Elfriede Schütz (l.), Leiterin des Projekts "EineWelt-Hebammen" und Hebamme Friederike Beisenherz.

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Regensburger "EineWelt-Hebammen": Einsatz für geflüchtete Frauen

Regensburger "EineWelt-Hebammen": Einsatz für geflüchtete Frauen

In Regensburg begleiten sechs freiberufliche Hebammen in Flüchtlingsunterkünften Schwangere vor und nach der Geburt. Einmal in der Woche bieten sie eine Sprechstunde im Ankerzentrum an. Freud und Leid liegen hier teils nah beieinander.

Sechs freiberufliche Hebammen begleiten in Flüchtlingsunterkünften Schwangere vor und nach der Geburt. Einmal in der Woche bieten sie eine Sprechstunde im Ankerzentrum in Regensburg an. Das Projekt, das seit sieben Jahren existiert, wurde kürzlich mit dem Bayerischen Integrationspreis ausgezeichnet.

Begegnung vor Ort, mit Friederike Beisenherz. Sie ist zufrieden: Das Herz des Ungeborenen schlägt in der Norm, das heißt zwischen 110 und 160 Mal pro Minute. Die Hebamme mit den roten kinnlangen Haaren hält einen der beiden runden Messfühler des Herzton-Wehenschreibers gegen die Bauchdecke der schwangeren Amel.

Amel heißt in Wirklichkeit anders, sie möchte zu ihrem eigenen Schutz und dem ihrer Familie nicht bei ihrem echten Namen genannt werden. Sie ist Mitte 30 und kommt aus dem Irak. Wie alle Frauen, die die "EineWelt-Hebammen" in ihrer Sprechstunde im Ankerzentrum in Regensburg betreuen, ist Amel aus ihrem Herkunftsland geflüchtet. Amel spricht Arabisch, eine Dolmetscherin übersetzt zwischen ihr und der Hebamme Friederike Beisenherz.

Hilfe für 800 Schwangere und Mütter

Für Amel ist es nicht das erste Kind. In einigen Wochen erwartet sie einen Jungen, doch der Rahmen ist dieses Mal ein anderer. Eine Begleitung durch Hebammen, wie sie in Deutschland üblich ist, kennt sie aus dem Irak nicht, wie sie sagt: "Wenn ich einen Termin bei den Hebammen habe, bin ich so glücklich. Ich freue mich sehr, wenn ich hierherkommen kann. Die Hebammen kümmern sich wie eine Mutter um eine Tochter. Ich fühle mich bei ihnen in Sicherheit."

Die "EineWelt-Hebammen" gibt es seit 2015. Die Initiative hatte sich gegründet, als Hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland kamen. Etwa 800 geflüchtete Frauen haben die Hebammen nach eigenen Angaben seither begleitet - unter ihnen viele aus Syrien, dem Irak, Äthiopien oder Nigeria. Neben der Vorsorge in der Schwangerschaft gehört auch die Nachsorge nach der Geburt einschließlich der Wochenbettbetreuung zur Arbeit der Hebammen.

"Learning by Doing"

Beisenherz ist von Anfang an dabei. Mit psychischen Belastungen hätten einige der Frauen am meisten zu kämpfen, sagt sie – Folgen teils traumatischer Erlebnisse im Herkunftsland, auf der Flucht. Dazu kämen sprachliche Barrieren, das Zurechtfinden in den Strukturen eines fremden Landes und die Angst vor einer möglichen Abschiebung. Immer wieder vermitteln die Hebammen Kontakte, unter anderem zu Wohlfahrtsverbänden, Ärztinnen und Ärzten, Asyl- oder Schwangerenberatungsstellen.

Die Verbindungen sind über die Zeit entstanden. Dadurch "dass wir jetzt sieben Jahre hier sind, haben wir eine sehr gute Vernetzung geschaffen", so die 62-jährige Elfriede Schütz, Leiterin des Projekts "EineWelt-Hebammen. "Mittlerweile sind wir schneller geworden, weil wir viel mehr Leute kennen. Das ist irgendwie 'Learning by Doing'." Auch mit Organisationen, die Opfern von Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Gewalt Unterstützung bieten, bringen die Hebammen die Frauen bei Bedarf zusammen.

Dolmetscherinnen als Bindeglied

In der Sprechstunde im Regensburger Ankerzentrum kümmert sich Schütz um die nächste Schwangere. Eine junge Frau in einem dünnen knielangen Jeansmantel und schwarzer Stoffhose betritt den Raum. Sie ist ebenfalls im Computersystem erfasst - Ruzya steht in der Namenszeile. Leicht zögerlich läuft sie am Waschbecken und dem hölzernen Wickeltisch mit Wärmelampe vorbei. Zwar ist Ruzya in den vergangenen Monaten schon einige Male hier in der Sprechstunde gewesen, eine Selbstverständlichkeit ist es, so wirkt es, für sie dennoch nicht.

Ruzya werde zum ersten Mal Mutter, sagt Elfriede Schütz. Sie erwarte ein Mädchen. Die Hebamme hilft ihr, in einem Schwingsessel mit beigem Polster Platz zu nehmen. Schütz spricht Englisch, nur so und mit Hilfe einer Dolmetscherin kann sie mit Ruzya kommunizieren. Ruzya kommt ursprünglich aus Tigray, einer Region im Norden Äthiopiens – sie spricht Tigrinya.

Informationen für die Schwangeren

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Hilfe zur Selbsthilfe

Vor einigen Monaten war Ruzya im Ankerzentrum angekommen, in wenigen Wochen ist der errechnete Geburtstermin. Elfriede Schütz erkundigt sich nach dem Befinden der Schwangeren und der Aktivität ihres Kindes im Bauch. Sie gibt Tipps gegen Rückenschmerzen und für die Ernährung, danach erklärt die 62-Jährige Ruzya, welche Untersuchungen jetzt anstehen. "Wir messen deinen Blutdruck, prüfen den Urin und nehmen Blut ab für den Hepatitis-Test", so Schütz. Der Test müsse bei allen Schwangeren vor der Geburt gemacht werden, erklärt sie.

Die Vorsorge für die geflüchteten schwangeren Frauen und die Nachsorge nach der Geburt rechnen die "EineWelt-Hebammen" nach der entsprechenden Gebührenverordnung in der Regel mit dem Sozialamt ab. Daneben suchen sie immer wieder nach Wegen, wie sie den Frauen bei Bedarf auf möglichst einfache Weise zeigen können, auf was sie achten sollten, wenn das Baby auf der Welt ist.

Begleitung auf Zeit

Bei den Tipps, die sie geben, versuchen die Hebammen, wie sie sagen, nicht zu dogmatisch sondern offen für alternative Vorgehensweisen zu sein – zumindest bei gewissen Themen. Neben ihrer Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften betreuen sie andere Schwangere und frischgebackene Mütter in Regensburg und Umgebung.

Die teils schweren Schicksale der geflüchteten Frauen bewegen die Hebammen - die schönen Momente mit ihnen wiegen deshalb umso mehr, sagt Beisenherz: "Wir werden die Frauen nicht ewig begleiten können, aber wenn der Anfang schon mal gut ist, wenn es gelungen ist, dass die Frau nicht Angst hat und dass die Frau lacht mit dem Baby, redet mit dem Baby, liebt, dann bin ich zufrieden, dann freue ich mich. Dann ist meine Aufgabe erfüllt."

Erster Platz beim Bayerischen Integrationspreis

Vor kurzem wurde das Projekt "EineWelt-Hebammen" mit dem Bayerischen Integrationspreis ausgezeichnet. Die 3.000 Euro Preisgeld für den ersten Platz wollen die sechs Hebammen auch unter anderem in die Geburtsvorbereitung investieren. In Form von Kursen und mit Hilfe verschiedener Materialien wollen sie den geflüchteten schwangeren Frauen künftig noch mehr Wissen vermitteln - über ihren eigenen Körper, den Ablauf einer Geburt und das Stillen.

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