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Rettet die Käfer - und die Käferexperten! | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Unterwegs mit den Insektenkundlern Peter Brandl (links) und Hans Mühle (rechts).

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Rettet die Käfer - und die Käferexperten!

Obwohl sich alle um die Insekten sorgen, kennen sich immer weniger mit ihnen aus. Die Käferexperten Hans Mühle und Peter Brandl sind regelmäßig für den Artenschutz unterwegs, um Käfer zu sammeln, zu bestimmen und für die Forschung zu archivieren.

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Hans Mühle und Peter Brandl sind ehrenamtliche Käfersammler und -bestimmer. Sie sammeln heute in den Innauen südlich von Rosenheim Käfer. Denn niemand weiß genau, welche Arten und wie viele Käfer hier vorkommen.

"Wir waren beide noch nicht hier. Und wir wollen einfach mal sehen, stochern und schauen, was fällt runter. Um die Jahreszeit, um die Tageszeit. Es ist immer ein Unterschied, ob sie früh, mittags, abends gehen oder nachts. Es kommt immer was anderes." Käfersammler Hans Mühle

Krabbelnde Käfer in absterbenden Ästen

Erfahrene Käferkundler wie Mühle und Brandl gibt es immer weniger in Deutschland. Über 60 Jahre suchen sie bereits weltweit Käferarten und unterstützen so die Naturschutzbehörden, die den Tierbestand im Auge behalten müssen. Die heutige Bestandsaufnahme im Auwald hat die Regierung von Oberbayern genehmigt. Käfersammler Hans Mühle sammelt die Käfer in einem engmaschigen weißen Netz. Vor dem weißen Hintergrund des Stoffs heben sich die kleinen Käfer-Tiere deutlich ab.

"Da ist einer. Das sind so die kleinen Käfer, die nicht sehr oft von den Leuten gefunden werden. Weil sie an den trockenen Ästen vorbeigehen. Der heißt Scylocleptis bispinosus. Und der entwickelt sich hier in der Waldrebe drin in den absterbenden Ästen." Käfersammler Hans Mühle

Gefangen für die Käfersammlung

Kleine Käfer wie diesen Apion-Rüsselkäfer saugen die Sammler mit einem Schlauch in ein Sammelröhrchen und nehmen sie mit. So winzig kleine Exemplare müssen die Experten später durch ein Mikroskop anschauen, um zu erkennen, was sie für eine Art vor sich haben. Die Käfer werden im Gläschen mit Essigsäure betäubt und eingeschläfert. Denn die Tiere sollen nicht leiden, und die Vorschriften sind streng:

"Alles, was man fängt, muss auch bestimmt werden, präpariert werden und in eine Sammlung eingeordnet." Peter Brandl

Seltene Käfer, rare Experten

Käfer sind Tausendsassas – sie bestäuben, kompostieren, und dienen anderen Tieren als Nahrung. Käfer sind weltweit die artenreichste Tiergruppe. In Deutschland wurden bisher etwa 6.500 Käferarten entdeckt. Deshalb konzentrieren sich Käfersammler in der Regel auf eine bestimmte Familie von Käfern. Doch die Experten werden immer rarer:

"Das sind auch Blattkäfer, die gehören in die Gruppe der Altiziden. Da ist jetzt vor zwei Jahren unser Spezialist gestorben. Jetzt gibt es noch zwei Leute in Deutschland, die die bestimmen können. Der eine macht wegen Überarbeitung und weil er halt noch nebenher berufstätig ist, eine kleine Firma hat, nix und der andere schlägt auch die Hände überm Kopf zusammen. Das heißt, hier müssen wir uns mit nicht immer genauen Bestimmungsergebnissen so durchlavieren." Hans Mühle

Das Verschwinden der Käfer

Eine neue Generation Käfersammler wird also dringend gesucht. Käfer und Käfersammler werden weniger. Trotz der Kälte der letzten Tage haben die Experten doch einige Käferarten finden können. Damit sind Brandl und Mühle zwar zufrieden, aber unzufrieden sind sie damit, wie es den Käfern sonst in Bayern geht.

"Insgesamt ist das deutlich weniger geworden. Ja, die Artenvielfalt, die man früher finden konnte. Zum Beispiel in dem Bereich, im Norden von München in der berühmten Echinger Lohe hat's Arten gegeben, traumhaft, wo sie heute sagen, dass ist außen rum alles bewirtschaftet. Die Arten sind alle verschwunden." Petrer Brandl

Selbst entdeckte Prachtkäfer

Umso wichtiger ist es, jeden Fund genau zu dokumentieren. Deshalb geht es jetzt ins Käferreich von Hans Mühle zu faszinierenden Exemplaren aus Südafrika, Australien, Asien. Zu Arten, die man seit dem 19. Jahrhundert kennt und Arten, die Hans Mühle erstmals entdeckt hat, wie zum Beispiel "Bubastoides barri" und auch "Anthaxia gottwaldi". All diese Käfer gehören zu den sogenannten Prachtkäfern, auf die sich der ehemalige Förster spezialisiert hat. Knapp 40.000 Exemplare hat er bis heute archivieren können.

"Es ist einfach unerschöpflich. Wir haben noch so viel zu tun; wir wissen fast nichts über die Käfer! Wir kennen von unseren deutschen Käfern nur etwa von 30 Prozent der Arten die Lebensweise, was sie für Larven haben, die Entwicklung. Das heißt, wir müssen einfach immer weitermachen, noch ehe eben der Großteil ausgerottet ist." Hans Mühle

Hindernisse für Käfer-Forscher

Um so dramatischer, dass der Forscher-Nachwuchs fehlt. Ein Grund dafür ist wohl die anspruchsvolle Bestimmungsarbeit. Für eine exakte Arten-Bestimmung der Käfer muss sich ein Anfänger bis zu zehn Jahre einarbeiten. Und die Insektenkundler beklagen noch ein weiteres Hindernis. Zum Sammeln muss bei den Behörden jedes Mal eine Genehmigung beantragt werden - teilweise mit viel Aufwand. Die Käferforscher können das nur schwer nachvollziehen.

"Dass wir punktuell, wenn wir an einem Tag sammeln, eine Genehmigung brauchen, aber die ordnungsgemäße Land- und Forstwirtschaft flächig eingreift in Ökosysteme, da fehlt mir das Verständnis dafür." Hans Mühle

"Was man nicht kennt, schützt man nicht"

Die Zukunft der Käfer macht Hans Mühle und Peter Brandl Sorgen. Ihre Sammlungen und Aufzeichnungen haben sie bereits der Zoologischen Staatssammlung in München überschrieben. Und seit Jahren wird dort auch DNA von Käfern gesammelt, damit die Artenbestimmung gesichert ist. Den Experten ist aber wichtig, dass auch weiter nach Käfern gesucht wird. Peter Brandl erklärt, warum das wichtig ist:

"Das ist eine ganz, ganz typische Frage. Weil man sagt, wen interessiert denn das, ob Melolonta hippocastani, der Bruder vom normalen Maikäfer, ob‘s den gibt oder nicht? Den kennt sowieso kein Mensch. Also ist das sowieso nicht schlimm. Was man nicht kennt, schützt man nicht, weil man überhaupt nicht weiß, dass es das gibt." Peter Brandl

Viele kleine Käfer sind leicht zu übersehen. Sie brauchen weiterhin ihre Fürsprecher.

© pa/dpa/Willfried Gredler-Oxenbauer

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