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Revolutioniert der bayerische Menschenaffe Udo die Evolution? | BR24

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Madeleine Böhme, Paläoanthropologin in Tübingen, im Bayern 1-Interview

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Revolutioniert der bayerische Menschenaffe Udo die Evolution?

Fast 12 Millionen Jahre alt und offenbar recht gut zu Fuß: der Fund des Menschenaffen Danuvius Guggenmosi, genannt Udo, lässt die Fachwelt aufhorchen. Muss Kapitel 1 der Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden?

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Zwölf Millionen Jahre: so lange ist es her, dass sich ein Menschenaffe entschloss, aufrecht in die Zukunft zu gehen. Und das in Pforzen, Bayern. Eine kleine paläologische Sensation, die bisherige Vorstellungen von der menschlichen Evolution in Frage stellt - erklärt die Paläoanthropologin Madelaine Böhme:

"Die neue Gattung, die wir gefunden und beschrieben haben - Danuvius Guggenmosi - ist zu unserem Erstaunen ein aufrecht gehender Menschenaffe. Das war nach der Theorie gar nicht möglich, weil der aufrechte Gang ein Merkmal von uns Menschen ist." Madelaine Böhme, Madelaine Böhme, Universität Tübingen

Madelaine Böhme ist so etwas wie die Adoptivmutter unseres kleinen Vorfahren, den die Forscher Udo genannt haben, weil am Tag seiner Entdeckung - dem 17. Mai 2016 - Udo Lindenberg gerade seinen 70. Geburtstag feierte und permanent im Radio lief. Udos Fundort: ein 11,6 Millionen Jahre alter Bachlauf im Ostallgäu. Erst war es nur ein Oberkiefer, der aus der Vergangenheit auftauchte und Anlass für Spekulationen und weitere Grabungen gab. Insgesamt 37 einzelne Überbleibsel von Danuvius alias Udo haben sich im tonreichen Grund erhalten, genug, um nach jahrelanger Auswertung ein ziemlich genaues Bild von ihm zu rekonstruieren.

Halb Affe, halb Mensch

Danuvius Guggenmosi war etwas mehr als einen Meter groß und 30 Kilo schwer, mit längeren Armen und einem Greiffuß, wie wir das von Affen kennen - zugleich aber mit gestreckten Knien, gerader Hüfte und einer S-förmigen Wirbelsäule, was ihn menschenähnlich macht. Ein Mann des Übergangs, meist auf Bäumen anzutreffen, aber auch auf dem Boden gut unterwegs und damit perfekt an seine damalige Umgebung angepasst.

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Ungefähr so könnte Danuvius Guggenmosi ausgesehen haben.

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Das erste Fundstück: sein Kiefer.

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Noch aufschlussreicher war allerdings das Knochengerüst des Menschenaffen - etwa Überreste von Hüft- und Kniegelenken.

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So ungefähr könnte der Lebensraum ausgeschaut haben ....

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.. in dem er sich behände und gut zu Fuß fortbewegte. Im Bild: ein entfernter Verwandter Udos, der Weißhandgibbon.

Das Allgäu seiner Zeit war wie heute relativ regenreich, mit an die 20 Grad jährlicher Durchschnittstemperatur aber deutlich wärmer - heute liegt das Jahresmittel bei gut acht Grad. Damit dürfte die Region fast durchgehend von Bumbestand gewesen sein, allerdings nicht dicht wie im Bayerischen Wald oder gar dschungelartig, sondern eher locker, wie das bei heutigen Auwäldern der Fall ist.

Gut zu Fuß seit 12 Millionen Jahren

Die Forschungsergebnisse liefern also mindestens zwei neue Fußnoten zur Vorgeschichte der Menschheit: Zum einen zeigt der Danuvius Guggenmosi, dass unsere Vorfahren etwa doppelt so lang auf zwei Beinen unterwegs waren wie bisher angenommen - rund zwölf statt sechs Millionen Jahre. Zum anderen hatten bisherige Funde etwa in Kenia den afrikanischen Kontinent als Wiege der Menschheit erscheinen lassen. Dank Udo ist nun auch Mitteleuropa mehr als Nebenschauplatz einer von der Natur bald stillgelegten Seitenlinie namens Neandertaler. Für Tracy Kivell, Professorin an der University of Kent, macht der Fund plausibel, wie ein gemeinsamer Vorfahr von Mensch und afrikanischen Menschenaffen ausgesehen haben könnte.

Rendezvous mit Danuvius: wann und wo?

Zu sehen ist Danuvius Guggenmosi bisher nur in der Sammlung der Universität Tübingen. Doch Madelaine Böhme ist durchaus daran gelegen, ihren Fund, zu dem inzwischen auch einzelne Knochen einer Menschenäffin zählen, einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen - vielleicht auch an seinem Fundort, wo Bürgermeister Herbert Hofer interessiert auf den neu ausgegrabenen Ur-Verwandten reagiert. Erste Gespräche laufen bereits. Und zum Mitgraben ist ohnehin jeder ernsthaft Interessierte eingeladen:

"Ich nenne unsere Arbeit 'Bürgergrabung': wir graben gemeinsam mit Bürgern aus dem Allgäu, ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz. In jedem steckt ein kleiner Entdecker. Das einzige, was Sie brauchen, ist Geduld und Freude an der Sache."
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Pforzen im Allgäu