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Regionaler und nachhaltiger aufgrund der Coronakrise? | BR24

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Könnte die Coronakrise zur Chance werden, Wirtschaftskreisläufe insgesamt nachhaltiger und regionaler zu gestalten?

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Regionaler und nachhaltiger aufgrund der Coronakrise?

Viele Menschen zeigen sich zurzeit solidarisch, kaufen regionaler ein, zum Beispiel beim Bauern um die Ecke. Gleichzeitig steigen Online-Einkäufe und damit Paketlieferungen. Die Medaille hat zwei Seiten. Kann die Krise aber auch eine Chance sein?

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Bevor das Coronavirus unmittelbar in Deutschland angekommen war, befürchteten schon viele Branchen Lieferengpässe. Vor allem der Medizinsektor: Rund 80 Prozent der Vorstufen von Arzneimitteln werden in Asien produziert, vor allem in China. Deutschland und die Region sind von Importen abhängig. Das macht die Pandemie schmerzhaft deutlich.

Coronakrise: alles Wissenswerte finden Sie hier

Wirtschaftsmodell grundsätzlich hinterfragen

Marlene Mortler aus Lauf an der Pegnitz sitzt für die CSU im Europäischen Parlament und dort im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Sie sieht die Krise als Chance solche Strukturen zu überdenken. Jetzt könnten Schwächen im Lebens- und Gesundheitsstil, in der Politik und auch im Wirtschaftsmodell grundsätzlich hinterfragt werden, so Mortler. Die CSU-Abgeordnete war viele Jahre Vorsitzende der Landfrauen im Nürnberger Land. Deshalb sei es ihr "ein wichtiges Anliegen unser Einkaufsverhalten zum einen aber auch unser Ernährungsverhalten zum anderen zu hinterfragen", so Mortler.

Trend zur regionalen Landwirtschaft

Vor allem im landwirtschaftlichen Bereich ist aktuell ein solcher Trend spürbar, den Mortler sehr begrüßt. So auch Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz. Er freut sich, dass zum Beispiel die solidarische und regionale Landwirtschaft gerade einen Aufschwung erfährt. Seiner Meinung nach reicht das aber nicht aus. Mergner sieht die Corona-Krise als einen "Weckruf zum Überdenken der Globalisierung" und findet deutliche Worte.

"Wenn wir etwas aus dieser massiven Krise lernen müssen, dann ist es, dass unser bisheriges Wirtschaftssystem auf Ausbeutung von Mensch und Natur gerichtet ist und dass wir jetzt die Chance haben es tatsächlich zu verändern." Richard Mergner, Vorsitzender Bund Naturschutz

Nachhaltigkeit endet nicht in der Region

Der Blick auf das Thema Nachhaltigkeit – vor allem in der Landwirtschaft – führt über die eigene Region hinaus. Es geht laut Bund Naturschutz etwa nicht nur darum, das Fleisch vom Bauern nebenan zu kaufen. Richard Mergner sieht dabei einen weiteren wichtigen Punkt, zum Beispiel beim Import von Futtermitteln.

"Wenn ich im Laden ein Schnitzel oder eine Wurst kaufe, dann mag das zwar vielleicht noch vom Bauern um die Ecke produziert worden sein. Aber sobald er in seinem Schweinetrog das Kraftfutter aus gentechnisch verändertem Soja-Anbau aus Brasilien wo vorher Regenwald war einsetzt, dann ist das kein Regionalprodukt." Richard Mergner, Vorsitzender Bund Naturschutz

Richard Mergner hofft, dass die Menschen gelernt haben, wie global vernetzt die Lebensmittelwelt ist. Jetzt müsse sich massiv etwas ändern, wenn die Produktion umweltverträglicher und regionaler werden soll.

Weniger einseitige Abhängigkeiten der Wirtschaft?

Veronika Grimm schaut dabei auf die wirtschaftlichen Abläufe. Sie ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als Wirtschaftsweise ist sie außerdem Teil des wichtigsten wirtschaftspolitischen Beratungsgremiums der Bundesregierung. Veronika Grimm geht davon aus, dass es nach der Krise unter Umständen weniger einseitige Abhängigkeiten im Wirtschaftskreislauf geben könnte. Sie sieht aber auch Nachteile.

"Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sich die internationale Verflechtung der Wirtschaft in allen Bereichen stark reduzieren wird. Wir profitieren ja auch sehr stark von internationalen Lieferketten. Und wir werden verschiedene Bereiche sicherlich überdenken müssen aber im Endeffekt müssen auch die Konsumenten bereit sein für regionale Produkte höhere Preise zu zahlen." Veronika Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftlehre an der FAU Erlangen-Nürnberg

Regio-Trend nur vorübergehend?

Die Wirtschaftswissenschaftlerin geht davon aus, dass die internationale Verflechtung der Wirtschaft in vielen Bereichen auch nach der Krise Bestand haben wird. Sie zweifelt außerdem daran, dass sich eine stärkere regionale Nachfrage über die Krise hinaus etabliert. Dass diese aktuellen Trends wahrscheinlich nur ein vorübergehendes Phänomen sind, darin sind sich Veronika Grimm und Marlene Mortler einig.

Das Risiko, schnell wieder zurück in alte Verhaltensmuster verfallen ist also groß. Dennoch besteht die Chance, auch aus der Krise zu lernen.

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