier Herr des Armbrustschützenzelts und Gastgeber für Maria Callas, Königin Beatrix und Bill Clinton.

    Den Spitznamen ließ sich Süßmeier gefallen - sonst aber nicht viel. Süßmeier war vom "Verein für deutliche Aussprache", selbst wenn es gegen die CSU ging. Als der aufstrebende Münchner Verwaltungsreferent Peter Gauweiler der schlecht eingeschenkten Maß den Kampf angesagt hatte, reagierte Süßmeier mit einer provozierenden Plakataktion: "Gauweiler is watching you!" Wenig später Süßmeiers Waterloo: Dem Wiesnwirt wurde nach einer Razzia wegen Schankbetrug und illegaler Beschäftigung die Lizenz entzogen (auch wenn mehr als 100 Kellnerinnen und andere Süßmeier-Angestellte im Rathaus für ihn demonstrierten). Auf die Wiesn ging er danach immer noch gern - aber lieber nachmittags, wie er mit 87 erzählte.

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    Richard Süßmeier * 22. August 1930 † 30. November 2020

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