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Der Reha-Bedarf dürfte wegen der Corona-Langzeitfolgen in Zukunft zunehmen.

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    Reha-Kliniken in Sorge: Weniger Patienten, aber gleiche Kosten

    Leere Betten und mehr Arbeit für das Personal: Je länger die Corona-Krise dauert, desto mehr trifft sie einige Reha-Einrichtungen. Vor allem aber gärt ein finanzieller Streit mit den Krankenkassen. Wer sitzt am längeren Hebel?

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    Von
    • Tobias Brunner

    Wenn Raphael Nguyen durch das Rehazentrum Bad Kötzting geht, sieht er die Corona-Folgen an vielen Ecken: gesperrte Trainingsgeräte, Zimmer mit nur einem belegten Bett, große Luftfilter und vieles mehr. Nguyen leitet die Reha-Einrichtung mit den Schwerpunkten Orthopädie, Neurologie und Geriatrie. "Es ist gerade eine große Herausforderung, wirtschaftlich zu arbeiten", erzählt er.

    Denn aktuell sind die beiden Häuser nur zu knapp 65 Prozent ausgelastet, in normalen Zeiten wären es zwischen 90 und 100 Prozent. Doch mehr Patientinnen und Patienten kann er wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nicht aufnehmen. Zugleich sinken die Kosten nicht – im Gegenteil.

    Im Speisesaal bietet das Rehazentrum nun zwei Zeitfenster fürs Essen an, weil statt vier Personen nur noch zwei an einem Tisch sitzen dürfen. Auch die Gruppen bei den Therapien sind kleiner als sonst, wodurch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denselben Kurs mehrmals hintereinander halten müssen. Und dann sind da natürlich noch die zusätzlichen Kosten für Hygiene-Maßnahmen wie Luftfilter, Plexiglaswände, Coronatests und ähnliches.

    Viele Reha-Betten müssen wegen Corona leer bleiben

    Wie stark die Auslastung in der Corona-Krise in der gesamten Reha-Branche gesunken ist, zeigt eine Umfrage des Verbands der Privatkrankenanstalten in Bayern (VPKA) unter 25 Einrichtungen. Im März waren in fast allen Fachgebieten gerade einmal 70 Prozent der Betten oder weniger belegt, in der Neurologie sogar nur etwa die Hälfte. Einzig die Onkologie kam auf 85 Prozent, denn hier können viele Operationen nicht verschoben werden, da sie für die Betroffenen oft überlebenswichtig sind.

    In anderen Fachrichtungen wurden hingegen Eingriffe, etwa an der Hüfte oder am Kniegelenk, wegen Corona zurückgestellt. Hinzu kommt, dass auch Patienten selbst vermehrt mit ihrer Reha zögern – teils aus Angst vor einer Infektion, teils wegen der Schutzmaßnahmen, die das Training erschweren.

    Ein Drittel der Rehazentren von Insolvenz bedroht?

    All das verschärft die finanzielle Lage einiger Einrichtungen, die ohnehin angeschlagen sind. "Schon vor Corona waren bis zu 28 Prozent insolvenzgefährdet", sagt der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff von der Universität Münster.

    Denn viele Einrichtungen erwirtschaften laut von Eiff zu wenig Geld. "Was sie für die Behandlung an Entgelt bekommen, reicht nicht aus, um in die Substanzerhaltung zu investieren und schon gar nicht in Innovation." Er rechnet damit, dass die Pandemie das Risiko von Insolvenzen weiter verstärkt.

    Staat hilft Reha-Einrichtungen finanziell – aber nur begrenzt

    Zwar erstattet der Staat einen Teil der Kosten für jedes nicht belegte Bett – je nach Träger sind dies 50 Prozent bei der gesetzlichen Rentenversicherung und bis zu 75 Prozent bei der gesetzlichen Unfall- und Rentenversicherung (für die mit dem Bundesgesundheits- und Bundesarbeitsministerium im Übrigen zwei unterschiedliche Behörden zuständig sind).

    Doch weil diese Beträge kaum ausreichen, hat die Bundesregierung mit dem Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz (GPVG) eine zusätzliche Möglichkeit geschaffen, damit Reha-Einrichtungen und Kostenträger individuell über weitere Ausgleichszahlungen verhandeln können. Oder eher: "könnten", wie Raphael Nguyen sagt. "Ich habe zu diesen Verhandlungen aufgerufen, schon vor Monaten. Doch sie finden nicht statt."

    Krankenkassen widersprechen Reha-Kliniken: Hygienezuschlag als Hilfe

    Auf BR-Anfrage verweist die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE) auf einen Hygienezuschlag von täglich acht Euro pro Patient, der bereits gezahlt werde. "Das Angebot wurde von einer Vielzahl der stationären Rehabilitationseinrichtungen angenommen", schreibt die ARGE.

    Raphael Nguyen kann darüber nur den Kopf schütteln. "Was Reha-Kliniken angenommen haben, ist eine vorübergehende Zahlung dieses Hygienezuschlags", sagt er. Aber Verhandlungen über einen Ausgleich für fehlende Einnahmen habe es eben nicht gegeben - "darauf warten wir alle noch." Allenfalls könne man bisher von einem "Informationsaustausch" sprechen, heißt auch beim Verband der Privatkrankenanstalten.

    In der Branche ist deshalb von einem "Friss oder stirb"-Angebot die Rede, das nicht einmal die Kosten für zusätzliche Maßnahmen decke.

    Reha-Bedarf steigt wegen Langzeitfolgen von Corona

    Auch der Gesundheitsökonom von Eiff sagt: "In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Kostenträger eine größere Machtposition haben." Er fordert deshalb, das Vergütungssystem in der Rehabilitation grundlegend zu reformieren, damit es sich am tatsächlichen medizinischen Aufwand orientiert und nicht vom individuellen Verhandlungsgeschick der Einrichtungen abhängt.

    Im Rehazentrum Bad Kötzting wäre Geschäftsführer Nguyen für den Moment schon damit geholfen, wenn die Politik das System für den Corona-Ausgleich verbessern würde. Aus seiner Sicht ist die Strategie der Kostenträger, "einfach abzuwarten und den finanziellen Druck immer größer werden zu lassen".

    Dabei dürfte auch der Reha-Bedarf in nächster Zeit deutlich größer werden, Experten sehen bereits einen Stau kommen. Denn nicht nur die geschobenen Operationen müssen nachgeholt werden, in Zukunft werden aufgrund von Corona-Langzeitfolgen wohl auch noch mehr Menschen als bisher eine Rehabilitation benötigen.

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