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Roland Büchner: Institution in einer existenziellen Krise | BR24

© picture alliance/Armin Weigel/dpa

Roland Büchner, Leiter der Regensburger Domspatzen bei einer Übung mit Schülern.

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    Roland Büchner: Institution in einer existenziellen Krise

    Roland Büchner leitete die Regensburger Domspatzen 25 Jahre als Domkapellmeister. Mitten in seine Amtszeit fiel die schwierige Phase der Missbrauchsaufarbeitung.

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    Roland Büchner übernimmt die Leitung der Regensburger Domspatzen im Jahr 1994 von Georg Ratzinger, dem Bruder des späteren Papstes Benedikt XVI. Der gebürtige Unterfranke Büchner studiert katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik und ist bei seinem Amtsantritt der erste nichtgeistliche Domkapellmeister seit Jahrhunderten. Er führt den Chor zu Weltruhm. Im Juli 2019 wird er feierlich verabschiedet.

    Büchners Art, wie er den Chor und die ganze Domspatzen-Institution leitete, ist vermutlich das genaue Gegenteil zum autoritären und gewalttätigen Stil seiner Vorgänger. Im Umgang mit seinen Sängern ist er zwar leidenschaftlich und gelegentlich streng, aber immer auch fürsorglich und motivierend. Büchner räumt ein, dass die 25-jährige Arbeit mit immer neuen Kindern anstrengend gewesen sei, andererseits hätten ihn die Jungen auch jung gehalten. 'Bü' nennen sie ihn so respektvoll wie kameradschaftlich, und einer der Abiturienten bringt es auf den Punkt: "Der Bü hat die Domspatzen sehr stark geprägt und das Bild der Domspatzen in der Welt natürlich auch."

    Einen Traum erfüllt

    Im letzten Jahr seiner Amtszeit erfüllt sich für Roland Büchner endlich ein Traum, den er seit 25 Jahren hat: "Vom ersten Moment an, wo ich hier als Domkapellmeister begonnen habe und diese vielen wunderbaren Gesänge erlebt habe, habe ich gesagt: Ich möchte mit diesen Gesängen und den Domspatzen nach Israel!" Im September 2018 reisen Büchner und der Chor ins Heilige Land, unter der geistlichen Leitung des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer. Büchner zeigt sich überwältigt von den Eindrücken auf dieser Pilgerreise: "So habe ich es mir vorgestellt, und so soll es weitergehen."

    Beim Besuch des Chores in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem ist der Domkapellmeister tief bewegt, er ringt um Worte. Um Verzeihung bitten für die Massenvernichtung von sechs Millionen Juden durch die NS-Diktatur, das reiche nicht aus. Gegen alle Regeln der Gedenkstätte entschließt sich der Chor, einen alttestamentarischen Psalm zu singen, das Miserere von Gregorio Allegri. Büchner ist in Yad Vashem die unrühmliche Vergangenheit der Domspatzen besonders bewusst. Ab 1933 ließ sich der Chor unter seinem Leiter Theobald Schrems nur allzu willig zu Nazipropaganda instrumentalisieren, trat bei Parteiveranstaltungen der NSDAP auf und sang im von der Wehrmacht besetzten Paris.

    Institution in einer existenziellen Krise

    Als im Jahr 2010 die ersten Fälle von Missbrauch und Misshandlungen bei den Domspatzen bekannt werden, überrollt das die Verantwortlichen der Institution wie ein Tsunami. Reporterteams tauchen auf, eines dringt sogar ins Haus ein, und Schüler des Domspatzen-Gymnasiums werden auf dem Weg in den Supermarkt unvorbereitet befragt.

    Büchners Amtszeit dürfte wegen des Missbrauchsskandals eine der schwierigsten in der langen Geschichte der Chorleiter gewesen sein. Seine Aufgabe gleicht einem Spagat: er muss und will die Aufarbeitung vorantreiben, gleichzeitig seinen Chor schützen und um Vertrauen für die Institution werben, deren Ruf so ramponiert ist, dass die Anmeldezahlen stark sinken. Und so überkommen Büchner auch Zweifel, ob er der Herkulesaufgabe gewachsen sei. Aber vor allem wegen seiner jungen Sänger, die mit dem Skandal nichts zu tun haben, will er nicht aufgeben. "Gerade das hat mich dann auch wieder hochgezogen und mir gesagt: Büchner, jetzt komm, geh ran, du musst weitermachen!"

    Christian Heiß, seit September 2019 der neue Domkapellmeister in Regensburg, beschreibt die Situation seines Vorgängers in der Hochphase der Missbrauchsaufarbeitung so: "In dem Moment hat der Domkapellmeister ganz viel abbekommen. Büchner ist in die Zeit gefallen, er konnte nichts dafür."

    Dankbarkeit, Freude und ein bisschen Stolz

    Nach 25 Jahren ist Büchner seit Ende Juli 2019 endgültig Pensionär. Ganz leicht gefallen ist ihm der Abschied von den Domspatzen nicht. Aber vor allem schwingen Dankbarkeit und Freude mit. Und ein bisschen Stolz, denn er war ein Kapitel in der über 1.000-jährigen Geschichte des Domchors. Für seinen Ruhestand hat Büchner natürlich Pläne gemacht: zum einen will er mehr wandern und reisen. Aber auch noch einmal studieren: und zwar Italienisch und Kunstgeschichte. Um den Chor möchte er erst einmal einen Bogen machen. Damit sich die Jungen an den Neuen gewöhnen können.